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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 05.01.2015

Mit dem Partner im Ausland"Der Mitreisende passt sich an"

Von Stefanie Müller-Frank

Eine Frau mit Koffer geht durch den Hauptbahnhof in Berlin.  (picture alliance / dpa / Lukas Schulze)
Eine Frau mit Koffer geht durch den Hauptbahnhof in Berlin. (picture alliance / dpa / Lukas Schulze)

Was heißt es, wenn man der Karriere des Partners ins Ausland folgt? Wir haben mit zwei Frauen gesprochen, die das Leben als "Mitausreisende" besonders gut kennen. Gemeinsam bieten sie in einem Ratgeber Hilfe an.

Susanne Reichardt: "Der, der entsandt wird, ist ja eigentlich mit seinem Beruf und seiner Karriere unterwegs. Und der Mitreisende passt sich irgendwie an und geht mit. Und muss dann eine Menge nacharbeiten, um sich selbst eine eigene Struktur zu schaffen, ein eigenes Leben – und das ist eigentlich der große Unterschied."

Anke Weidling: "Mir ist es so ansatzweise klar geworden, als ich in meinem Pass, den mein Mann mir freudestrahlend überreicht wurde, gelesen habe: Anke Weidling – Frau des Entwicklungsberaters Markus Weidling. Wo mir klar wurde: Uhh, jetzt wird es haarig, wenn ich sozusagen als offizielle Rolle Frau von jemandem bin. Das verträgt sich schlecht mit meinem Selbstbild."

Susanne Reichardt ist Juristin, Anke Weidling Diplompsychologin – beide sind ihrem Mann auf Diplomatenposten ins Ausland gefolgt. Während es für Anke Weidling trotz der Hindernisse nie infrage stand, ihre eigene Karriere aufzugeben, hat sich Susanne Reichardt gegen den Erwerbsberuf entschieden. Heute lebt sie in Australien – ihrer vierten Heimat auf Zeit nach Honduras, Schweden und Brasilien.

"Ich hätte wohl gekonnt in manchen Ländern, aber ich hatte kleine Kinder. Ich habe mich ehrenamtlich betätigt und muss sagen, habe auf diesem Weg dann meine Identität gefunden. Das hat ein wenig gedauert." (lacht) "Letztlich bin ich im Rückblick ganz zufrieden damit."

"Sonst verliert man sich und das ist ungesund"

Susanne Reichardt ist 55, hat zwei erwachsene Kinder und engagiert sich ehrenamtlich beim Frauen- und Familiendienst des Auswärtigen Amtes. Dort organisiert sie Vorbereitungsseminare für die mitausreisenden Partner und Partnerinnen von Diplomaten. Ein wichtiger Rat von ihr ist immer: Sich eine eigene Struktur zu schaffen – unabhängig von der Karriere des Partners.

"Ich denke, es muss nicht unbedingt der Erwerbsberuf sein, aber es sollte etwas sein, was einem selbst eine Identität gibt und zufrieden macht. Und ein eigener roter Faden ist im Leben. Denn sonst verliert man sich und das ist ungesund."

Jahr für Jahr werden nach Schätzungen 2,5 Millionen Menschen in Deutschland von ihren Firmen oder Institutionen ins Ausland entsandt. Das Thema betrifft also alle, nicht nur Diplomatengattinen. Um ihre Mitarbeiter und deren Familien für ein Leben in der Fremde zu gewinnen, gestehen die Unternehmen ihnen oft Privilegien zu. Der materielle Ausgleich werde allerdings oft überschätzt, meinen Susanne Reichardt und Anke Weidling.

Bei Heimweh oder Sinnkrise helfe ein Pool schließlich auch nicht weiter. Die beiden haben den Ratgeber "Gemeinsam ins Ausland und zurück" verfasst, der die mitausreisenden Partner Schritt für Schritt auf das Leben in der Fremde vorbereitet. Keine Alltagssituation ist ihnen zu banal, sie berichten anschaulich und ehrlich auch von ihren eigenen, oft frustrierenden Erfahrungen: Vom Verlust der Sprache bis hin zu Situationen kompletter Ratlosigkeit.

"Das ist richtig harte Arbeit"

"Dann gibt es die Schwierigkeit, dass Alltagsverrichtungen plötzlich unendlich mühsam werden. Weil man weiß, zuhause natürlich, zu welchem Arzt man geht, wenn man sich den Fuß verrenkt hat. Das weiß man aber nicht, wenn man irgendwo neu angekommen ist. Man weiß hier, wen man bestellen muss, wenn die Heizung kaputt gegangen ist. Aber in der Regel weiß man nicht mal, wie man die Heizung anstellt, wenn man irgendwo angekommen ist."

Das kostet viel Zeit und Kraft – und dann fehle oft der Mut, sich jemandem anzuvertrauen. Auch sie selbst, erzählt Anke Weidling, hatte im Vorfeld nicht realisiert, wie viel sich tatsächlich verändern würde.

"Ich denke, was Partner lernen sollten, die mitreisen. Eigentlich selbstbewusst zu sagen: Das, was ich jetzt hier mache – und wenn es 'nur' ist, mich hier einzuleben oder die Familie zu unterstützen – das ist auch was. Und das nicht als Nichts zu sehen. Denn das ist richtig harte Arbeit."

In ihrem Ratgeber sprechen die beiden Autorinnen so manches aus, was in Diplomatenkreisen als Tabu gilt. Sie thematisieren nicht nur Sinnkrisen und unfreiwilliges Nichtstun, sondern auch die Notwendigkeit eines Ehevertrags. Das Unterhaltsrecht nach einer Scheidung hat sich entscheidend verändert, deshalb sollten sich alle, die ihre Partner ins Ausland begleiten, bewusst mit diesem Thema auseinandersetzen, raten Anke Weidling und Susanne Reichardt. Im Ausland verändere sich schließlich vieles. Darauf sollte man gut vorbereitet sein – zumal, wenn man so abhängig ist wie als Mitausreisender.

"Manchmal habe ich so den Eindruck, die Leute wissen das noch nicht, dass sie das brauchen." (lacht) "Also das hört sich jetzt vielleicht komisch an, aber wenn manchmal Sachen angeboten werden, das wird nicht wahrgenommen, wo ich denke: Mensch, ich wäre froh gewesen, wenn ich das gehabt hätte. Aber vielleicht hätte ich es damals auch nicht wahrgenommen, weil ich es nicht wusste. Inzwischen bin ich so vernetzt auch, das ist vielleicht schwierig beim ersten Mal, wenn man so gar keine Vorstellung hat."

 

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