Seit 14:30 Uhr Vollbild
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 14:30 Uhr Vollbild
 
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.08.2013

Mit Arsen und Mäusebutter

Peer Meter: "Die Verhöre der Gesche Gottfried", A. S. Theater + Film, Berlin 2013, 2 CDs

Die Totenmaske der Gesche Gottfried wird im Focke-Museum in Bremen ausgestellt. (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)
Die Totenmaske der Gesche Gottfried wird im Focke-Museum in Bremen ausgestellt. (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)

Der Fall der Gesche Gottfried fasziniert bis heute. Zwischen 1813 und 1827 vergiftete die Serienmörderin in Bremen 15 Menschen. Die historischen Verhörprotokolle, die lange verschollen waren, hat der Schriftsteller Peer Meter nun zu einem schauerlichen Hörbuch verarbeitet.

Weibliche Stimme 1: "Wenn ich krank war, hat sie mich manchmal gepflegt und unterstützt. Nie würde ich ihr etwas Arges zutrauen, denn sie ist leutselig wie ein Engel, mit jedermann."

Weibliche Stimme 2: "Sie war ein lustiges Mädchen. Ihre Eltern waren brave unbescholtene Leute. Auch später war sie immer eine sehr brave Frau."

Dissonante Geigenklänge sind in Krimi und Thriller seit jeher ein akustisches Signal für drohendes Unheil und psychische Schräglagen. Und so ist schon zu Beginn des Hörbuchs "Die Verhöre der Gesche Gottfried" klar: Mit dieser Frau stimmt etwas nicht.

Verteidiger: "Wie war es nur möglich, dass sie in dem kurzen Zeitraum von Mai bis September des Jahres 1815 ihre beiden Eltern und ihre drei Kinder haben vergiften können, ohne auf dieser entsetzlichen Bahn einmal stille zu stehen, zur Besinnung zu kommen oder wahnsinnig zu werden? Und ohne dass ein Verdacht gegen sie aufkam."

Die Frage fasziniert bis heute: Wie konnte Gesche Margarethe Gottfried, geboren am 6. März 1785, wie konnte der "Engel von Bremen", wie sie wegen ihrer Wohltätigkeit genannt wurde, solange unbemerkt morden? Und warum tat sie es?

Gesche Gottfried: "Dass ich darauf verfiel, Miltenberg mit Gift wegzuschaffen, kam wohl daher, dass ich dieses Mittel im Hause hatte. Wäre das Gift nicht zur Hand gewesen, so hätte zur Tat wohl mehr gehört. Denn ich kann nicht sagen, dass ich eigentlich Hass gegen Miltenberg gehabt hätte, denn er behandelte mich nicht schlecht."

Miltenberg war ihr erster Ehemann und ihr erstes Opfer.

Aus Prozessakten zusammengestellt

Das aus den Prozessakten entnommenen Zitaten zusammengestellte Hörspiel legt nahe, dass die Gottfried zunächst eine Gelegenheitstäterin war. Sie vergiftete ihre Opfer mit Arsen, später mit sogenannter "Mäusebutter" – ein mit Arsen versetztes Fett, mit der man sich vor 200 Jahren den Kammerjäger ersparte:

"Ich habe eine schlechte Amme gehabt und meine Mutter hat immer gesagt, dass des verruchten Menschen Milch mir geschadet habe."

Stellt sich "die Gottfried" zunächst noch als Opfer dar, und leugnet die Taten, so gesteht sie ihre Verbrechen im Verlauf der Verhöre immer kaltblütiger:

"Ich war am Tisch, wie er die Suppe aß ... auch bei seinem Tod war ich gegenwärtig." (Gesche Gottfried über ihren Vater)

Und manchmal blitzt sogar eine gewisse Eitelkeit auf:

"Herr Pastor ... jetzt sagen sie mir doch einmal: Solange sie Pastor sind – haben sie da eine solch große Sünderin, wie ich eine bin schon einmal kennengelernt?"
Pastor: "Nein, nein ... "

Dann wieder wird sie hysterisch, beschuldigt andere der Taten – nur, um mitten in den grausamsten Geständnissen plötzlich naiv wie ein kleines Mädchen daherzuplappern:

"Ich muss Ihnen doch etwas Niedliches noch sagen, Herr Senator: Seit einigen tagen habe ich jeden morgen die Gesellschaft von zwei kleinen Vögeln an meinem Zellenfenster. Und jeden morgen füttere ich sie mir Brot!"

Psychogramm einer Mörderin

Autor Peer Meter zeichnet ein facettenreiches Psychogramm einer Mörderin, die damals wie heute schwer zu fassen ist. Handelte sie zunächst eher aus finanziellen Gründen, so kam später scheinbar ein Gefallen an der Macht über das Leben anderer hinzu.

"Die Verhöre der Gesche Gottfried" könnte man auch als Kammerhörspiel bezeichnen – so wird auf den Einsatz von Geräuschen weitgehend verzichtet. Was das Stück aber zu echtem "Lauschgift" macht, ist das intensive Zusammenspiel der beiden Hauptsprecher: Ariane Seeger und David Nathan, der den Senator Doste spricht.

Senator: "Haben Sie Ihren Vater vergiftet?"
Gesche Gottfried: "Ja ... ?"
Senator: "Warum haben Sie Ihren ... Vater vergiftet?
Gesche Gottfried schluchzt: ""Nein ... ich habe ihm ... nichts gegeben."

Neben ihnen tauchen in kleinen Rollen auch Stars der Hörspielszene auf – wie zum Beispiel Oliver Rohrbeck:

"Ich wollte die Leiche einen Tag nach dem Tod öffnen und näher untersuchen. Als ich dorthin kam, war die Gottfried schon da und sagte, dass die Leiche habe platzen wollen und deshalb schnell eingekleidete und in den Sarg habe gelegt werden müssen."

Insgesamt 25 Sprecher sowie eigens eingespielte Musik machen dieses "Hörspielbuch" – wie es im Titel heißt – zu einem audiophilen Gesamtkunstwerk. Starke Nerven braucht man allerdings. Immerhin trägt das Cover den Vermerk: "Wir empfehlen diese CD ab 15 Jahren."

Droste: "Wir beenden jetzt das Verhör und Sie überdenken die Nacht das gesagte noch mal."

Gesche Gottfried: " Ja, und – wer hätte mir das zugetraut, was ich getan habe? Gute Nacht, Herr Senator!""

Am 21. April 1831, nach drei Jahren Inhaftierung, wurde Gesche Gottfried enthauptet. Es war die letzte öffentliche Hinrichtung in Bremen.

Besprochen von Ralf Bei der Kellen

Peer Meter: Die Verhöre der Gesche Gottfried. Ein Kammerspiel des Grauens
A. S. Theater & Film, Berlin 2013
2 CDs, 15 Euro

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Ein Panoptikum kalten Schreckens
Todesdroge "Mäusebutter"

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Die SchattenlinieJoseph Conrads letzte Reise
Der englischsprachige Schriftsteller Joseph Conrad, aufgenommen im Dezember 1915. (picture-alliance / dpa / dpaweb  )

Der berühmte Schriftsteller Joseph Conrad, mittlerweile alt und brummig, begegnet auf einer Atlantiküberfahrt einem jungen US-Amerikaner. Zutiefst überzeugt von den Segnungen des American Way of Life versucht dieser, Conrads pessimistische Weltsicht zu widerlegen. Ein Hörstück.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur