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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.11.2005

Moderne Frauen allein zu Haus

Susanne Gaschke: "Die Emanzipationsfalle. Erfolgreich, einsam, kinderlos"

Rezensiert von Kim Kindermann

Lesende junge Frau am Ufer des Main in Frankfurt (AP)
Lesende junge Frau am Ufer des Main in Frankfurt (AP)

Deutschland geht der Nachwuchs aus. Zwei Drittel der heute 35-jährigen Akademikerinnen haben keinen Nachwuchs. Und sind damit klassische Opfer der Frauenbewegung. So zumindest lautet die provozierende These von Susanne Gaschke in ihrem Buch "Die Emanzipationsfalle. Erfolgreich, einsam, kinderlos."

Glück gehabt. Gerade noch so vorbei getappt an den Fallstricken der Emanzipationsfalle, die mich zwar erfolgreich, dafür aber einsam, weil kinderlos, in die Zukunft hätte blicken lassen. Immerhin kam mein Kind gerade noch rechtzeitig vor meinem 35. Geburtstag zur Welt.

Ansonsten wäre ich jetzt trauriger Bestandteil der Akademikerinnen, die alle nach 1965 geboren wurden und von denen Zwei Drittel ohne Nachwuchs einer trüben Zukunft entgegenblicken, im Westen wie inzwischen auch im Osten. Schuld an dieser Misere, die später unser aller Misere ist, nämlich dann, wenn der Generationenvertrag wegen fehlendem Nachwuchs nicht mehr finanzierbar ist, ist die Frauenbewegung. Dank ihrer fühlen sich Frauen heute nicht primär Kindern und Haus verpflichtet, sondern streben nach einer Erfüllung im außerhäuslichen Berufsleben.

Und das hat die bereits beschriebenen Folgen: In den letzten 40 Jahren hat sich die Geburtenrate halbiert, von 1,4 Millionen auf 700.000 Kinder. Ohne Frauenbewegung wäre alles noch im Lot. Das zumindest impliziert Susanne Gaschkes reichlich provokanter Buchtitel "Die Emanzipationsfalle. Erfolgreich, einsam, kinderlos." Eine Falle, in die vor allem die Töchter der Frauenbewegung geraten sind. Also, die Frauen, die heute 30, 40 Jahre alt sind. Und genau um sie geht es in dem Buch der Journalistin und ZEIT-Redakteurin Susanne Gaschke. Selbst in dieser Zeit geboren, spricht sie oft aus eigenen Erfahrungen.

Wer jetzt aber eine feurige Lobpreisung der finsteren Vor-Emanzipationszeiten erwartet, wird herb enttäuscht. Denn die Uhr zurückdrehen will Susanne Gaschke keineswegs. Vielmehr sucht sie nach Gründen für den zugegebenermaßen dramatischen demographischen Wandel, dem unserer Gesellschaft gegenübersteht, wo zukünftig ein Heer aus Alten – dabei vor allem alter Frauen (!) - einer kleinen Gruppe von jungen Menschen gegenübersteht. Und so belegt sie in einer flotten wie auch messerscharfen Analyse, dass die Frauenbewegung zwar Antworten auf viele dringende Probleme gefunden hat und so Frauen heute fast jeder Bereich offen steht, dabei aber die (Un-)Vereinbarkeit von Kind und Karriere wenig beachtet und die Frage nach dem Altersabend von allein stehenden, ehemals beruflich erfolgreichen Frauen völlig ausgeblendet hat.

Und so ist die Generation der nach 1965 geborenen Frauen zwar so gut ausgebildet wie noch keine Generation davor, ist finanziell unabhängig und beruflich erfolgreich, aber sie befindet sich auch einer Art "Gebärstreik", wie Susanne Gaschke meint. Beginnt das Dilemma doch schon spätestens nach dem Ende des Studiums: Junge Akademikerinnen, die sich erst mit Ende 20 am Anfang ihrer Berufslaufbahn befinden, stehen vor dem scheinbar unlösbaren Problem: Wann nämlich ist der richtige Zeitpunkt für ein Kind? Wie lässt sich das mit dem Beruf vereinbaren? Verbaut man sich nicht die Aufstiegschancen? Oft wird jedenfalls so lange abgewogen, bis der richtige Zeitpunkt vorbei ist und die Frauen erkennen müssen, dass sich ihr Kinderwunsch in diesem Leben nicht mehr so ohne Weiteres verwirklichen lässt.

Denn wenn frau plötzlich ja sagt zum Kind, also Kopfgeburt quasi, muss sie unter Umständen bemerken, dass der dazugehörige Mann gar nicht so leicht aufzutreiben ist. Entweder sind sie schon vergeben, sind einsame Wölfe, die sich nicht binden wollen, oder sie gehören in eine Kategorie, "über die wir gar nicht reden müssen". Ganz schnell erinnert da das reale Leben an eine Ally McBeal- oder Sex-and-the-City-Episode, bei der zumindest Susanne Gaschke das Lachen im Hals stecken bleibt. Beobachtet sie doch eine zunehmende Infantilisierung in der Gesellschaft, deren Hauptaugenmerk auf einer Beautiful-Young-People-Ästhehtik liegt, in der schlanke, durchtrainierte Erfolgsfrauen, zwar dem Traummann hinterher hecheln, aber von Verantwortung im Allgemeinen und für ein Kind schon gar nichts wissen wollen. Lustig ist das nicht, so die Autorin, die in der Mutterschaft nicht nur "den letzten großen und wirklich bedeutsamen Unterschied zwischen den Geschlechtern" sieht, sondern auch eine nationale Frage, deren Beantwortung nun mal primär Frauensache ist. Natürlich weiß Susanne Gaschke auch um den Anteil, den Männer an der schlechten Geburtenlage haben.

Sie widmet diesem Thema sogar ein eigenes Kapitel in ihrem Buch, genauso wie sie schwungvoll über die praktizierte Familienpolitik schreibt, aber immer liegt sie den Fokus auf die Rolle der Frau. An sie wendet sie sich, sie gilt es zu überzeugen. Wort- und witzreich appelliert Susanne Gaschke daher an die jungen Frauen, sich dem Leben zu stellen, endlich erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Kurz: Ein Kind zu bekommen. Denn das macht zwar Arbeit und kostet auch eine Stange Geld, auch das verschweigt die Autorin nicht, aber es sei eine sichere Waffe gegen die drohende Einsamkeit im Alter. Ob das wirklich überzeugt? Mich nicht. Denn Susanne Gaschkes Buch bietet trotz allem Witz und aller Studien, Untersuchungen und Befragungen, die sie als Beleg für ihre Aussagen nutzt, keinen Ausweg aus der von ihr beschriebenen "Emanzipationsfalle". Vielmehr ist das Buch eine gekonnte Schilderung des Ist-Zustandes. Es liest sich flüssig und stimmt auch nachdenklich, aber überzeugende Antworten, warum Frauen unbedingt ein Kind bekommen sollen, findet hier niemand, denn die Garantie auf ein betreutes Alter können Kinder gar nicht leisten.


Susanne Gaschke:
"Die Emanzipationsfalle. Erfolgreich, einsam, kinderlos"

224 Seiten,
16,00 Euro.

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