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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 08.07.2009

Mit Gott gegen Geldgier und Komasaufen

Johannes Calvin und die Aktualität seiner Lehre

Von Uwe Birnstein

Eine Calvin-Statue in Genf, Schweiz (AP)
Eine Calvin-Statue in Genf, Schweiz (AP)

Johannes Calvin gilt gemeinhin als sittenstrenger Reformator, der auch nicht davor zurückschreckte einen sogenannten Ketzer in den Tod zu befördern. Diese Wahrnehmung trifft ganz sicher nicht den ganzen Calvin und anlässlich seines 500. Geburtstages am 10. Juli bemüht sich die Evangelische Kirche in Deutschland mit viel Aufwand, ein anderes Bild zu schaffen. Es gibt Anknüpfungspunkte, die bis ins Heute reichen - etwa wenn der Reformator gegen Geldgier und Wucherzins wetterte und den Bankiers von Genf aus gehörig die Leviten las.

Jörg Schmidt: "Sehr gern zeige ich Ihnen unseren Calvin-Wein, kommt aus Franken, ist ein Bocksbeutel. Der hat erstmal einen schönen Titel: In Calvino Veritas, also: In Calvin ist Wahrheit, bei Calvin ist Wahrheit, im Wein sowieso, wie man weiß."

Wie - ein Wein, benannt nach Johannes Calvin, diesem hager und streng wirkenden Reformator? War es nicht Johannes Calvin, der Alkohol verboten hat vor knapp 500 Jahren in Genf - und Tanzen, Theateraufführungen und Gesellschaftsspiele gleich mit? War Calvin nicht die personifizierte Spaßbremse der Reformation - und jetzt ziert das Konterfei dieses spröden Kirchenmannes ausgerechnet einen Frankenwein?! Mit dem Bocksbeutel in der Hand wirbelt Jörg Schmidt die Klischees über Johannes Calvin heilsam durcheinander. Als Generalsekretär des Reformierten Bundes in Deutschland gehört er zu den Verwaltern des geistigen Erbes des Genfer Reformators.

Jörg Schmidt: "Man unterstellt ihm ja manche Drögheit, würde man bei uns im Ruhrgebiet sagen, der Wein ist zwar trocken, aber schmeckt, und Calvin war eher ein Freund des Weines, er hat den Wein als gute Gabe Gottes gelobt und empfohlen und war vermutlich durchaus auch ein Weintrinker, wahrscheinlich eher ein Rotwein, aber den Franken kann man auch gut empfehlen."

Vor 500 Jahren, am 10. Juli 1509, erblickte Johannes Calvin in der nordfranzösischen Stadt Noyon das Licht der Welt. Sein Vater arbeitete als Sekretär für den dortigen Bischof; an der Hand seiner Mutter Jeanne lernte Calvin den christlichen Glauben kennen. Besonders prägte sich ihm ein Besuch in einer nahegelegenen Abtei ein, wo die Reliquien des Heiligen Stephanus verehrt werden sollten.

"Alles war derart durcheinander und konfus, dass man nicht in der Lage war, die Gebeine eines Märtyrers zu vergöttern, ohne die Gefahr zu laufen, die Knochen irgendeines Straßenräubers oder Spitzbuben oder eines Esels, Hundes oder Pferdes anzubeten."

Calvin studierte Geisteswissenschaften und Jura in Paris und Orleans; in der französischen Hauptstadt knüpfte er Kontakt zu evangelischen Untergrundkreisen. Je mehr er sich mit dem desolaten Zustand der damaligen katholischen Kirche befasste, um so leidenschaftlicher wünschte er sich eine Reform der Kirche. Papsttum und Heiligenverehrung, Reliquienkult, Ablass und Fegefeuer-Angst: Das alles waren für ihn letztlich satanische Versuche, den wahren biblischen Glauben zu verdecken. Im Alter von etwa 25 Jahren entschied er sich, die Kirche wieder zurück zu ihren biblischen Wurzeln zu führen.

