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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 13.07.2015

MittelmeerSehnsuchtsort, Flüchtlingsfalle, Kulturraum

Von Anne Françoise Weber

Ein Schlauchboot mit Flüchtlingen auf dem Mittelmeer (picture alliance / dpa / Christian Kruse)
Auf dem Weg nach Europa: Flüchtlinge in einem Boot auf dem Mittelmeer (picture alliance / dpa / Christian Kruse)

Für viele Flüchtlinge stellt das Mittelmeer eine nahezu unüberwindliche Barriere dar. Dabei stand das Mittelmeer jahrhundertelang nicht für das Trennende, sondern für das Verbindende eines gemeinsamen Kulturraums, meint Anne Françoise Weber.

Als ich vor wenigen Wochen die Kisten für meine Rückkehr von Kairo nach Berlin packte, kam mir ein Heft der Kulturzeitschrift "du" in die Hände. Thema: "Islam - Die Begegnung am Mittelmeer". Stolze 21 Jahre alt.

Interessant, dass es meine zahlreichen Umzüge seither überstanden hat. Interessant auch, dass mir der Titel überholt vorkommt. Die Begegnung mit dem Islam ist heute viel klarer direkt in Deutschland verortet, mit Salafisten in den Fußgängerzonen und islamischer Theologie an den Universitäten.

Und doch: für mich persönlich traf es zu. Muslimen bin ich in Tunesien, im Libanon, in Israel/Palästina, in Bosnien und in Ägypten viel direkter begegnet als je zuvor in Deutschland oder Frankreich.

Und auch historisch stimmt es: Im Mittelmeerraum haben sich Islam und Christentum hart auseinandergesetzt, aber auch gegenseitig befruchtet, wurden Kreuzzüge organisiert, aber auch griechische Wissenschaften über das muslimische Andalusien nach Europa zurückgeführt.

Und dort, wo eine beträchtliche christliche Minderheit erhalten blieb, ist das Miteinander von Muslimen und Christen zum Alltag geworden. Immer wieder von politischen Meinungsverschiedenheiten überschattet, von Kriegen unterbrochen und durch Auswanderung verändert, aber doch kaum auszulöschen.

Begegnungen der Religionen

Eine Begegnung am Mittelmeer erfuhren nicht nur die drei abrahamitischen Religionen, sondern auch Kulturen und Sprachen. "Vertraute Fremde" fiel mir als Begriff ein, als ich vor knapp 20 Jahren zum ersten Mal durch die Straßen von Tunis ging. Vieles erinnerte mich an französische oder italienische Städte.

Im Tunesischen heißt die Küche wie im Italienischen Cucina. In Alexandria stehen an alten Geschäften noch die Namen der griechischen Inhaber. Das Spanische kennt rund 1200 Wörter mit arabischer Etymologie. In Beirut wurde eine der wichtigsten Universitäten von Jesuiten gegründet. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Es waren und sind keine Begegnungen im machtfreien Raum; der Kolonialismus des Nordens hat ein schwieriges Erbe hinterlassen, die Entwicklungszusammenarbeit bleibt ein ungleiches Geschäft, von Überlegenheitsansprüchen und Unterwerfungsgesten nicht frei. Und doch: Aus Sicht vieler Menschen des südlichen und östlichen Mittelmeers trennt dieses Becken seine Ufer nicht, sondern verbindet sie.

Ganz selbstverständlich drücken sich zahlreiche arabische Intellektuelle auf Französisch wie auf Arabisch aus, zitieren Voltaire genauso wie Ibn Khaldun. Welcher Anwohner der nördlichen Mittelmeerufer kann das schon von sich behaupten?

"Zentrum dieser Welt"

Das Mittelmeer sei das "Zentrum dieser Welt, zumindest der historischen Kräfte, die aus der Erde machten, was sie heute ist", steht in meinem alten "du"-Heft. Vielen Deutschen wurde es vor allem zum Reiseziel. Nun stören Boote voller Flüchtlinge, die aus den Kriegs- und Krisengebieten im südlichen und östlichen Mittelmeer kommen, die Ferienidylle.

Bestenfalls setzen die Urlauber sich für eine humanere Aufnahme in Italien oder Griechenland, manchmal auch für eine Weiterreise nach Deutschland ein. Doch auch wenn dieses Deutschland dort keine Küste hat, sollte es sich zumindest indirekt, über die großen Nachbarn Frankreich und Italien, dem Kulturraum Mittelmeer zugehörig fühlen.

Die "Union pour la Méditerranée", die der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy vor genau sieben Jahren, am 13. Juli 2008 ins Leben rief, mag politisch unbedeutend geblieben sein. Kulturell ist sie für Anrainer wie für entfernt lebende Europäer Realität - vielleicht schon seit die alten Römer vom "mare nostrum" sprachen.

Heute darf dieses "unser" keinen Hegemonialanspruch ausdrücken, sondern emotionale Verbundenheit und praktische Solidarität - schließlich kocht man mittlerweile in Berlin genauso gern mit Olivenöl wie in Tunis, Thessaloniki, Tel Aviv oder Tripoli.

Anne Françoise Weber (Deutschlandradio - Bettina Straub)Anne Françoise Weber (Deutschlandradio - Bettina Straub)Anne Françoise Weber arbeitet als Journalistin und ist gerade aus Kairo nach Berlin zurückgekehrt. Sie hat evangelische Theologie, Sozial- und Islamwissenschaften in Marburg, Berlin und Tunis studiert und über muslimisch-christliche Beziehungen im Libanon promoviert. Nach einer Ausbildung an der Berliner Journalisten-Schule, mehreren Jahren im Libanon und Stationen bei Radio France Internationale und dem Evangelischen Pressedienst ist sie demnächst wieder Redakteurin für Religion und Gesellschaft bei Deutschlandradio Kultur.

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