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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 13.08.2008

Mischehe, Konfessionsschule, Christentum und Sozialismus

Kirchen und Politik in den 50er-Jahren

Von Sylvia Conradt

Gefüllte Plätze beim Kirchentag - in der DDR hatten es die Christen weniger einfach, ihre Religion zu leben. (AP)
Gefüllte Plätze beim Kirchentag - in der DDR hatten es die Christen weniger einfach, ihre Religion zu leben. (AP)

Die Kirche in der DDR war für die SED eine staatsfeindliche fünfte Kolonne des Westens. Die Kirche in der Bundesrepublik - aus der Sicht der Oppositionspolitiker ein Förderverein der mit absoluter Mehrheit regierenden Christdemokraten. So stellten sich die verhärteteten Fronten vor 50 Jahren dar. Sie veränderten sich nur langsam, Schritt für Schritt.

"Aber, lieber verehrter Herr Dr. Gradl, darf ich Sie mal etwas fragen? Erachten Sie es für gut, dass der Westen aufmarschiert unter dem Schild und der Parole einer christlichen Front?"

Der SPD-Politiker und Synodale Gustav Heinemann am 23. Januar 1958 vor dem Deutschen Bundestag. Einziger Tagesordnungspunkt: die Ost- und NATO-Politik der Bundesregierung.

Gustav Heinemann: "Sehen Sie, wir hatten von der evangelischen Kirche 1950 eine Synode in Elbingerode, bekanntlich im östlichen Teil des Vaterlandes. Da hat einer der Sprecher auf der Synode gesagt: Ihr Westdeutschen, tut uns doch den Gefallen, macht das, was ihr politisch vorhabt, nicht unter dieser christlichen Parole. Denn das hat zur Folge, dass wir hier, hier in der Ostzone, als fünfte Kolonne des Westens angesprochen und behandelt werden. Die politische Differenz ist ja tief genug, wozu muss sie mit dieser christlichen Parole überkleidet werden?"

Die Kirche in der DDR - für die SED eine staatsfeindliche fünfte Kolonne des Westens. Die Kirche in der Bundesrepublik - aus der Sicht der Oppositionspolitiker ein Förderverein der mit absoluter Mehrheit regierenden Christdemokraten.

Durch die Verwerfungen von Krieg, Flucht und Vertreibung und durch die Gründung der DDR waren die Protestanten ihrer Vormachtstellung verlustig gegangen, große Teile des protestantischen Stammlandes lagen in der DDR. In der Bundesrepublik hatten die 26 Millionen Protestanten nur noch knapp die Mehrheit gegenüber den rund 23 Millionen Katholiken.

Zwar hatten sich mit Gründung der Unionsparteien erstmals Angehörige beider Konfessionen zu einem politischen Bündnis zusammengeschlossen. Aber in der Union dominierten die Katholiken mit dem Parteivorsitzenden und Bundeskanzler Konrad Adenauer an der Spitze. Die katholische Kirche witterte Morgenluft und setzte auf die CDU, um ihre Vorstellungen eines restaurativen, christlich geprägten Abendlandes durchzusetzen. Hirtenbriefe mahnten, dass Christen nur eine christliche Partei wählen könnten. Aber auch die Mehrheit der gläubigen Protestanten wählte CDU.

"Es bleibt die Feststellung, dass zwischen dem gesellschaftlichen Ordnungsbild, wie es die SPD vertritt, und dem christlichen Ordnungsbild so wesentliche Unterschiede bestehen, dass wir Ersteres ablehnen müssen. Deshalb muss die Frage, kann ein katholischer Arbeiter es mit seinem Gewissen vereinbaren, sozialdemokratisch zu wählen, mit einem eindeutigen 'Nein' beantwortet werden. Es ist unmöglich, gleichzeitig ein guter Katholik und ein wirklicher Sozialist zu sein."

Mit dieser Erklärung hatte der katholische Bischof von Münster, Michael Keller, 1957 dazu aufgerufen, bei der Bundestagswahl die Unionsparteien zu wählen. Viele katholische Arbeiter folgten dem Aufruf. Für sie war die SPD eine atheistische Partei und deshalb nicht wählbar. Scharf protestierte der FDP-Vorsitzende Thomas Dehler gegen die Liaison zwischen den Kirchenoberen und Bundeskanzler Adenauer im Wahlkampf 1957:

"Vor der Wahl haben die Bischöfe ihre geistige Autorität dafür eingesetzt, dass eine Partei gewählt wird. Wie können Sie behaupten, diese Wahl sei eine Entscheidung unseres Volkes für eine politische Sache. Sie haben unser Volk von der politischen Entscheidung weggeführt. So gewinnt man Wahlen, aber man verliert die Demokratie."

