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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.03.2012

Mitgefühl unter dem Kältepanzer

Thomas von Steinaecker: "Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen", S. Fischer, Berlin 2012

Keine Versicherung der Welt könnte die privaten Katastrophen der Protagonistin abdecken (AP)
Keine Versicherung der Welt könnte die privaten Katastrophen der Protagonistin abdecken (AP)

Eine Versicherungsfrau in der Krise ist die Protagonistin in Thomas von Steinaeckers Roman mit dem ungewöhnlich langen Titel. Es geht um die Entfremdung vom eigenen Leben und irregeleitete Sehnsüchte: Ein spannender Versicherungsroman über die allgemeine Verunsicherung.

Renate Meissner, 42 Jahre alt, hat gerade einen kleinen Karrieresprung gemacht. Als neue stellvertretende Abteilungsleiterin der Cavere-Versicherung wechselt sie von Frankfurt nach München. Die ersten 200 Seiten des Romans, die vor allem die Arbeitswelt in den "HighLight-Towers" schildern, lesen sich wie eine dunkle Variation auf die Stromberg-Welt. Von Schadensregulierern ist die Rede, von Abschlusszahlen, Kunden-Kategorisierungen und zynischem "Desaster-Monopoly". Das einst verschnarchte Büroleben ist mit der Computerisierung und dem Controller-Wahn zur Frontlinie geworden.

Durch die Verwendung der Ich-Perspektive wird deutlich: Die Kampfzone ist längst erweitert ins Innenleben. Steinaecker entwickelt die Meißner-Figur über ihre Sprache: Büro-Slang, Formeln aus Coaching-Seminaren, Logiken der Selbstoptimierung und Risikobewertung, mantraartige Autosuggestionsparolen der Beruhigung oder Stimulierung. Die Figur ist mit ihrer Sprache natürlich nicht identisch. In der Differenz wird der von Seite zu Seite steigende Leidensdruck spürbar.

Wie zum Hohn auf die Idee des Versicherungswesens, die Angst vor Katastrophen zu reduzieren und Schadensfälle handhabbar zu machen, erlebt Renate Meißner eine Kettenreaktion von privaten Katastrophen. Der Roman spielt Ende 2008, vor dem Hintergrund der Finanzkrise. Die Cavere hat sich verspekuliert und wird sich am Ende gezwungen sehen, die Abteilung München-Nord zu schließen. Kaum erstaunlich also, dass Renates angstgetriebene und chemieverseuchte Wahrnehmung zunehmend paranoide Züge bekommt.

Auch von anderer Seite wird der Verwischung von Realität und Fiktion entgegengearbeitet. Freundin Lisa nimmt sie mit zu Kunstaktionen bis Renate selbst ein sinnverwirrtes Opfer solcher Strategien der Verkunstung wird. Und schließlich wird sogar ihrer Biographie der Boden weggezogen: Glaubte sie bisher, dass der Unfalltod ihrer Großmutter der Anfang eines langwährenden Familiendestasters war, so erfährt sie nun, dass die Großmutter damals bloß in ein anderes Leben übergewechselt ist. Bei Renate verfestigt sich auf der Basis merkwürdiger Zufälle die fixe Idee, dass die ominöse uralte russische Premium-Kundin, deren Vergnügungspark-Imperium von der Cavere versichert werden soll, niemand anderes als die verschollene Großmutter sei. Sie reist zum Geschäftsabschluss nach Samara – und gerät dort in eine Traumwelt und ein Halluzinationsspektakel, aus dem es für sie nur ein böses, aber womöglich heilsames Erwachen gibt.

Zum Realismus-Spiel des Romans gehören die zahlreichen Smartphone-Schnappschüsse, die Renate Meißners Wahrnehmungen pseudodokumentarisch "beglaubigen". Im Verlauf der Lektüre wird sie von der vorgeführten Versicherungsangestellten zu einer tragischen und hochkomplexen Figur. Steinaecker gelingt eine enorm verdichtete Menschendarstellung. Und je mehr Renate den Jargon der unerbittlichen Selbstoptimierung pflegt, desto mehr Mitgefühl dringt durch den Kältepanzer. Ein großer, inhaltlich und formal spannender Versicherungsroman über die allgemeine Verunsicherung.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Thomas von Steinaecker: "Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen"
S. Fischer, Berlin 2012
399 Seiten, 19,99 Euro

Links auf dradio.de:
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