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Misereor kritisiert Warentermingeschäfte

Aus Sicht der katholischen Hilfsorganisation sollte die Spekulation auf Lebensmittel verboten werden

Heinrich Oelers im Gespräch mit Ute Welty

Ein ausgetrocknetes Maisfeld in Eldorado im US-Bundesstaat Illinois
Ein ausgetrocknetes Maisfeld in Eldorado im US-Bundesstaat Illinois (picture alliance / dpa / Jim Lo Scalzo)

Die Rekorddürre in den USA hat zu einem Anstieg der Getreidepreise geführt. Heinrich Oelers, Agrarexperte von Miseror, sieht die eigentliche Gefahr aber eher in Warentermingeschäften, mit denen an der Börse auf Lebensmittelspreise spekuliert wird. Dies führe zu einer künstlichen Verteuerung.

Ute Welty: Kansas, Missouri, Nebraska, Oklahoma – hier ist die Lage besonders schlimm, oder sollte man besser sagen besonders trocken? Seit Jahrzehnten hat es noch nie so wenig geregnet wie in diesem Jahr. Die Ernten drohen auszufallen, und das hat nicht nur Folgen für die amerikanischen Landwirte, sondern auch weltweit. Heinrich Oelers ist Agrarexperte beim katholischen Hilfswerk Misereor und hat sich ausführlich mit den Konsequenzen solcher Krisen beschäftigt. Guten Morgen, Herr Oelers!

Heinrich Oelers: Morgen, Frau Welty!

Welty: Das Gesetz der Marktwirtschaft sagt, je knapper das Gut, umso höher der Preis. Werden Lebensmittel aufgrund der amerikanischen Dürre für manche Länder unerschwinglich?

Oelers: Ja, ob die unerschwinglich werden, ist im Moment sicher nicht zu sagen. Man stellt fest, dass die Preise an den Börsen, wo Getreide gehandelt wird, an den Warenterminbörsen, die Preise in den letzten Wochen, seit Mitte Juni ungefähr, deutlich angestiegen sind. Welche Konsequenzen das letztlich hat, wenn die Ware auf dem Markt ist und gekauft wird, ist eine andere Frage, und das wird auch von Land zu Land sicher unterschiedlich sein.

Welty: Wovon ist das denn abhängig?

Oelers: Na ja, es geht ja nicht nur um das, was in den USA produziert wird, sondern es geht ja um das, was heute weltweit produziert wird. In der letzten Woche gab es ja zwischenzeitlich mal eine Meldung, dass auch mit Ernteausfällen in Russland zu rechnen ist, worauf die Preise an der Börse gleich hochgingen. Und als dann die Russen Entwarnung gaben, gingen die Preise auch wieder leicht nach unten. Also das heißt, es wird natürlich nicht nur in den USA produziert, sondern in vielen Ländern. Es gibt viele wichtige Exporteure von Mais und Weizen, und darum geht es in erster Linie. Und da kommen natürlich viele Faktoren zusammen, die am Schluss über den Preis bestimmen.

Welty: Lässt sich denn sicherstellen, dass eine amerikanische Dürre die Menschen in Kuba oder Haita nicht mehr existenziell bedroht?

Oelers: Ja, das ist natürlich eine langfristige Frage, die man damit anspricht, denn im Grunde genommen ist der hohe Preis ja nicht das Problem. Das ist auf kurze Sicht sicherlich eine Herausforderung für Leute, die auf dem Markt Getreide, Nahrungsmittel einkaufen müssen, aber der hohe Preis ist im Grunde genommen oder der niedrige Preis ist im Grunde genommen das Problem für die Produzenten, wenn man bedenkt, dass die Menschen, die weltweit hungern, meistens ländlich-bäuerliche Bevölkerung ist, und auf der anderen Seite die Verknappung von Nahrungsmitteln ein Problem ist, weil in vielen Ländern einfach lokal nicht mehr produziert wird. Also das Beispiel Kuba, was ein bisschen ungewöhnlich ist, weil das halt ein politisches System ist, was seine speziellen Charaktermerkmale hat, aber die sind zu einem sehr, sehr hohen Grad abhängig von Exporten, was überhaupt nicht nötig wäre, wenn sie selber ausreichend produzieren würden.

Welty: Heißt …

Oelers:

Welty: Entschuldigung?

Oelers: Bitte?

