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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.08.2010

Momente des Kontrollverlusts

Herman Koch: "Angerichtet", Roman, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010, 309 Seiten

Ein feines Restaurant garantiert noch kein feines Tischgespräch
Ein feines Restaurant garantiert noch kein feines Tischgespräch (intuitivmedia.net)

Ein hochspannender Familienthriller aus den Niederlanden: Herman Koch überzeugt in "Angerichtet" mit einer provozierenden Erzählerstimme und zeichnet ein faszinierendes, düsteres Sittenbild.

"Die Flusskrebse werden von einer Vinaigrette aus Estragon und Frühlingszwiebeln umspielt" – so raunt im Nobelrestaurant der Oberkellner ins Ohr des Gastes. Zwei Brüder treffen sich mit ihren Ehefrauen zum guten Essen. Dabei kochen vor allem die Emotionen hoch. Ein feindseliger Blick bestimmt die Perspektive, wenn der Ich-Erzähler und frühpensionierte Geschichtslehrer Paul Lohmann von seinem erfolgreichen Bruder Serge erzählt, einem hochrangigen Politiker. Es ist eine ebenso pointierte wie ressentimentgeladene Suada über die Gemeinheit des Machtmenschen, seine Geschmacklosigkeiten, seinen schlechten Stil bei Essen, Sex oder Urlaub (baguetteselige Niederländer in Frankreich!). Auch der Spott über die Rituale der gehobenen Küche und die prätentiösen Speisen ist köstlich.

Und dann entwickelt sich ein unerhörtes Familiendrama: Die beiden fünfzehnjährigen Söhne der Familien haben gemeinsam ein schweres Verbrechen begangen, das im intimen Kreis bewältigt werden will. Sie haben eine übel riechende Obdachlose, die ihnen vor einem Bankautomaten im Weg lag, gequält und getötet. Das Verbrechen (ein Mord?) wird mit einer zeitlupenhaften Intensität geschildert, die an Dostojewskis "Schuld und Sühne" denken lässt.

Von dem Geschehen vor dem Bankautomaten kursieren Handy-Bilder im Netz; sie wurden auch im Fernsehen gezeigt und haben die Niederlande moralisch aufgewühlt. Aber noch sind die Täter nicht identifiziert. Und die Brüder sind zum Abendessen zusammengekommen ("Wir müssen über unsere Kinder sprechen"), um Schadensbegrenzung zu betreiben. Aber die Strategien sind unterschiedlich. Der Ex-Lehrer und seine Frau bevorzugen die skrupellose Vertuschung, der Politiker plant einen öffentlichkeitswirksamen Bekenner-Auftritt.

Gewalt ist das in vielen Variationen durchgespielte Grundmotiv des Romans. Nicht nur unter den Jugendlichen, die alles andere als prekäre Kids sind, gehört sie zum Imponiergehabe, auch die Eltern sind schnell bereit, zivilisierte Grenzen zu überschreiten. Mit der Figur des Paul Lohman treibt Koch die Methode des "unzuverlässigen Erzählers" auf die Spitze. Dieser Mann ist krank. Es fällt zunächst kaum auf, denn auch der Leser hat Spaß an seinen treffenden Gehässigkeiten, seinem Hohn über die politische Korrektheit, seiner Wut und seinem bösen Witz.

Dann aber wird Lohman immer wieder hinweggetragen von irritierenden Gewaltphantasien. Die er schließlich des Öfteren auch in Momenten des Kontrollverlusts auslebte. Einen Schuldirektor, von dem er sich provoziert fühlte, hat er zusammengeschlagen. Seitdem muss er regelmäßig dämpfende Psychopharmaka einnehmen. Dass er es am Ende bewusst nicht tut, findet den Beifall seiner Frau: "Das ist der Paul, den ich liebe." Die Tat des Sohnes rückt durch die – nie klar definierte – Krankheit des Vaters in eine andere Perspektive: Handelt es sich womöglich um die Wiederkehr eines genetischen Defekts? Es wäre eine besondere Herausforderung für die Elternliebe.

Dieser hochspannende Familien-Thriller, zugleich ein ebenso düsteres wie faszinierendes Sittengemälde, wird kein Geheimtipp bleiben. In den Niederlanden war "Angerichtet" ein ausdauernder Bestseller. Die Meisterschaft des Buches zeigt sich vor allem in der provozierenden Erzählstimme Paul Lohmans. In einem Interview hat Herman Koch gesagt: "Wenn man es schafft, den richtigen Ton zu treffen, dann hat man schon die DNA des ganzen Buches". Das ist hier geglückt.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Herman Koch: Angerichtet. Roman
Aus dem Niederländischen von Heike Baryga
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010
309 Seiten, 19,95 Euro