Beiden Kirchen war es gelungen, sich nach dem Krieg als moralische Instanz zu präsentieren, die die NS-Diktatur aufrecht und moralisch unbeschadet überstanden hatte. Was in dieser Absolutheit zwar nicht stimmte, aber dennoch recht widerspruchsfrei akzeptiert wurde - in der Bevölkerung und anfangs auch von allen vier Besatzungsmächten.

Und so waren in den Fünfzigerjahren Politik und Kirche in der Bundesrepublik eng miteinander verflochten. Ob bei Wahlen oder politischen Debatten: die Kirchen, so schien es, redeten immer mit. Andererseits bahnten sich tiefgreifende Veränderungen an. Durch die Millionen Vertriebenen, die sich über die ganze Republik verteilten, wurden die klassischen konfessionellen Milieus aufgebrochen. Der Historiker Christoph Kleßmann, ehemaliger Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam:

"Die spezifische Verankerung der Kirchen in sozial-moralischen Milieus und diese relative Abgeschlossenheit von katholischen und protestantischen Milieus, die ist durch die Kriegsfolgen eben massiv aufgebrochen worden, sodass im Grunde in der Gesellschaft, in mehr oder minder allen Regionen, eine erhebliche Durchmischung stattgefunden hat zwischen Katholiken und Protestanten und auf diese Weise eben dann auch die alte Trennung dann nicht mehr durchzuführen war. Es ist dann eigentlich erstaunlich, wie lange dann trotzdem versucht wurde, ein spezifisch katholisches oder eben auch ein spezifisch protestantisches Milieu und auch ein entsprechendes Profil aufrecht zu erhalten."

So kämpfte die katholische Kirche gegen die interkonfessionelle Ehe, die sogenannte Mischehe: Sie galt noch 1958 als "fürchterliches Übel", vor dem zu warnen Bischöfe und Priester in Hirtenbriefen und Gemeindepostillen nicht müde wurden.

Daneben war vor allem die Bekenntnisschule, die konfessionshomogene Grund- und Volksschule, das zentrale politische Kampfobjekt der katholischen Kirche. Der Potsdamer Historiker Klaus Große Kracht:

"Es ist eben interessant, dass es aus dem Vatikan direkt nach 1945 Signale gegeben hat an die Deutsche Bischofskonferenz, dass der Beibehalt der Konfessionsschule 'einen Kampf wert' sei, so die tatsächliche Formulierung, die in Bischofskreisen dann zirkulierte. In der britischen Besatzungszone war es so, dass die Besatzungsbehörden den Eltern durchaus eine Möglichkeit geben wollten, darüber abzustimmen, welches Schulsystem sie denn bevorzugen würden.

Und auf Grund einer massiven öffentlichen Kampagne der katholischen Kirche hat sich tatsächlich die katholische Elternmehrheit für den Beibehalt der Konfessionsschule entschieden und damit einen Prozess in Gang gesetzt, der bis zur Verabschiedung der nordrhein-westfälischen Verfassung und des nordrhein-westfälischen Schulgesetzes dann dafür gesorgt hat, dass tatsächlich Konfessionsschule, also eigentlich ein Relikt aus dem frühen 20. Jahrhundert oder aus dem 19. Jahrhundert, sogar wieder restauriert wurde nach 1945."

Als 1954 die niedersächsische SPD-Landesregierung die Bekenntnisschule abschaffte und die überkonfessionelle Gemeinschaftsschule zur Regelschule erklärte, rief die katholische Kirche Eltern und Schüler zu einem Warnstreik auf, dem mehr als 10.000 Schülerinnen und Schüler folgten. Die Bundesregierung zog 1955 sogar vor das Bundesverfassungsgericht, um in Einklang mit der katholischen Kirche gegen das niedersächsische Schulgesetz vorzugehen - und scheiterte 1957.