"Zunächst war ich dem Aberglauben des Papsttums so hartnäckig erlegen, dass es nicht leicht war, mich aus diesem tiefen Sumpf herauszuziehen. Darum hat Gott mein trotz seiner Jugend schon recht starres Herz durch eine unerwartete Bekehrung zur Gelehrsamkeit gebracht. Die Ehrfurcht vor der Kirche hatte mich lange davon abgehalten, mich von ihr zu trennen und zuzugeben, dass ich mein ganzes bisheriges Leben in Irrtum und Unwissenheit zugebracht hatte...

Aber als ich erst einmal die Augen geöffnet hatte, begriff ich, dass die Furcht, ich könne der Hoheit der Kirche zu nahe treten, unbegründet war. Wir haben uns nicht von der Kirche geschieden und stehen nicht außerhalb ihrer Gemeinschaft. Unser Kampf gegen den Papst und seinen ganzen Anhang ist nichts anderes als das gegenwärtige Gegenstück zu dem Kampf, den die Propheten und Apostel gegen die Entartung der Kirche ihrer Tage geführt haben."


Mit großer Härte verfolgte Frankreichs König Franz I. die Protestanten. An manchen Tagen verdunkelte der Rauch der Scheiterhaufen den Himmel über Paris und anderen Städten Frankreichs. Als Glaubensflüchtling verließ Calvin Frankreich und versuchte - hauptsächlich in Genf -, die Kirche zu reformieren. Seine Aufgabe war groß: Die christliche Gemeinde in Genf stand plötzlich ohne Bischof da, ein Machtvakuum musste in evangelischer Weise gefüllt werden.

"Als ich zum ersten Mal in diese Kirche kam, war so gut wie nichts vorhanden. Man predigte - und das war schon alles. Man suchte wohl nach Götzenbildern und verbrannte sie. Aber es gab keinerlei Form von Reformation. Alles befand sich in einem wüsten Durcheinander."


Calvin ersann ein Kirchenmodell, in dem Transparenz und kollegiale Leitung viel galten. Der Pfarrer war nur ein Verantwortlicher neben Lehrern, Presbytern und Diakonen; Entscheidungen wurden nicht in pfarrherrlicher Manier getroffen, sondern nach langen Diskussionen in einem Konsistorium.

Auch legte Calvin Gottesdienstordnungen vor. Nichts sollte mehr an die katholische Messe erinnern: Heiligenbilder, Altäre, sogar Kreuze wurden aus den Kirchen entfernt. Im Mittelpunkt sollte allein das Wort und die Gemeinschaft der Gläubigen stehen. Das Abendmahl wurde an einfachen Tischen ausgeteilt - und zwar als Gedächtnismahl, bei dem sich Brot und Wein nicht - wie nach katholischer Lehre - in Leib und Blut Christi verwandeln.

Als Musik ließ Calvin nur Psalmengesänge zu. Die Art und Weise, wie Martin Luther die Musik einsetzte, erschien ihm unangemessen, denn der benutzte den Gemeindegesang quasi als musikalische Glaubensunterweisung. Lehrhafte Liedtexte sollten sich durch den wiederholten Gesang in die Herzen und Köpfe der Christen brennen: "Ein feste Burg ist unser Gott ... " Für Calvin aber hatte die Musik ein anderes Ziel.

"Anstelle der teils eitlen und lästerlichen, teils dummen und plumpen, teils schmutzigen und hässlichen und darum schlechten und schädlichen Lieder sollen sich die Menschen angewöhnen, mit dem guten König David die göttlichen und himmlischen Lieder zu singen. Es geht darum, Lieder zu haben, die nicht nur anständig, sondern auch heilig sind; sie sollen für uns ein Ansporn sein, der uns zu Gebet und Gotteslob antreibt."

