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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.06.2013

Momente eines schweren Lebens

Miriam Toews: "Mr. T., der Spatz und die Sorgen der Welt", Berlin Verlag 2013

Miriam Toews erzählt in diesem Buch von ihrem Vater, der sein Leben lang unter Depressionen litt. (AP)
Miriam Toews erzählt in diesem Buch von ihrem Vater, der sein Leben lang unter Depressionen litt. (AP)

Dieses Buch ist kein Roman, sondern eine Spurensuche. Miriam Toews versucht, ihren depressiven Vater und seinen Selbstmord zu verstehen. In kurzen und längeren Episoden entsteht so die Lebensgeschichte eines zutiefst unsicheren Menschen - der aber auch glückliche Moment kennt.

"Mr. T., der Spatz und die Sorgen der Welt": Der verspielte Titel scheint nur auf den ersten Blick gar nicht zum Thema zu passen – gerade in seiner Gegensätzlichkeit passt er jedoch hervorragend zu dem (sehr schön gestalteten) Buch. Es ist die Geschichte des Vaters der Autorin Miriam Toews, mitgeteilt in Aufzeichnungen und Notizen, die denen gleichen, die Mr T. offenbar tatsächlich sein Leben lang verfasst hat.

Melvin Toews litt sein Leben lang unter Depressionen, heute würde man eine bipolare Störung diagnostizieren. Das grundlegende Gefühl, vollkommen unzulänglich zu sein, wurde 40 Jahre lang in Schach gehalten von seiner Arbeit als Grundschullehrer, der er mit unglaublichem Engagement, großer Begeisterung und Begeisterungsfähigkeit nachging. Seine beiden Töchter waren fassungslos, als sie ihren Vater als Lehrer erlebten. Zu Hause sprach er (einmal ein ganzes Jahr lang) gar nicht und verbrachte die meiste Zeit im Bett. In guten Phasen legte er allerdings einen Garten an, ging auf Betreiben seiner Frau Elvira mit ihr und der Familie auf Reisen und traf Freunde. Aber im Wesentlichen steckte er seine Energie in die Schule und in den Aufbau einer Stadtbibliothek in Steinbach, einer mennonitisch geprägten Kleinstadt in Kanada.

Nach seiner Pensionierung bricht er zusammen. Ein leichter Gehirnschlag macht ihn desorientiert und vergesslich. Die Zettel, die er sich sein Leben lang zur eigenen Orientierung geschrieben hatte, werden lebenswichtig und helfen doch nicht mehr. Das Gefühl, "nichts auf die Beine gestellt" zu haben, wird übermächtig. Eines Maimorgens 1998 lässt er sich von einem Zug überfahren.

Dieses Buch ist kein Roman, auch wenn es sich teilweise so liest, sondern eine Spurensuche. Miriam Toews versucht, ihren Vater und seinen Selbstmord zu verstehen, indem sie das fortsetzt, was sie während seines letzten Krankenhausaufenthalts auf seine Bitten hin oft getan hat: Sie schrieb ihm Sätze gegen das Vergessen auf, die ihm zur Selbstvergewisserung und Orientierung dienten. So verbindet das Schreiben Vater und Tochter. In kurzen und längeren Episoden, die chronologisch angeordnet sind, wenn auch von Erinnerungssprüngen und Gegenwartsfetzen durchsetzt, entsteht die Lebensgeschichte eines zutiefst unsicheren Menschen, der auch glückliche Moment kennt, eine überaus liebevolle Frau und zwei Töchter hat und teilweise ein erfolgreiches bürgerliches Leben lebt.

"Mr. T., der Spatz und die Sorgen der Welt" vermittelt Einblicke in die Psyche dieses Menschen, seine Verzweiflung und Isolation, aber auch seine Freuden. Der Sinn für Situationskomik trägt dazu bei, dass die hellen Momente eines schweren Lebens erkennbar werden und das Buch selbst alles andere als depressiv, sondern erstaunlich lebensvoll, farbig und oft einfach schön ist. Bei allen Annäherungsversuchen an das, was nicht mehr einzuholen ist, ist der Text niemals übergriffig; er vermittelt stets den Respekt vor diesem sehr fremden Menschen. Am Ende steht Versöhnung: "Dad, du hast dir deine Ruhe verdient."

Besprochen von Gertrud Lehnert

Miriam Toews: Mr. T., der Spatz und die Sorgen der Welt. Das Leben meines Vaters
Aus dem Englischen von Christiane Buchner und Martina Tichy
Berlin Verlag, Berlin 2013
256 Seiten, 19,99 Euro

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