Welty: Heißt das im Umkehrschluss, dass hohe Preise im Grunde genommen auch wieder eine Chance sind, um lokale Produktion zu fördern?

Oelers: Sie könnte, wenn Sie eine gewisse Stabilität hätten und wenn die Preise nicht zu starke Ausschläge hätten, wäre das sicherlich eine Chance für viele Produzenten, die dann wieder einen Anreiz hätten zu produzieren, was für sie jetzt in vielen Ländern einfach nicht der Fall ist. So müssen die kleinen Produzenten weltweit produzieren auf einen kleinen Flächen, sie haben häufig ein, zwei, drei, vier, fünf Hektar, nicht mehr, und sie konkurrieren mit Produzenten anderswo, die auf 100, 200 oder 500 Hektar produzieren und dann weltweit ein Preis entsteht, der für kleinere eigentlich nicht mehr zu halten ist.

Welty: Gehen Sie davon aus, dass der Preis künstlich niedrig gehalten wurde in der vergangenen Zeit?

Oelers: Nein, das ist auch eine Frage der Marktgesetze, würde ich sagen. Das sind die sehr unterschiedlichen Produktionsbedingungen in den Industrieländern, die großflächig industriell produzieren, auf großer Fläche große Mengen produzieren und die Preise ja dann auch zu einem sehr hohen Anteil gestützt worden sind, weil die Industrieländer – durchaus auch aus gutem Grund – auch ein Interesse daran hatten, dass die eigene Landwirtschaft einfach erhalten bleibt. Und die Industrieländer haben eben ein Interesse daran gehabt, dass man über ausreichende Nahrungsmittelsversorgung verfügt, um nicht abhängig zu werden von anderen Ländern. Im Süden sieht das vielfach anders aus.

Welty: Inwieweit hat diese industrielle Produktionsweise auch zu tun mit diesen fatalen Folgen der Dürre jetzt in den USA?

Oelers: Die Frage habe ich nicht richtig verstanden.

Welty: Was ich wissen wollte, war, ob industrielle Produktionsweise besonders betroffen ist von der Dürre, dass die Böden beispielsweise besonders ausgelaugt sind.

Oelers: Ja, also das spielt natürlich eine Rolle. Sie haben eine großflächige Landwirtschaft, also das ist Land, was natürlich dann entsprechend bearbeitet wird, wo Chemikalien eingesetzt werden. Bei der Maisproduktion beispielsweise ist Bodenerosion weit verbreitet, das kann man auch bei uns in Europa beobachten. Da wird im Grunde genommen die gesamte Vegetationsdecke beseitigt, um das Produkt dann anzupflanzen, und das macht die Böden natürlich auch besonders anfällig.

Welty: Die Dürre ist das eine, die Spekulation auf Lebensmittel das andere. Misereor sagt, mit Essen spielt man nicht, aber lassen sich solche Spekulationen tatsächlich verhindern, wenn damit viel Geld zu machen ist?

Oelers: Nein, im Moment jedenfalls nicht. Die Versuche, das einzudämmen, das Spekulationsgeschäft, das ist bisher gescheitert, aber sicherlich wäre das eine sinnvolle Konsequenz, eine notwendige Konsequenz, dass man also diesen Faktor einfach aus dem ganzen Geschehen rausnimmt, der dazu führt, dass Güter dann verknappt oder verteuert werden dadurch, dass damit Gewinne gemacht werden.

Welty: Sie selbst kommen aus einer Bauernfamilie, wie macht sich das bisherige System da bemerkbar?

Oelers: Also für die ländlichen Produzenten ist das in Deutschland, in Europa natürlich generell ein Problem, und das ja nicht erst seit gestern, sondern das ist eine Gesamttendenz, die sich seit vielen Jahren abzeichnet. Die Bauern müssen unheimlich viel investieren an Zeit und Energie und an eigenen Ressourcen und schaffen es dann so gerade, über die Runden zu kommen. Das ist schon ein harter Kampf in einem Wettbewerb, wo die einzige Chance eigentlich nur immer darin besteht, hart am Markt zu sein und dann über das Produktionsvolumen dann einigermaßen das Einkommen zu sichern.

Welty: Heinrich Oelers, Agrarexperte beim Hilfswerk Misereor, ich danke für das Interview hier in der Ortszeit!

Oelers: Ja, gerne!


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