Calvins eigentlich fortschrittliche Visionen von Kirche und Gottesdienst bewahrte die Genfer Bürgerinnen und Bürger jedoch nicht vor kirchlicher Strenge. In manchen Angelegenheiten waren die Reformierten sogar päpstlicher als der Papst. Allzu menschliche Freuden gehen zu Lasten der Ehre Gottes, war Calvin überzeugt. Um sie einzudämmen, nutzte er zum einen das Instrument der Kirchenzucht: Wer nicht "würdig" lebte, sollte vom Abendmahl ausgeschlossen werden. Zum anderen erließ die Genfer reformierte Kirche strenge Sittengesetze. Übermäßiger Alkoholkonsum, aufwändige Kleidung, teure Feste - das alles war verboten und wurde geahndet. Nach Calvins Ansicht aus gutem Grund:

"Wenn der Mensch, wo ihm die Fülle seines Besitzes dazu verhilft, sich in Vergnügungen wälzt, sich dabei übernimmt, Gemüt und Herz mit den Genüssen des gegenwärtigen Lebens trunken macht und immer nach neuen schnappt - dann ist solch ein Verhalten von der echten Anwendung der Gaben Gottes sehr weit entfernt. Sie sollen also die unmäßige Gier, die maßlose Vergeudung, die Eitelkeit und Anmaßung fahren lassen und mit reinem Gewissen Gottes Gaben rein anwenden! Sobald das Herz zu solcher Bescheidenheit geschickt ist, hat man die Regel des rechten Gebrauchs der Dinge bereits erfasst."

"Alles in Maßen" lautet die sittliche Maxime, die Johannes Calvin sich selbst und den Gläubigen auferlegte. Nur wenige Freuden gönnte er sich. Von früh morgens bis spät nachts saß er im Studierzimmer; oft nahm er nur eine Mahlzeit am Tag zu sich. Ein einziger Urlaub ist überliefert: Zwei Wochen lang ritt er mit einem Freund am Ufer des Genfer Sees entlang. Auch den Freuden der Ehe verschloss er sich zunächst. Erst auf das Drängen einiger Freunde suchte - und fand er eine Frau. Im Sommer 1540 heiratete er die fromme Witwe Idelette de Bure.

Viele Christen empfanden Calvins christlich gesonnenes Maßhalten zur Ehre Gottes wenig attraktiv. Bald war klar: Die Genfer ließen sich das Tanzen nicht verbieten. Offen demonstrierten sie gegen Calvin und seine Mitstreiter.

"Ich darf nicht den Fuß vors Haus setzen. Mehrmals wurde der Ruf laut, man solle uns in die Rhône werfen."

Trotz des Gegenwinds verbreitete sich die Theologie Calvins rasch und effektiv. In einer Akademie unterrichtete er den Pfarrernachwuchs vieler Länder; die Absolventen trugen die reformierte Lehre in viele Länder Europas. Im Gegensatz zur Sittenstrenge besticht die Theologie durch gedankliche Klarheit und Weite. Der Hauch der Neuzeit ist zu spüren in dem Motto, unter das Calvin sein Hauptwerk stellt - die: "Institutio Christianae Religionis", "Unterricht in der christlichen Religion":

"All unsere Weisheit, sofern sie wirklich den Namen Weisheit verdient und wahr und zuverlässig ist, umfasst im Grunde zweierlei: die Erkenntnis Gottes und unsere Selbsterkenntnis. Diese beiden aber hängen zusammen."

Wenn es einen Leitfaden in Calvins Theologie gibt, dann lautet er: Der Mensch ist dazu erschaffen, Gott zu erkennen und ihm die Ehre zu geben.

"Erkenntnis Gottes ist für mein Verständnis nicht allein darin beschlossen, dass wir wissen: Es ist ein Gott. Wir sollen auch festhalten, was uns von ihm zu wissen nötig ist, was zu seiner Ehre dient, was uns zuträglich ist. Denn es kann von einem eigentlichen Erkennen Gottes keine Rede sein, wo Ehrfurcht und Frömmigkeit fehlen. Der Geist Gottes soll alles führen und solchen Eifer in uns anzünden, dass wir brennen, unseren Gott anzurufen, anstatt kalt zu bleiben."