Zur selben Zeit kam ein wenig Bewegung in die katholische Einheitsfront. Im Januar 1958 trafen auf Einladung der Katholischen Akademie in München führende Sozialdemokraten und Katholiken zusammen, um gemeinsam über "Christentum und Sozialismus" zu konferieren. Klaus Große Kracht vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam:

"Dieses Treffen hat in der Presse ein großes Echo hervorgerufen, da es schon vorher vereinzelt Gespräche gegeben hat zwischen Sozialdemokraten und Kirchenvertretern, die aber geheim gehalten worden sind. Dabei waren Vertreter des SPD-Parteivorstandes ebenso wie namhafte Theologen, hier vor allen Dingen Gustav Gundlach und Oswald von Nell-Breuning. Das Interessante an dieser Tagung war, dass im Umfeld der Diskussion um das neue SPD-Parteiprogramm, das Godesberger Programm, die SPD versucht hat, ihre Partei und ihr politisches Angebot attraktiv zu machen für Wähler aus dem katholischen Raum.

Das ist bei den Katholiken auf geteiltes Echo gestoßen, was man bei dieser Tagung deutlich sieht. Auf der einen Seite Gustav Gundlach, ein bedeutender Moraltheologe, hat sich sehr distanziert verhalten. Aber auf der anderen Seite Oswald von Nell-Breuning eben sehr positiv darauf reagiert hat, und damit wurde schon in die Öffentlichkeit hinein ein Signal gegeben, dass die eigentlich traditionelle Bindung in den 50er-Jahren von Katholizismus und Christdemokratie im Grunde einen Riss bekommen hat."

Seit der herben Niederlage der SPD bei der Bundestagswahl 1957, die der CDU, auch dank der vehementen Unterstützung katholischer Würdenträger, die absolute Mehrheit und das bis heute höchste Wahlergebnis ihrer Geschichte beschert hatte, arbeiteten die Sozialdemokraten fieberhaft an einer programmatischen Neuorientierung.

Klaus Große Kracht: "Vorausgegangen war im Grunde die Einsicht, dass sich eine Partei, die sich als Teil der Arbeiterbewegung versteht und stark noch ideologisch am Marxismus orientiert ist, vermutlich niemals in der Lage gewesen wäre, im Zeichen auch des Kalten Krieges und einer starken Abgrenzung gegenüber den Vorgängen in Osteuropa und Ostmitteleuropa und in der DDR eine Mehrheit zu gewinnen auf der Grundlage einer Programmatik, die stark noch aus der Weimarer Zeit kommt.

Diese Programmdiskussion führt dann eben dazu, dass wir 1959 das Godesberger Programm verabschiedet sehen von der Sozialdemokratie, die diesen gesamten Ballast eigentlich abwirft und eigentlich versucht, neue Wählerschichten zu gewinnen für die Sozialdemokratie und ganz dezidiert auch christliche Kreise dabei anspricht."

Teile der evangelischen Kirche waren schon eher auf Distanz zur Politik Adenauers gegangen - wegen seiner forcierten Westbindung und der Wiederaufrüstung der Bundesrepublik. Zwar hatte die Mehrheit der EKD Anfang der fünfziger Jahre "Ja" zur Wiederaufrüstung gesagt und 1957 den Militärseelsorgevertrag gebilligt; aber eine Minderheit, zu der Martin Niemöller, Helmut Gollwitzer und Gustav Heinemann gehörten, hatte sich laut und öffentlich von der CDU-konformen Mehrheit der EKD distanziert.

So war Gustav Heinemann bereits 1950 wegen der Wiederbewaffnungsfrage von seinem Posten als Innenminister im ersten Kabinett Adenauer zurückgetreten. Anders als linke prominente Katholiken wie der Schriftsteller Heinrich Böll und der Publizist Walter Dirks, die für einen christlichen Sozialismus standen und als sogenannte Nonkonformisten keinen Rückhalt unter ihren Glaubensgenossen fanden, war die Außenwirkung Heinemanns ungleich größer.

