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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.10.2010

Mit der Pizza um die Welt

Paul Trummer: "Pizza Globale - Ein Lieblingsessen erklärt die Weltwirtschaft", Econ Verlag, Berlin 2010, 336 Seiten

Viele Menschen lieben Pizzen, auch die Tiefkühlvariante. (Stock.XCHNG)
Viele Menschen lieben Pizzen, auch die Tiefkühlvariante. (Stock.XCHNG)

In seinem Erstlingswerk zeichnet der österreichische Journalist Paul Trummer die weltweiten Warenströme nach, die das schnelle Essen möglich machen. Anhand der Pizzazutaten arbeitet er sich durch die Weltwirtschaft.

1970 kam die erste Tiefkühlpizza auf den deutschen Markt. Seitdem boomt die Hefeteig-Flunder. Noch im vergangenen Jahrzehnt stiegen die Verkäufe um satte 83 Prozent Sicht. Auch weltweit schlägt der Exportschlager der neapolitanischen Küche alle anderen Fast-Food-Gerichte um Längen.

In seinem Erstlingswerk "Pizza Globale" zeichnet der österreichische Journalist Paul Trummer die weltweiten Warenströme nach, die das schnelle Essen möglich machen. Die Idee, wirtschaftliche Zusammenhänge anhand eines Alltagsproduktes zu erklären, ist nicht ganz neu. Schon vor einigen Jahren präsentierte die US-amerikanische Wirtschaftsprofessorin Pietra Rivoli in ihrem viel beachteten "Reisebericht eines T-Shirts" eine eher optimistische Sicht des Globalisierungsgeschehens. Paul Trummer setzt mit "Pizza Globale" auf dieselbe Karte, wenngleich seine Einschätzung wesentlich kritischer ausfällt.

Schon im ersten Kapitel lässt der Autor keinen Zweifel, wie wenig er vom gesundheitlichen Wert des Fast Food hält. Die breite Bevölkerung in den Industrieländern isst zu viel, zu fett, zu ballaststoffarm; Tiefkühlpizzen tragen ihren Teil dazu bei. Anhand der Pizzazutaten arbeitet sich Paul Trummer sodann durch die Weltwirtschaft.

Der knusprige Pizzaboden führt ihn zur Marktmacht der wenigen Global Player im Nahrungsmittelgewerbe, die über 90 Prozent des weltweiten Getreidehandels unter sich ausmachen und der bäuerlichen Landwirtschaft die Luft abschnüren. Vom Knoblauch ist es nicht weit zu den Agrarbörsen der Welt, wo Spekulanten und Fondsmanager mit dem, was andere Menschen essen möchten, enorme Gewinne einfahren können. Oregano allein würzt keine Tiefkühlpizza, sondern dafür sind 350 chemische Zusatzstoffe da. Selbst die Hefe ist keine unschuldige Beigabe, sondern eines der Lieblingsobjekte der Gentechnik, die es finanzkräftigen Produzenten wie Monsanto oder DuPont erlaubt, auf dem Wege der Patentrechts immer größere Marktanteile für sich zu reklamieren.

Der rote Faden "Pizzazutat" mag sich gewollt anhören, doch Paul Trummer setzt die Idee im Buch differenziert und temporeich um. Mit seiner Mischung aus harten Fakten, persönlichem Recherchebericht und globalen Perspektiven liegt er ganz im Sachbuch-Trend - und die Mischung funktioniert einmal mehr. Besonders dicht gerät dem Autor sein Reisebericht in südeuropäische Tomatenanbaugebiete, wo afrikanische Saisonarbeiter zwischen Ratten und Fäkalien hausen, um billige Ernten zu ermöglichen.

Alternativen sind auch in Sicht, sie liegen in der Hand des Verbrauchers. Slow Food und fair gehandelte Produkte legt uns Paul Trummer ans Herz, wild durcheinander sollen wir essen und selbst kochen, am besten regional und saisonal geerntete Pflanzen. Und weil viele von diesen Dingen kaum noch Ahnung haben, schlüsselt der Autor es netterweise auf: Ja, Feldsalat gibt's auch im Winter, während man auf frischen Brokkoli doch wirklich bis zum Sommer warten sollte. Mit "Pizza Globale" hat Paul Trummer ein ebenso engagiertes wie stilsicheres Sachbuch-Debüt vorgelegt.

Besprochen von Susanne Billig

Paul Trummer: Pizza Globale - Ein Lieblingsessen erklärt die Weltwirtschaft
Econ Verlag, Berlin 2010
336 Seiten, 17,95 Euro

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