Sich selbst sah Johannes Calvin als Werkzeug Gottes. Immer wieder traf er Lebensentscheidungen, die seinem eigentlichen Willen entgegen liefen. Am liebsten hätte er sich in der Studierstube ganz und gar der Theologie hingegeben. Doch regelmäßig wurde er in kirchliche Auseinandersetzungen hineingezogen. Dass er schließlich 25 Jahre in Genf verbrachte, deutete er als Gottes Ruf. Seine Aufgabe beschrieb er einmal selbst als die eines Wachhunds.

"Ein Hund bellt, wenn er sieht, dass man seinen Herrn angreift. Ich wäre sehr feige, wenn ich Gottes Wahrheit angegriffen sähe und bliebe stumm und gäbe keinen Laut."

Calvin als Wachhund Gottes: Diese wenig vertrauenerweckende Selbstsicht verdunkelt die helle und lebenszugewandte Seite seiner Theologie. Sie lässt ihn wenig sympathisch erscheinen - damals wie heute. Dass er selbst mal ein Glas Wein getrunken, vielleicht sogar genossen hat, hilft da wenig.

Um so seltsamer eigentlich, dass eine lebenslustige Frau wie Mirella Abate-Leibbrand Johannes Calvin dennoch hoch schätzt. Sie hat gute Gründe.

"Besonders hier in Deutschland ist immer die Vorstellung: Calvin ist streng, hat ein langes Gesicht, ist asketisch, möglicherweise von der Persönlichkeit zwanghaft. Und diese warme Seite von Calvin ist weniger bekannt: Er spricht von Herzen, immer. Die Erkenntnis Gottes geschieht nicht durch die Köpfe, sondern durch die Herzen, in den Herzen regiert sein Geist. Das ist auch modern heute, wo wir so viel über Spiritualität sprechen."

Mirella Abate-Leibbrand stammt aus Norditalien; seit fast 40 Jahren arbeitet sie als Pastorin in Württemberg. Sie ist Waldenserin - Mitglied einer kleinen Kirche, die schon vor Lebzeiten Calvins wegen ihres ketzerischen Glaubens von der Großkirche verfolgt wurde. Mirella Abate-Leibbrand hat Johannes Calvin ganz anders kennen - und im wahrsten Sinne des Wortes: lieben - gelernt als die meisten deutschen Protestanten.

Mirella Abate-Leibbrand: "Meine Liebesgeschichte mit Johannes Calvin: Ich war ein Mädchen und ich komme aus der Waldenserkirche Italiens und ich war immer wieder in Genf bei meinem Onkel. Und mein Onkel ist mit mir spazieren gegangen am Place Bourg-de-Four in Genf in der Nähe der Kathedrale St. Pierre, und er hat mir gezeigt diese Häuser, die sehr hoch gebaut sind. Es sind die Häuser und es sind immer wieder Stöcke darauf gebaut. Und er hat mir gesagt: 'Weißt du, warum die Häuser so gebaut sind?' -'Nein!' - 'Weil unser Johannes Calvin, der Reformator, der hat die Flüchtlinge aufgenommen. Auch die Flüchtlinge aus deinem Volk, aus der Waldenserbewegung.' Und das hat mich ganz arg beeindruckt als junges Mädchen weil ich gedacht habe: Er hat sich sicher ins Zeug gelegt, um so viele Flüchtlinge zu nehmen. Und dann habe ich gesagt: So ein Mann gefällt mir, der sich so einsetzt für die Flüchtlinge. Und so einen Mann würde ich gern heiraten, der nicht egoistisch ist, der nur an die anderen denkt."