1958 führte die von der Bundesregierung geplante Atombewaffnung in der evangelischen Kirche zu einer neuen, erbitterten Auseinandersetzung. Der entschiedene Rüstungsgegner und Synodale Gustav Heinemann, der auf Druck Adenauers 1955 nicht als Präses der gesamtdeutschen Synode Deutschlands wiedergewählt worden war, sagte 1958 im Deutschen Bundestag:

"Es gibt ein Blatt, 'Evangelische Verantwortung', herausgegeben vom Evangelischen Arbeitskreis der CDU, da war in der Nummer vor der Wahl vom August 1957 eine Zuschrift drin zu lesen, wonach der Westen ja noch eine Waffe gegen das Untier im Osten habe und diese Waffe die aufhaltende Macht im Sinne des Zweiten Thessalonicherbriefes gegen den Antichristen sei. Ich bitte Sie herzlich, verehrte Freunde von der CDU und dem evangelischen Teil darin, sorgen Sie doch dafür, dass solche Klänge endlich verschwinden.

Es geht nicht um Christentum gegen Marxismus, sondern es geht um die Erkenntnis, dass Christus nicht gegen Karl Marx gestorben ist, sondern für uns alle."

"Kann ich etwas anderes sagen, als: Hände weg um Gottes und der Menschen willen, für die Christus sein Leben gelassen hat."

Rudolf Weckerling, Studentenpfarrer der Technischen Universität Berlin, im April 1958 bei einer Kundgebung der Jugend gegen den Atomtod.

"Aber, wird eingewandt, die eigentliche Gefahr droht ja gar nicht von der Atomkraft, das ist alles nur Mobilisierung der Urangst. Die wirkliche Bedrohung eines lebenswerten Lebens kommt vom Osten. Wer also einseitig und bedingungslos protestiert gegen die Ausdehnung der atomaren Bewaffnung auf Deutschland und weitere Länder, der betreibt das Geschäft eines Seelen mordenden Systems, ihr seht es an dem Beifall, den sie euch spenden, so hört man es von vielen Seiten.

Und nun frage ich Sie: Seit wann ist etwas nur darum falsch, weil es den Beifall von Kommunisten findet? (Beifall) Ist alles nur darum richtig, weil es den Beifall des Antikommunismus findet, von dem Thomas Mann gesagt hat: Er sei der Grundirrtum unseres Jahrhunderts?"

Die Trennlinien in der EKD, sagt der heute 97-jährige Rudolf Weckerling, liefen nicht zwischen Ost und West, sondern quer durch die Kirche:

"Vielen Dank, dass ich meine teilweise ganz vergessene Rede noch mal hören durfte. Sie hatte ein dienstliches Nachspiel für mich, indem mein Bischof Otto Dibelius, der hat mich zu sich befohlen und hat mir große Vorwürfe gemacht, dass ich gar nicht gemerkt hätte, wie sehr ich der Ostpropaganda aufgesessen sei mit der Teilnahme und mit meiner Rede bei dem Protestmarsch gegen den Atomtod.

Ich hatte insofern Glück, als ich in der Zeitung gerade gelesen hatte, dass mein Bischof sich mit Albert Schweitzer getroffen hatte. Und so konnte ich ihn rückfragen, ob er auch denkt, dass Albert Schweitzer, der damals bekannt war für seine kompromisslose Stellung gegen die atomare Bewaffnung, ob er dem auch unterstellt, dass er östlich unterwandert sei."

Der Berlin-Brandenburger Bischof Otto Dibelius war zugleich Ratsvorsitzender der EKD, der noch bis Ende der 60er-Jahre einzigen gesamtdeutschen Institution. Der nationalkonservative, CDU-nahe Dibelius war umstritten, gerade auch in der DDR. In einem Hirtenbrief hatte er die politische Entwicklung in Ostdeutschland mit der der Nazizeit verglichen und massiven Widerstand der Kirche angekündigt.

Wie Dibelius hielten auch andere in der Evangelischen Kirche die DDR für ein kurzfristiges Ereignis, das schnell vorüberzieht. Die DDR-Führung war hingegen davon überzeugt, dass mit dem Aufbau einer sozialistischen Gesellschaftsordnung die Religion verschwinden und die Kirche keinen Platz mehr in der Gesellschaft haben würde.

Schon 1952/53, in der Zeit des sogenannten Kirchenkampfes, war die DDR-Regierung äußerst repressiv vor allem gegen die evangelische Kirche vorgegangen. Anders als die rund zwei Millionen Katholiken, die in der DDR in der Diaspora lebten, traten die Protestanten offensiver an die Öffentlichkeit, nicht zuletzt auch dank ihrer effektiven Jugendarbeit: Die "Jungen Gemeinden" hatten ebenso regen Zulauf wie die "Evangelischen Studentengemeinden".

