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Thema / Archiv | Beitrag vom 31.05.2012

Mit Emotionen gegen die Energiesparlampe

Dokumentarfilmer Moritz Gieselmann: Lichtfachleute hatten bei der Einführung der Lampe keine Mitsprache

Moritz Gieselmann im Gespräch mit Frank Meyer

Eine herkömmliche Glühbirne (links), eine Energiesparleuchte (rechts) (AP)
Eine herkömmliche Glühbirne (links), eine Energiesparleuchte (rechts) (AP)

Die Glühlampe ist Vergangenheit und wurde durch die Energiesparlampe abgelöst - mit diesem Fakt will sich der Filmemacher Moritz Gieselmann nicht abfinden und nimmt die vermeintlichen Vorteile der Energiesparlampe auseinander. "Die Lampe ist gefährlich und überflüssig!" lautet das Fazit seines Films.

Frank Meyer: Rette ich mit Energiesparlampen das Weltklima oder gefährde ich mit solchen Lampen meine Familie? Um diese Frage dreht sich der Dokumentarfilm "Bulb Fiction", der heute in unsere Kinos kommt. Die Antwort in dem Film ist ganz klar: Energiesparlampen sind hoch gefährlich durch ihren Quecksilberanteil und sie leisten kaum einen Anteil zum Stromeinsparen. Moritz Gieselmann hatte die Idee zu diesem Film. Er hat ihn als Kameramann an der Seite des Regisseurs Christoph Mayr gedreht. Seien Sie willkommen, Herr Gieselmann!

Moritz Gieselmann: Ja, vielen Dank, ich freue mich, dass ich mit Ihnen sprechen kann!

Meyer: Ihr Film, der setzt sehr auf Emotion. Man lernt schnell einen Jungen kennen, dem es sichtbar schlecht geht, der alle Haare verloren hat, der Zitteranfälle hat. Und Ihr Film legt nahe, dass es diesem Vierjährigen, Max heißt er, dass es ihm so schlecht geht, weil er Quecksilberdämpfe aus einer zerbrochenen Energiesparlampe eingeatmet hat. Ist es denn sicher, dass dieser Junge tatsächlich durch das Quecksilber aus der Lampe krank geworden ist?

Gieselmann: Also, der zeitliche Ablauf legt es ganz dringend nahe, dass das die Lampe war. Es hat ja auch das deutsche Bundesumweltamt festgestellt, dass durch das Zerbrechen einer einzigen Energiesparlampe die Atemluft mit bis dem 20-fachen Quecksilbergehalt über dem Grenzwert gesättigt ist.

Meyer: Es gibt ja inzwischen in vier Millionen Haushalten in Europa solche Energiesparlampen. Wenn die tatsächlich so gefährlich sind, müsste es nicht viel mehr solcher Fälle geben wie den von Max?

Gieselmann: Es gibt auch viel mehr Fälle. Es ist nur so, dass die Sensibilität auch bei Ärzten für diese Phänomene sehr gering ist und es sehr oft nicht erkannt wird. Wir haben auch mit anderen Personen gesprochen, die also ähnliche Symptome haben, die aber nicht vor die Kamera wollten und die wir also auch nicht jetzt da an die Öffentlichkeit bringen möchten.

Meyer: Sie haben ja die Frage der Grenzwerte schon angesprochen: Es hieß immer, die geringen Quecksilbermengen in den Energiesparlampen, bis zu fünf Milligramm in jeder Sparleuchte, die seien nicht gesundheitsgefährdend. Warum soll das fasch sein?

Gieselmann: Warum gibt es zum Beispiel beim Rauchen keinen Grenzwert? Es heißt nirgends, eine Zigarette, die so und so viel Nikotin oder Teer hat, ist unschädlich und ab dem Wert ist sie schädlich, sondern jede Zigarette ist schädlich. Und man weiß, Quecksilber ist das giftigste nicht radioaktive Element auf diesem Planeten, egal, ob das jetzt über oder unter einem Grenzwert ist. Es akkumuliert sich und entfaltet seine Wirkung. Auch eine Lampe, die Quecksilber enthält, das unter dem Grenzwert liegt, kann bei Zerbrechen im brennenden Zustand die Raumluft mit dem 20-Fachen des erlaubten Grenzwertes verseuchen.

Meyer: Wo entfaltet es diese Wirkung besonders im Körper?

Gieselmann: Die schlimmste Wirkung, die es entfalten kann, ist, wenn es an Nervenzellen andockt. Weil, es kann diese zerstören. Und da gibt es also dann alle möglichen Ausfälle, Zittern et cetera, die auch bei Max zu beobachten waren.