Solch flammende Liebesgeständnisse an Johannes Calvin hervorzurufen, wünschen sich die Initiatoren des Calvin-Jahres 2009. Den 500. Geburtstag des umstrittenen Reformators hat die Evangelische Kirche in Deutschland zum Anlass genommen, mit viel Aufwand und großem Etat Calvins zu gedenken. Eine eigene Projektstelle in Hannover kümmert sich darum, Calvin aus dem Dunkel der Vorurteile ins rechte Licht zu rücken. In der Mitte des Calvin-Netzwerkes steht Achim Detmers.

"Ich denke, das ist weitestgehend bereits gelungen, dass viele Menschen sehr überrascht sind, wie modern, präzise und aktuell Calvin in seinem Denken ist. Wir haben unter unserer Internetseite calvin.de einen Terminkalender, und der ist geradezu explodiert, und wir wissen, dass viele Veranstaltungen dort gar nicht aufgeführt sind. Das ist eine Sache. Unsere Wanderausstellung ist in 13 Exemplaren in der ganzen Bundesrepublik, in der Schweiz und in Österreich unterwegs, mit diesem Erfolg hatten wir auch nicht gerechnet, und wir haben jetzt schon fünf mal mehr Calvinkisten verkauft, als wir ganz am Anfang geplant hatten, da mussten wir permanent nachproduzieren."

"Calvin-Kiste"? Geht es darum, das Image des Genfer Reformators zu verbessern, sind die kirchlichen Calvin-Netzwerker außerordentlich kreativ. Im Internet kann man sich mit Hilfe eines "Pre-Destinators" durch die Jahrhunderte beamen und Calvins Spuren suchen. Online kann man auch in einem Test den eigenen "calvinistischen Faktor" herausbekommen. Auf dem Kirchentag in Bremen lockte das Café "Chez Calvin" Besucher. Reisen an die Wirkungsstätten Calvins - nach Genf, Straßburg, Basel, Paris - werden angeboten. Sogar ein kleiner Spielfilm wurde produziert. Extrem-Liebhaber Calvins können sich gar eine Maske des Reformators aus dem Internet laden, mit deren Hilfe sie gänzlich in des Kirchenvaters Rolle schlüpfen können. Und dann eben gibt es da noch diese "Calvin-Kiste". Der reformierte Generalsekretär Jörg Schmidt öffnet sie.

"Das ist die Calvinkiste mit einem Bild von Calvin drauf gezeichnet, eine Karikatur fast, er predigt und erklärt den Leuten etwas, das sieht man, und das wollen wir mit der Kiste praktisch auch, so dass man in den Gemeinden etwas sehen, wahrnehmen kann. Wenn wir rein greifen, haben wir zuerst Bilder, Plakate, die das eine oder andere Vorurteil oder Urteil über Calvin aufgreifen - zum Beispiel eine Beobachtung, die wir hatten: Es gibt Leute, die meinen, dass Calvin nichts für Kunst übrig hatte, und da ist ein großes Plakat mit einem Bild des auferstandenen Herrschers der Welt drauf und wie ist das: Darf man das oder nicht? Calvin hat jedenfalls gesagt: Alle Künste und Wissenschaften kommen von Gott her, also müssen sie göttlicher Eingebung zugeschrieben werden. Also wenn sie so wollen, so was wie Eyecatcher, die man hinhängen kann, eines über die holländische Tomate, das verrat ich nicht, was das mit dem Calvinismus zu tun hat, das müssen Sie selbst gucken, eins mit einem Sparschwein: 'Sollen Calvinisten eigentlich immer nur sparen?'"

Eine multimediale DVD liegt ebenfalls in der Calvin-Kiste. Darauf enthalten sind unter anderem viele Bilder, Hörbeispiele des "Genfer Psalter", jener kirchenmusikalischen Spielart, die auf Johannes Calvin zurückgeht, ein Zeichentrickfilm, ein Ratespiel ... Pastoren, die ihren Gemeinden Calvin nahe bringen möchten, finden reichhaltiges Material. Sogar für Kinder.