Ein Erfolg, den die von der SED initiierte Jugendarbeit mit und in der FDJ bei weitem nicht aufweisen konnte. Auch deshalb war die Kirche der SED ein Dorn im Auge. Die sogenannten reaktionären Kirchenleitungen wurden als "Agenturen des US-Imperialismus" gebrandmarkt.

"Junge Gemeinde - Tarnorganisation für Kriegshetze, Sabotage und Spionage im US-Auftrag",

titelte die FDJ-Zeitung "Junge Welt" im Frühjahr 1953. Unter fast gleichlautender Überschrift wurde wenig später ebenso gegen die Evangelischen Studentengemeinden polemisiert. Auch die Ost-CDU-Presse griff die "Junge Gemeinde" und die Studentengemeinde an. Hunderte Oberschüler wurden relegiert, weil sie sich weigerten, aus der "Jungen Gemeinde" auszutreten, christlich engagierten Studenten drohte die Exmatrikulation, Dozenten die Entlassung, kirchliche Mitarbeiter und Studentenpfarrer wurden inhaftiert.

Anfang Juni 1953 rügte das Politbüro der KPdSU den beschleunigten Aufbau des Sozialismus in der DDR als schweren Fehler. Zur Kirchenpolitik hieß es:

"Insbesondere wurden ernste Fehler in Bezug auf die Geistlichen begangen, die in einer Unterschätzung des Einflusses der Kirche unter der breiten Masse der Bevölkerung, in groben Administrierungsmaßnahmen und Repressalien ihren Ausdruck fanden."

Der nun eingeleitete "Neue Kurs" verschaffte den Kirchen nicht mehr als eine trügerische Ruhepause: Zwar wurden die Relegationen zurückgenommen, Inhaftierte freigelassen, aber schon 1954 beschloss das Politbüro die Einführung der Jugendweihe. Hermann Wentker vom Institut für Zeitgeschichte:

"Der Staat hat zunächst sich da etwas vorsichtig verhalten, hat gesagt: Die Jugendweihe ist keine verpflichtende Veranstaltung, sie ist freiwillig. Darauf berief sich dann die Kirche und sagte: Gut, dann gehen unsere Jugendlichen dort nicht hin. Das ging eine Zeit lang relativ gut, 56, 57, war der Prozentsatz der Kinder, der zur Jugendweihe ging, noch relativ gering.

Aber dann kam der Umschwung 1957. Und das lässt sich relativ gut datieren mit einer wegweisenden Rede sozusagen von Walter Ulbricht, der die Sache zur Chefsache gemacht hatte. Und in dieser Rede in Sonneberg, da proklamierte er sozusagen, dass die Jugendweihe letztlich eine staatliche Sache sei. Deswegen hat man danach, also ab '58, vor allem 1959 massive Einbrüche sozusagen. Dann geht auf einmal die Mehrheit der Kinder zur Jugendweihe, und die evangelischen Kirchen müssen sich dann neu dazu positionieren.

Dieser Unvereinbarkeitsbeschluss wurde de facto aufgehoben. Aber die Kirche hat, das ist das Problem, die Kinder nicht wieder zurückbekommen. Und wenn man die Kinder nicht wieder zurückbekommt, dann kriegt man die Erwachsenen noch weniger zurück. Und die Erwachsenen bekommen dann Kinder, die sie selber nicht in die Kirche schicken. Damit bekommt die Entkirchlichung der DDR einen gewaltigen Schub. "

Wer die Konfirmation oder Kommunion der Jugendweihe vorzog, musste damit rechnen, dass ihm der Zugang zur Oberschule verwehrt wurde. Der Religionsunterricht, in der DDR "Christenlehre" genannt, wurde aus den Schulen verbannt, eine Mitgliedschaft in Kirche und SED galt als unvereinbar. Erneut sahen sich die Kirchen Repressalien ausgesetzt. Besonders der Militärseelsorgevertrag, den die Evangelische Kirche Deutschlands 1957 unterzeichnete, goss erneut Öl ins Feuer.

Hermann Wentker: "Das hat die SED-Führung zu einem Pakt sozusagen zwischen EKD und Evangelischer Kirche und der neuen Hitler-Wehrmacht, die da im Westen entstand, umgedeutet und hat das letztlich zum Anlass genommen, um sehr viel stärker gegen die Einheit der Evangelischen Kirche in Deutschland, EKD, vorzugehen."