Meyer: Das Quecksilber in diesen Energiesparlampen, das ist Ihr Hauptargument, was die Gesundheitsgefahren durch diese Lampe angeht. Sie sagen aber auch, es gebe noch andere Gesundheitsgefährdungen durch diese Art Lampen. Welche sollen das sein?

Gieselmann: Es ist so: Der Mensch und sein Auge hat sich entwickelt am Licht der Sonne über Jahrmillionen und als Mensch der letzten 100.000 Jahre. Und im Licht der Sonne ist gemeinsam mit dem sichtbaren Licht immer ein Infrarotanteil, der in ungefähr derselben energetischen Stärke wie das sichtbare Licht. Den jetzt willkürlich wegzulassen, weil er keinen visuellen Nutzwert hat und daher sozusagen als Energieverschwendung gilt, ist einfach fragwürdig. Wir wissen überhaupt nicht, für was das Infrarot in unserem Körper, in unseren Augen gebraucht wird. Es gibt eine Hypothese, die durch verschiedene Untersuchungen erhärtet ist, aber noch nicht wissenschaftlich erwiesen, dass die Zunahme an Makula-Degeneration im Alter damit zu tun hat, dass dem Licht, dem wir uns aussetzen, zunehmend das Infrarot fehlt. Das ist eine Sache.

Die andere Sache ist die, dass die Kompaktleuchtstofflampen, Energiesparlampen, dass sie flimmern. Sie flimmern nicht mehr in einem Bereich, den wir bewusst wahrnehmen, aber auch wenn wir etwas nicht bewusst wahrnehmen, heißt das ja nicht, dass das keine Wirkung auf uns hat. Das Problem ist nur, dass wir eben durch das Glühlampenverbot gezwungen werden, diese Lampen zu verwenden, wir nicht mehr frei auswählen können, welche Lampen wir in unsere Fassungen zu Hause hineinschrauben.

Meyer: Sie beschäftigen sich auch mit der Frage, was passiert mit den Lampen, die entsorgt werden müssen, wie viel Quecksilber gelangt dadurch in die Umwelt, in unser Trinkwasser zum Beispiel. Das Gegenargument der Energiesparlampenverteidiger lautet dann immer: "Ja, durch diese Lampen wird ja Energie eingespart, dadurch wird weniger Kohle verbrannt in den Kraftwerken und auch bei dieser Kohleverstromung wird Quecksilber freigesetzt." "Also, wir sparen im Endeffekt Quecksilber ein", sagen die Verteidiger der Lampe. Was können Sie dem entgegenhalten?

Gieselmann: Es ist so, dass die Zahlen, die da immer verwendet werden bei dem sogenannten Quecksilberparadox, die sind mehr als fragwürdig. Wir sind dem nachgegangen und sind darauf gekommen, dass dieser Wert an Quecksilber, den Kohlekraftwerke in Europa angeblich ausstoßen, stammt aus einer Studie, die in den USA erstellt wurde, wo die fünf schmutzigsten amerikanischen Kohlekraftwerke untersucht wurden. Man muss dazu sagen, dass europäische Kraftwerke erstens eine völlig andere Kohle verbrennen als die amerikanischen, zweitens, weil die Umweltauflagen in Europa sowieso höher sind als in den USA, viel weniger Abgase und auch damit Quecksilber aus den Schornsteinen gelangt und da das Ganze eigentlich zusammenbricht.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, wir reden mit dem Kameramann Moritz Gieselmann über den Film "Bulb Fiction", ein Film, der gegen die Energiesparlampen angeht. Und das eine große Thema Ihres Filmes sind die Gesundheitsgefahren durch diese Lampen. Das andere große Thema, das ist die Frage: Wie kam eigentlich dieser Beschluss der EU-Kommission zustande, die Glühlampen in Europa zu verbieten? Sie behaupten nun in dem Film, dass die großen europäischen Lampenhersteller eigentlich diesen Beschluss herbeigeführt hätten durch eine beharrliche und sehr geschickte Lobby-Arbeit. Wie können Sie diese Behauptung belegen?

Gieselmann: Schon 1984 hat Osram eine Kompaktleuchtstofflampe auf den Markt gebracht und sie Energiesparlampe getauft. Und seit damals geistert es eben in den Köpfen von Politikern, Industrievertretern, aber auch von Vertretern von NGOs herum, dass mit diesen Lampen wir der Umwelt was Gutes tun können. Die Industrie hat erkannt, dass sie auf diesen Zug aufspringen kann. Auf der einen Seite ist es so, dass an Glühlampen nichts mehr verdient wird, die Patente sind alle ausgelaufen, in jedem Hinterhof kann jemand Glühbirnen zusammenschrauben, da gibt es keine Verdienstspanne mehr. Auf den Kompaktleuchtstofflampen gibt es Patente, die Herstellungsverfahren sind komplizierter, daher sind die Preise höher und daher ist auch die Verdienstmöglichkeit höher. Und das war eigentlich der treibende Grund, dass die Industrie dann geschaut hat, dass eben mit dem Argument, dass dadurch der Klimawandel gestoppt wird, diese Lampen verpflichtend eingeführt werden.

