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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.05.2005

Mit dem Charisma eines KGB-Leutnants

Anna Politkovskaja über Putins Russland

Rezensiert von Martin Sander

Russlands Präsident Wladimir Putin (AP)
Russlands Präsident Wladimir Putin (AP)

Für die russische Autorin Anna Politkovskaja ist ihr demokratisch gewählter Präsident ein typischer Oberstleutnant des KGB, ausgestattet mit der provinziellen Weltanschauung und dem unansehnlichen Aussehen sowie den schlechten Manieren eines sowjetischen Geheimdienstoffiziers.

Dieser Mann spioniert seinen Mitmenschen nach, er steckt voller Rachsucht gegenüber allen, die es gewagt haben, ihn zu kritisieren. Er ist eigentlich ein zweiter Akaki Akakijewitsch, jene Verkörperung des Beamtenkleingeistes, die der Schriftsteller Nikolai Gogol zur Zeit der Zarenherrschaft erfunden und zum Helden seiner berühmten Novelle "Der Mantel" gemacht hat.

Putins Politik kann in seiner zweiten Amtszeit von kaum einem Parlament und kaum einem Richter wirkungsvoll in Frage gestellt werden, geschweige denn durch das Gegengewicht eines Föderalismus. Schließlich werden unter dem wieder gewählten Präsidenten der russischen Föderation die Landesfürsten, die Gouverneure, nicht mehr gewählt, sondern von oben eingesetzt.

Im Spinnennetz postsowjetischer Herrschaft?

Was das für die innere Verfassung der russischen Gesellschaft bedeutet und wie es überhaupt dazu kommen konnte, ist das Thema von Anna Politkovskaja in einer Sammlung von Reportagen, die sich zu einem zweifellos gründlich recherchierten und eindrucksvoll erzählten Dokumentarroman fügen. Da steigt ein kleiner Schläger und zweitklassiger Erpresser dank ungezählter Betrügereien und zahlreicher Auftragsmorde zu einem der mächtigsten Wirtschaftsbosse Russlands auf, während seine Kumpan, ein korrupter mittlerer Polizeibeamter mit einem Abgeordnetenmandat der Duma ausgestattet und schließlich von einem Präsidenten namens Putin zum Leiter der Hauptverwaltung zur Bekämpfung organisierter Kriminalität ernannt wird.

Anna Politkovskaja beschreibt die Wirklichkeit der russischen Kriegsführung in Tschetschenien, die - während die Weltöffentlichkeit überwiegend wegschaut - weiter bestimmt ist von brutaler Gewalt, sowohl gegen die Zivilbevölkerung als auch gegen unbequeme Angehörige der eigenen Armee. Es geht hier um Geschichten von Siegern und Mitläufern, aber auch um das zerrissene Leben derer, die sich in die Regeln von Putins autoritärem Staat nicht fügen können oder wollen - Soldaten und Zivilisten, Arbeiter und Unternehmer oder Richter - Menschen, die andere Auffassungen von Recht und Gerechtigkeit vertreten, als Putin sie vorgibt.

Kritisches Panorama im russischen Detail?

Anna Politkovskaja, Jahrgang 1958, hat bereits mit ihrer Dokumentation "Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg" international Aufsehen erregt. Für ihre kritischen Reportagen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit der Hermann-Kesten-Medaille des deutschen P.E.N. Ihr neues Buch "In Putins Russland" wurde in Russland bislang nicht veröffentlicht. Warum, das wird durch die Lektüre der deutschen Ausgabe verständlich.

Anna Politkovskaja: In Putins Russland.
Aus dem Russischen von Hannelore Umbreit und Ulrike Zemme, DuMont Verlag Köln 2005
315 Seiten, 19.90 Euro

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