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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.01.2013

Missstände im Medizinapparat

Werner Bartens: "Heillose Zustände", Droemer Verlag, 223 Seiten

Bartens ermöglicht seinen Lesern einen erschreckenden Blick hinter die Kulissen des Medizinapparats.  (picture alliance / dpa / Stephan Görlich)
Bartens ermöglicht seinen Lesern einen erschreckenden Blick hinter die Kulissen des Medizinapparats. (picture alliance / dpa / Stephan Görlich)

Verschwendung, Geldgier, unnötige Medikamente: Der Mediziner und Journalist Werner Bartens beschreibt in diesem Buch, was in unserem Gesundheitssystem alles schief läuft - und fordert am Ende die Abschaffung des Bundesgesundheitsministeriums.

"Heillose Zustände" der Titel ist eindeutig und er ist wörtlich zu verstehen. Gewohnt klar und deutlich formuliert der Mediziner und Journalist Werner Bartens von der ersten Zeile an, was in unserem Medizinsystem alles schief läuft. Sein Bericht ist eine sehr gut recherchierte Anklageschrift, wie Staatsanwälte sie sich wünschen würden, hätten sie über den Medizinapparat zu verhandeln. Das ist natürlich nicht der Fall, denn offiziell hat sich niemand etwas zuschulden kommen lassen. Trotzdem geht es in diesem Buch um Verschwendung, Geldgier, fehlendes Unrechtsbewusstsein, Missachtung wichtiger Sicherheitsstandards und zahlreiche gefährliche und unnötige Experimente an Patienten.

Pharmafirmen dürfen teure Medikamente auf den Markt bringen, die nachweislich keinen Nutzen haben. Wie das geht? Die Unternehmen drohen mit dem Verlust von Arbeitsplätzen und schon knickt die Politik ein. Allein 200 Lobbygruppen sorgen dafür, dass die Behörden medizinisch unnötige Therapien durchwinken. Ein anderes nicht weniger dramatisches Beispiel sind Privatkliniken, die Patienten mit schwierigen und unrentablen Erkrankungen schlicht nicht behandeln, weil sie der Klinik keinen Gewinn bringen.

Gewinnmaximierung im Gesundheitswesen ist nicht nur ein Thema, das Werner Bartens unter den Nägeln brennt. Auch zahlreiche kritische Mediziner beschäftigt das Thema Ökonomisierung der Medizin. Vor diesem Hintergrund ist es gut, dass der Autor einen ausführlichen Blick hinter die Kulissen des Medizinapparats wirft, der es in sich hat. Nur 1500 der 60.000 auf dem Markt befindlichen Medikamente sind überhaupt sinnvoll, zahlreiche Vorsorgeuntersuchungen und Therapien schaden den Patienten mehr als das sie helfen, so sind zum Beispiel mehr als die Hälfte aller verschriebenen Blutdrucksenker und Stent-Implantate bei Herzkreislauferkrankungen überflüssig.

Das sind alles keine Behauptungen, sondern in Studien ermittelte Tatsachen, zeigt uns Bartens. Alle Untersuchungen hat er akribisch aufgelistet und rät seinen Lesern sogar, sich diese im Detail anzuschauen, denn das Ausmaß an gefährlichen und unnützen Interventionen in der Medizin ist gewaltig. Mehr Aufklärung geht nicht. Doch das Fatale, und das ist auch dem Autor bewusst: Änderung ist nicht in Sicht. Das Grundproblem ist, die Liste der unglaublichen Missstände im Medizinapparat wird immer länger. Aufklärung ist gut, nur sie hilft nicht. Was also tun?

Als Patient gibt es wenige Chancen dagegen anzugehen. Außer sich umfassend zu informieren. Wer Hintergründe und Expertisen kennt, kann immerhin Therapien ablehnen. Weniger ist in der Medizin meistens mehr, zeigen internationale Studien. Werner Bartens geht aber noch einen Schritt weiter. Fast verwegen fordert er am Ende die Abschaffung des Bundesgesundheitsministeriums. Das ist ernst gemeint und logisch, denn es entscheiden nicht unabhängige Ärzte und Patienten über die Zulassung von Medikamenten und die Bezahlung von medizinischen Dienstleistungen, sondern Politiker, die sich einer Medizinindustrie verpflichtet sehen.

Damit ist das Buch neben der erschreckende Analyse auch als ein Appell an die Verantwortlichen zu lesen, sich dem Dschungel des Medizinapparates zu stellen. Die Karten liegen offen auf dem Tisch. Werner Bartens hat die Finger wieder mal gekonnt und diesmal äußerst tief in die Wunde gelegt.

Besprochen von Susanne Nessler

Werner Bartens: Heillose Zustände. Warum die Medizin die Menschen krank und das Land arm macht
Droemer Verlag
223 Seiten, 18,00 Euro

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