Eröffnung der Synode der EKD in Berlin-Weißensee, 26.04.58: "/"Sie hören den Pulsschlag der Zeit. Von der Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands, die heute im Demokratischen Sektor Berlins in Weißensee eröffnet wurde, berichtet Ihnen zunächst Hans Jacobus.""/

Ein Bericht des Rundfunks der DDR am 26. April 1958.

"Es ist etwa 16 Uhr, und hier, vor dem Eingang der Synode, durch den eine Reihe von Bischöfen und Synodalen bereits gekommen sind, hat sich eine große Anzahl von Berlinern versammelt."

Anstelle des ursprünglich geplanten Themas "Kirche und Erziehung" war die Frage der Atomrüstung in den Mittelpunkt der Tagung gerückt, nicht zuletzt auch wegen des Drucks, den die SED auf die Synodalen aus der DDR ausgeübt hatte.

Eröffnung der Synode der EKD in Berlin-Weißensee: "Auf meinem Wege heraus aus dem Beginn der Tagung der Synode treffe ich wieder auf viele Hunderte Berliner, von denen ich Ihnen vorhin schon sprach, und ich habe jetzt zwei bei mir hier am Mikrofon, und vielleicht wäre es richtig, wenn Sie hier noch einmal der Meinung der Bevölkerung über die Notwendigkeit der Haltung der Synode und über die Bedeutung dieser Tagung Ausdruck verleihen würden."


Erster Arbeiter: "Wir sind also empört darüber, dass es die Synode fertig gebracht hat, den Militärseelsorgevertrag und gleichzeitig damit die Zustimmung zur Bonner Atomaufrüstung zu geben. Wir wollen uns also mit dem Willen unserer Kollegen dafür einsetzen, dass die Synode Beschlüsse fasst, die also parallel gehen mit den Interessen unserer Bevölkerung."

Zweiter Arbeiter: "Unser ernstes Bestreben ist nichts weiter als das, dass die Synode so handelt, wie das, was sie sein wolle, nämlich als Christen, handeln müssen. Das heißt, alles zu verdammen, was überhaupt nur das Geringste mit Krieg zu tun hat. Und dazu gehört nicht nur die Atomaufrüstung, sondern, und das vielleicht in erster Linie, der Seelsorgevertrag."

Am Ende der Synodaltagung hatte man sich darauf geeinigt, die Landeskirchen in der DDR aus dem Militärseelsorgevertrag zu entlassen. Zu einer radikalen Absage an die Herstellung und Verwendung von Atomwaffen konnte sich die Synode nicht durchringen. Der Kirchenhistoriker Hartmut Ludwig:

"Die Gegensätze auf dieser Synode waren so stark, dass man keine Entscheidung traf, sondern nur zu dem Ergebnis kam, die Gegensätze in der Beantwortung zwischen uns sind so tief, dass wir zwar, das ist die berühmte Ohnmachtsformel, unter dem Evangelium zusammenbleiben wollen, aber weiter sozusagen an der Überwindung dieser Gegensätze arbeiten wollen.

Die beiden Positionen, die sind nicht ganz neu, sondern die sind auch schon in der Frage der Wiederbewaffnung 50 aufgetaucht, dass man einerseits sagte: Die einen sagen, die Ablehnung sowohl der Wiederbewaffnung wie eine atomare Bewaffnung ist für uns eine Glaubensfrage. Und die anderen sagten, das hat mit Glauben überhaupt nichts zu tun, das ist eine politische Ermessensfrage. Ermessensfrage hieß also, im Sinne jetzt auch der Furcht, der Bedrohung aus dem Osten: Wir müssen uns selbst verteidigen, wir müssen das christliche Abendland verteidigen.

Das war eben auch der Hintergrund für Heinemanns Sache, dass das Christentum sozusagen nicht als Kampfparole für Machtpolitik, zur Erhaltung jetzt des christlichen Westens oder überhaupt des christlichen Abendlands gebraucht werden dürfe. Heinemann hat in der weiteren Ausführung dann gesagt: Selbstverständlich muss man gegen totalitäre Ideologien sein, aber sozusagen eben das nicht christlich begründen."