Jörg Schmidt: "Wir haben als Anschauungsmaterial drei kleine Bilderbüchlein: eines in einem für Kinder geeigneten Format, Karikaturen, gemalte Lebensstationen Calvins, sicherlich so, dass die Eltern es vorlesen und mit den Kindern drüber ins Gespräch kommen, die Geschichte von Johannes Calvin, dann von unseren französischen Freunden zwei Bücher über Calvin, eins eher für Erwachsene: Johannes Calvin und die Modernität Gottes, auch in kleinem Format mit sehr vielen Bildern ... Und ebenfalls noch mal ein Comic-Strip über Calvin: 'Calvin, der Freund Gottes'."

Tatsächlich - auch die kindgerechte Portionierung des sittenstrengen Reformators funktioniert. Unter dem Titel "Mit Calvin auf der Flucht" etwa will die Münchner reformierte Kirchengemeinde Kindern den Genfer Kirchenvater nahebringen. Die Kirchengemeinde im niederrheinischen Alpen fand ein noch schmissigeres Motto für ihren Kinderbibeltag: "Mit Herzblut". Ein wenig zweideutig angesichts der Schuld, die der Jubilar Calvin in einem Ketzerprozess auf sich geladen hat: Für seine Irrlehre wurde der spanische Gelehrte Michael Servet mit dem Tod bestraft - maßgeblich auf Betreiben Johannes Calvins.

Ist es eigentlich legitim, diese dunkle Seite des Reformators als sozusagen protestantisches Kavaliersdelikt vornehm zu verschweigen? Mirella Abate-Leibbrand, die waldensische Calvin-Liebhaberin, versucht, Calvins Schuld zu relativieren.

"Das ist seine Schattenseite. Das entspricht nicht der Seite, die ich an ihm sehr gerne habe, also diese menschlich warme Seite. Aber genauso ist das bei Luther mit den Bauernkriegen, wo er aufruft, sie alle zu vernichten. Also ich denke, das hat mit dem Jahrhundert zu tun, in dem sie damals gelebt haben. Und Calvin hat auch sehr gelitten über diese Geschichte. Das hat ihn nicht mehr losgelassen. Und wer von uns hat keine Schattenseiten? Und die damals waren brutal."

Nur wenige Stimmen beklagen, das Calvin-Jahr würde versuchen, Calvin reinzuwaschen von den Flecken auf seiner reinen Protestanten-Weste. Darf jemand, der einen Ketzer in den Tod befördert hat, als frommer Reformator gefeiert und gelobt werden? Hat sich Calvin durch sein Verhalten im Ketzerprozess gegen Servet - wie auch durch die Unnachgiebigkeit gegenüber sogenannten "Hexen" - nicht als evangelisches Vorbild selbst disqualifiziert?

Wer so fragt, übersieht: Martin Luther, Philipp Melanchthon und die anderen "großen" Reformatoren waren allesamt nicht zimperlich in der Wahl der Waffen, wenn es um den Kampf gegen Irrgläubige oder auch gegen aufständische Bauern ging. Da erscheint Calvin in einer unrühmlichen Reihe mit seinen Glaubensbrüdern. Die Ehre Gottes notfalls auch mit Gewalt zu wahren, galt im 16. Jahrhundert als selbstverständlich auch unter Protestanten. Dem frommen Lebemann Martin Luther, der die Reformation ins Rollen brachte, kreidet man diese Härte selten an. Calvin schon, beobachtet auch der Bochumer reformierte Theologieprofessor Michael Weinrich:

"Ich finde es nicht problematisch, wenn es auch neben der allgemeinen Lutherbegeisterung im Zuge des Calvinjahres zu einer gewissen Calvinbegeisterung kommt. Es ist wirklich eine ungeheuer inspirierende und auch seelsorgerliche Theologie, wenn man sie etwa in den Bibelauslegungen betrachtet, in den Briefen betrachtet, von daher auch eine sehr anrührende Theologie, und wenn ich jetzt solche Wörter gebrauche wie anrührend und auch seelsorgerlich, dann spielt auch die Person eine Rolle. Und von daher angesichts der faktischen Begeisterung, die Menschen heute immer gerne für Personen aufbringen, würde ich jetzt nicht Calvin gegenüber ein bestimmtes Verbotsschild aufstellen wollen, würde mich auch freuen, wenn es unter Theologen eine gewisse Calvinbegeisterung geben könnte."