Meyer: Damit haben wir ein Motiv, aber wir haben noch kein Vorgehen. Also, wo haben dann die Lampenhersteller tatsächlich dafür gesorgt, dass es zu diesem Beschluss der EU-Kommission kam?

Gieselmann: Die EU-Kommission hat ein Komitologieverfahren gestartet, in dem geprüft wurde, wie dieses Lampenverbot funktionieren kann. In dieser Kommission haben ursprünglich nur Vertreter der Industrie und nur Vertreter der Politik gesessen. Es haben darin keine Vertreter aus der Medizin, es haben darin keine Vertreter von Lichtfachleuten, von Lichtdesignern gesessen, sondern es hat nur die Industrie mit den Politikern mehr oder weniger dort alleine gesessen. Es waren noch NGOs dabei, NGOs haben natürlich wenig Wissen über die Nebeneffekte der Sparlampen. Und so ist es der Industrie gelungen, diese Entscheidung durchzudrücken.

Meyer: Sie sehen dann an der Seite der Lampenindustrie ganz erstaunliche Mitkämpfer, Greenpeace zum Beispiel, die kennen wir ja, die Umweltschutzorganisation, als Kämpfer eigentlich gegen große Unternehmen, gegen Ölkonzerne, gegen Atomstromerzeuger und so weiter. Und Sie sagen jetzt, Greenpeace habe praktisch an der Seite der Lampenhersteller gegen die Glühlampe gekämpft. Warum sollte Greenpeace so etwas tun?

Gieselmann: Greenpeace muss, damit die Spenden weiter fließen, auch seinen Spendern und Mitgliedern immer wieder Erfolge vorweisen. Immer gegen die Industrie zu kämpfen, ist natürlich sehr, sehr aufreibend und kostet viel Energie. Da endlich was zu finden, wo man mit der Industrie und der Politik gemeinsam Seite an Seite kämpfen kann, ist ideal. Man kann also einerseits der eigenen Klientel zeigen, dass man Erfolge hat, dass man was tut für die Umwelt, dass man was durchsetzt, man kann sich Freunde machen in der Politik und Freunde in der Industrie. Also, für Greenpeace war das eine ideale Situation.

Meyer: Ich muss noch einen Punkt ansprechen, etwas, das mich dann doch auch wieder misstrauisch gemacht hat, und zwar gegenüber Ihrem Film, und das ist der Umstand, dass Sie sehr stark, wie ich es wahrgenommen habe, auf ziemlich grelle Effekte setzen. Also, Sie habe eine sehr treibende Musik in Ihrem Film, die Energiesparlampen sieht man immer wieder über unschuldigen Babys gehängt, man sieht Bilder von einer Quecksilberkatastrophe in Japan vor 60 Jahren, was dann doch wieder ein etwas anderes Thema ist als dieser Gehalt in den Energiesparlampen. Wenn man an sein Thema glaubt, wie Sie das ja tun, dann muss man doch eigentlich nicht so dick auftragen?

Gieselmann: Auf der einen Seite ist es uns wichtig, dass wir wirklich viele Menschen ins Kino holen, wir wollen ganz bewusst keinen Arthouse-Film machen, sondern wir wollen einen Film machen, den jeder, den dieses Thema interessiert, sich anschauen kann. Wir wollten auch unsere Meinung nicht sozusagen hinter einem objektiven Bericht verstecken, sondern mit unserer Meinung nicht hinter dem Berg halten. Es ist so, das mag ein bisschen grell sein und das mag Geschmacksache sein, wie laut man sozusagen das haben mag. Es ist so: Die Zahlen, die vorkommen, sind alle sorgfältig recherchiert, es ist zum Beispiel so, dass der Fachverband der österreichischen Elektroindustrie letztes Jahr im Herbst, als der Film rauskam, anfänglich unsere Zahlen angezweifelt hat, aber bereits nach einem Tag hat er seine Kritik zurückgezogen, weil die darauf gekommen sind: Die Zahlen sind alle korrekt.

Meyer: Der Film "Bulb Fiction" sagt: 'Energiesparlampen sind gefährlich und überflüssig!' Heute startet dieser Film in den deutschen Kinos, die Idee zu diesem Dokumentarfilm hatte Moritz Gieselmann, der auch als Kameramann dabei war. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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Lichtblicke mit und ohne 60 Watt - Herstellungsverbot für die Glühlampe
Nur teilweise erhellend - Thomas Worm/Claudia Karstedt: "Lügendes Licht. Die dunklen Seiten der Energiesparlampe"
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