Die Staats- und Parteiführung der DDR drang auf eine größere Eigenständigkeit der Kirchen in der DDR und brach im Mai 1958 die offiziellen Beziehungen zur EKD ab. Nach Gesprächen mit ausgewählten DDR-Kirchenvertretern bei Ministerpräsident Otto Grotewohl hieß es im Sommer 1958 in einem Kommuniqué:

"Die Vertreter der evangelischen Kirchen in der DDR erklärten, dass die Kirche mit den ihr gegebenen Mitteln dem Frieden zwischen den Völkern dient und daher auch grundsätzlich mit den Friedensbestrebungen der DDR und ihrer Regierung übereinstimmt. Ihrem Glauben entsprechend erfüllen die Christen ihre staatsbürgerlichen Pflichten auf der Grundlage der Gesetzlichkeit. Sie respektieren die Entwicklung zum Sozialismus und tragen zum Aufbau des Volkslebens bei."

Die Kirchen in der DDR hatten sich arrangiert, weil sie überleben wollten. Im selben Jahr sorgte in Kirchenkreisen die Schrift "Christ in der DDR" für Aufregung. Geschrieben hatte sie der populäre einstige Hallenser Studentenpfarrer Johannes Hamel, damals Dozent an der Kirchlichen Hochschule in Naumburg.

Friedrich Winter: "Dass jemand, der 1953 ein halbes Jahr im Gefängnis gesessen hatte, weil er sehr deutliche Worte gefunden hatte zu den brutalen Maßnahmen in der DDR, zu der Art, wie da regiert wurde, der nun plötzlich sagte: Freunde, wir können nicht nur in radikaler Konfrontation zu diesem Staat leben."

Friedrich Winter, der spätere Propst und Präsident der Kirchenkanzlei der Evangelischen Kirche der Union in Ost-Berlin war bis 1964 Studentenpfarrer in Greifswald:

"Und da hat er diese kleine aufregende Schrift geschrieben: 'Christ in der DDR'. Er benutzte erstmal das Wort 'DDR', was ja in weiten Kreisen noch nicht üblich war, schon das regte die Menschen auf. Die sagten, mit diesem kommunistischen Staat da drüben ist sowieso nichts zu machen, der ist von Grund auf böse, mit dem wollen wir gar nichts zu tun haben. Aber so konnte man in der DDR ja nicht leben, man musste ja irgendwie mit ihm klarkommen, ohne sich was zu vergeben. Und da versucht Johannes Hamel das zu beschreiben, in dieser kleinen Schrift, und ich fand sie gut."

Als sich am 13. August 1958 Katholiken aus Ost und West in Ost- und West-Berlin zu ihrem 78. Deutschen Katholikentag trafen, gab man sich nach außen betont unpolitisch. In der DDR sicherte sich die katholische Kirche eine Nischenexistenz. In der Bundesrepublik sollte es noch bis in die Siebzigerjahre dauern, bis die katholische Kirche in ihrem Kampf gegen Bekenntnisschulen und Mischehen nachließ und parteipolitisch zurückhaltender wurde. Ein Weg, den die evangelische Kirche bereits in den 1950er-Jahren beschritten hatte. Werner Dolata, praktizierender Katholik und seit 1954 Mitglied der CDU.

"Was zu meiner Zeit, damals, '58, oder in den 50er-Jahren noch gar nicht denkbar war, auch in den 60-ern, ist ja heute längst gang und gäbe, dass aktive katholische Funktionäre, wenn ich das so sagen darf, der katholischen Jugend nicht Mitglied der CDU, sondern Mitglied bei den Grünen oder bei der SPD sind. Das ist völlig normal. Früher hätte man sich dagegen, ja, stark argumentiert, na, das kannste doch nicht machen, du kannst doch als katholischer Christ nun nicht das unterstützen, was die Grünen hier auf ihrer radikalen Seite oder die SPD mit ihrer grundsätzlichen Ablehnung gegen die CDU-Regelungen, und, und, und.

Heute diskutiert man mit denen, da hat sich die Gesellschaft tatsächlich gewandelt, auch innerhalb der Kirchen, die Menschen haben sich gewandelt. Hat ja jeder das Recht, seine Meinung zu vertreten, wir haben ja ein Grundgesetz mit der freien Meinungs¬äußerung usw., dann hat man das eben auch langsam kapiert. Und heute gehört es zum gesellschaftlichen Umfeld."

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