Gründe dafür gibt es ja tatsächlich. Erstaunlich aktuell wirken etwa Calvins Kommentare zu wirtschaftlicher Gerechtigkeit. Auch dazu gibt es in der Calvin-Kiste ein Utensil.

Jörg Schmidt: "Dabei ist dann noch ein kleiner Kugelschreiber, nun wird man sagen: Kugelschreiber ist Kugelschreiber - es ist ein besonderer, man kann an dem eine kleine Fahne herausziehen, auf der einen Seite sieht man einen Dollar mit dem Bild Calvins - 'der Calvinismus bereitet den Kapitalismus vor', und auf der anderen Seite sieht man, was Calvin eigentlich wirklich wollte: Begrenzung von Wucher, sinnvolles Anwenden von Geld als Hilfe für die Armen als etwas anderes."

Wie die Liebe scheint eben auch die Geldgier die Jahrhunderte zu überdauern. Jenen Geschäftsleuten und Bankiers, die Wucherzinsen verlangten, las Calvin gehörig die Leviten. Geld und Reichtum seien Geschenke Gottes - deshalb verpflichte Eigentum in besonderer Weise zur Barmherzigkeit gegenüber den Armen. Die Sätze, mit denen Calvin diese Sozialbindung des Eigentums anmahnte, wirken wie Wegweiser auch in der aktuellen Finanzkrise und angesichts einer weltweiten sozialen Schere zwischen Arm und Reich.

Und wie steht es um Calvins Art, das Alkoholproblem in den Griff zu bekommen? Könnten sich in seinem Werk auch auf diesem Gebiet Anregungen für die Gegenwart finden lassen? Schließlich plagt auch dieses zeitlose Problem die Gesellschaft bis heute. Wäre das Alkoholverbot auf Festen und in der Öffentlichkeit ein Weg, etwa dem Komasaufen von Jugendlichen Einhalt zu gebieten? Nützen die Verbote, die Calvin den Menschen auferlegt hat? Waldenser-Pastorin Mirella Abate-Leibbrand ist da skeptisch:

"Das bringt nichts, weil Verbieten kann kranken Menschen, die meisten alkoholisierten Menschen sind kranke Menschen, nicht helfen. Was sie brauchen, ist gesucht werden und begleitet werden. Und Beratungsstellen oder Kliniken, wo sie aufgenommen werden, also therapeutische Begleitung. In diesem Sinn: Das Evangelium verändert sich auch im Lauf der Zeit, also die praktische Seite des Evangeliums, die ethische Seite. Deshalb da kann ich mit Calvin heute nichts anfangen mit dem Verbot von Alkoholismus."

Johannes Calvin macht es seinen heutigen Gratulanten wahrlich nicht leicht. Kaum meint man, ihn moderner Gedanken überführt zu haben, schon zertrümmert er mit Rückgriffen ins Repertoire mittelalterlicher Verhaltensmuster die Sympathie. Mit seinem letzten Willen allerdings überzeugt er auch hartnäckige Kritiker. Strenge, Zucht und Dickköpfigkeit - alles mag man ihm vorwerfen. Nur Eitelkeit oder Unwahrhaftigkeit nicht. Testamentarisch legte er fest, dass kein Stein sein Grab zieren soll. Allein Gott gebührt die Ehre: Diesen Grundsatz beherzigte er bis in den Tod. Jeder Art von Personenkult wollte er entgegenwirken.

