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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 17.07.2008

Mitte

Von Alexander Gauland

Rudi Dutschke wird in Berlin mit einer Straße geehrt (AP Archiv)
Rudi Dutschke wird in Berlin mit einer Straße geehrt (AP Archiv)

Der Vorgang hat Symbolcharakter: Während in Sichtweise des Springerhauses Rudi Dutschke durch eine Straße geehrt wird, erscheint der "Badischen Zeitung" ein Preis, der den Namen des Historikers Gerhard Ritter trägt, nicht mehr zeitgemäß. Auf der einen Seite wird ein linker Revolutionär zum vorbildlichen Demokraten stilisiert, auf der anderen wird mit dem auch noch falschen Vorwurf des Nationalkonservativismus das Lebenswerk eines der bedeutendsten deutschen Historiker in den Orkus befördert.

Es ist schon so: Während 40 Jahre nach 68 zwar – noch – Bücher wie jenes von Götz Aly geschrieben werden dürfen, die das Ganze zum großen Irrtum erklären, sind die geistigen Folgen dieses Epochenbruches längst fester Bestandteil des gesellschaftlichen Körpers der neuen Bundesrepublik geworden. Auch die Reste des Bürgertums haben sich jener Sichtweise anbequemt, wonach links erst einmal gut und richtig und nur in Ausnahmefällen kritikwürdig ist, während rechts unhinterfragt an Auschwitz schuld sein muss, oder wie es in einer zweifelhaften wissenschaftlichen Studie heißt, der Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft beginne. Und so darf man zwar in diesem Lande in "taz", "Junger Welt", "Jungle World" und "Neuem Deutschland" schreiben, ohne dass ein Hahn danach kräht, doch ein einziger Artikel in der "Jungen Freiheit" beendet auch ohne vorwerfbares Zitat jede Karriere, wie es jüngst dem thüringischen CDU-Politiker Krause widerfuhr.

Der Kampf gegen rechts, der einmal der Abwehr des Rechtsextremismus dienen sollte, ist längst ein Mittel geworden, das politische Gleichgewicht immer weiter nach links zu verschieben. Linke Verfehlungen in literarischen Karrieren schaden niemandem, rechte Verfehlungen sind tödlich. Man vergleiche nur das allgemeine Verdammungsurteil über Carl Schmitt mit der offiziellen Bewunderung für Hans Magnus Enzensberger, dessen kubanisch-kommunistischer Lebensabschnitt ihn allenfalls farbiger und damit interessanter gemacht hat. Dabei ist es den linken Gralshütern gelungen, rechts so zu definieren, dass es per se gemeingefährlich ist, kein notwendiges Gewicht auf der Waage des gesellschaftlichen Gleichgewichtes, das diese austariert, sondern eine endgültig zu überwindende menschlich unanständige Haltung. Und wie in Brüssel ein frommer Katholik nicht mehr Kommissar werden kann, so in Deutschland ein Nationalkonservativer nicht mehr Politiker. Es ist schon so, wie der "FAZ"-Herausgeber Schirrmacher einmal ironisch bemerkte: Wenn Stauffenberg überlebt hätte, dürfte er sich selbst nicht spielen.

Geschichtsvergessenheit hat Richard von Weizsäcker einst diesen Umgang mit der Vergangenheit genannt, die eine Zeit an unseren Maßstäben misst, statt sie aus ihren eigenen heraus zu verstehen. Denn rechts im Sinne von konservativ hat mit dem Nationalsozialismus so viel gemein wie das Flötenkonzert von Sanssouci mit dem Horst-Wessel-Lied, um den inzwischen verfemten Gerhard Ritter zu zitieren. Es ist eine Haltung, die misstrauisch bleibt gegenüber allen Abstraktionen, gegen die Anrufung der Menschheit wider die Schwächen der Menschen, gegen die abstrakte Freiheit, die sich nicht in Institutionen zur Sicherung der Freiheit des Einzelnen verwirklicht, gegen gesellschaftliche Entwürfe vom Reißbrett, die die Traditionen und Erfahrungen von Jahrhunderten außer acht lassen, gegen eine Räson des Staates, die den Staatszweck losgelöst von den Menschen definiert sowie gegen alle Spekulationen, die, von einem neuen Menschen träumend, die menschliche Gesellschaft neu erfinden und Verfassungen auf ein leeres Blatt Papier schreiben wollen. Es ist eine Haltung der skeptischen Vernunft gegenüber idealistisch-bürokratischem Überschwang und vor allem ist es das notwendige Korrektiv gegenüber allen gesellschaftlichen Generalreparaturen.

Dass diese Skepsis nun auch aus der Programmatik der angeblich konservativen CDU verschwindet, wie uns die Familienpolitik Ursula von der Leyens vorführt, macht diesen Gleichgewichtsverlust so gefährlich.

Denn noch immer haben sich unterdrückte Gefühlswelten andere Kanäle gesucht, die Linke ist dafür nur das jüngste Beispiel. Wer aber wird einmal die CDU beerben, wenn nationalkonservativ schon zum Unwort geworden ist? Mit seiner Verwerfung verschwindet das Lebensgefühl nicht, das rechten Ansichten zugrunde liegt. Nicht seine Überwindung, seine Nutzbarmachung für die gesellschaftliche Stabilität wäre eine lohnende Aufgabe. Aber das setzt das Ende der Deutungshoheit der 68er über alles und jedes voraus. Doch davon sind wir trotz aller Alys dieser Welt weiter denn je entfernt.


Dr. Alexander Gauland, geb. 1941 in Chemnitz, lebt als Publizist und Buchautor in Potsdam. Mehrere Jahre lang war er Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung. Von 1987 bis 1991 war er Staatssekretär und Chef der hessischen Staatskanzlei. Anfang der 70er Jahre hatte Gauland im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung gearbeitet. Als Publizist hat er zahlreiche Artikel und Beiträge zu gesellschaftspolitischen Fragen, zur Wertediskussion und des nationalen Selbstverständnisses veröffentlicht. Letzte Buchveröffentlichung: "Anleitung zum Konservativsein".

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