Mirella Abate-Leibbrand: "Calvin - Soli Deo Gloria! - 'gib nur Gott die Ehre', also das heißt: Ich schätze Calvin sehr, aber er ist für mich kein Modell für meine Lebensführung. Ich bin seit 35 Jahren verheiratet und glücklich. Das Leben zu genießen, ist für mich ein Gottesgeschenk bei allem Schweren, das ich in meinem Leben auch schon erlebt habe. Wissen Sie, ich komme aus der Waldenserkirche Italiens, dort sind wir Calvinisten, Reformierte, aber ich habe in Holland reformierte Gemeinden kennengelernt, also diese Strenge kenn ich nicht bei uns. Vielleicht hat das mit unserem südländischen Temperament zu tun."

Sollte die Strenge und Askese Calvins womöglich gar nicht von ihm selbst abhängen, sondern von der Mentalität der Gläubigen? Sollte es typisch deutsch sein, dass Calvin in unseren Breitengraden als der ewige Miesepeter angesehen wird? Immerhin bekennen sich weltweit rund 80 Millionen Christen zur reformierten evangelischen Tradition, die maßgeblich auf Calvin zurückgeht. Ihnen allen mangelnde Fröhlichkeit zu unterstellen, wäre völlig fehl am Platze. Vielleicht ist es den Christen anderer Regionen eher möglich als uns Deutschen, das Gute an Calvins Theologie hervorzukehren. Vielleicht bewahrt sie der unbefangene Blick aus der Ferne vor Missverständnissen.

Mirella Abate-Leibbrand: "Calvin spricht immer wieder von 'la santification quotidienne', der alltäglichen Heiligung, und das kann man ganz schön missverstehen, also Heiligung, indem ich eben kein Glas Wein trinke, möglicherweise nicht heirate, also alle diese Aspekte. Absolut nicht. Die alltägliche Heiligung ist bei Calvin, wenn man guckt den Kern seiner Botschaft: die Arbeit an mir selber. Und das entspricht auch dem, was ich in meinem Leben erlebt habe: die Möglichkeit, dass ich jeden Tag neu einen Schritt weitermachen kann auch in meiner eigenen Entwicklung. Das ist für mich die tägliche Heiligung coram deo, also vor Gott."

Dass Johannes Calvin in Deutschland bislang auf wenig Interesse oder gar Gegenliebe stieß, hat auch mit der hiesigen evangelischen Kirchenlandschaft und -geschichte zu tun. Im Ursprungsland der Reformation gilt Martin Luther als unangefochtener Reformator. Die lutherischen Kirchen sind stärkste Kraft in der EKD, der Evangelischen Kirche Deutschlands. Anders als im weltweiten Maßstab befinden sich Reformierte in der Minderheit.

Überdeutlich wird die Dominanz der Lutheraner in einer kirchenpolitischen Entscheidung aus jüngster Zeit: Schon vor dem Calvin-Jahr hat die EKD eine "Luther-Dekade" eingeläutet. Bis zum Jahr 2017, dem 500. Jahrestag des Wittenberger Thesenanschlags Martin Luthers, soll der Reformation gedacht werden. Am Ende soll diese neunjährige Jubiläums-Tour in der Ehrung der Person Martin Luthers gipfeln. Beobachter unken, die EKD habe das Calvin-Jahr nur aus dem Grund finanziell gut ausgestattet, um für die Erinnerung an Luther mit gutem Gewissen ein Mehrfaches an Geldern verplanen zu können.

Über solche Konkurrenzen scheinen die reformierten Christen erhaben. Sie können darauf verweisen, dass ihre Kirche nicht nach dem begründenden Reformator Calvin benannt ist. Was darauf hindeutet, dass es ihnen mehr um den Glauben als um das Verdienst prägender Personen geht. Wenn das Calvin-Jahr diese Erkenntnis in der Christenheit Deutschlands verankert, wäre schon viel erreicht.

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