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Buchkritik | Beitrag vom 18.02.2016

Mircea Cartarescu: "Die schönen Fremden" Cartarescu mangelt es an Selbstironie

Von Katharina Döbler

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Der Autor Mircea Cărtărescu (Imago Stock & People)
Mircea Cărtărescu wurde für seine Romantrilogie "Orbitor" ausgezeichnet. Sein neues Werk "Die schönen Fremden" hat unsere Kritikerin nicht überzeugt. (Imago Stock & People)

Der Rumäne Mircea Cartarescu versucht in "Die schönen Fremden", den rumänisch-europäischen Literaturbetrieb und sich selbst aufs Korn zu nehmen. Das gelingt ihm aber leider nicht, meint unsere Kritikerin. Spätestens nach 100 Seiten sei der Leser genervt.

Wenn Schriftsteller vom Literaturbetrieb erzählen, dann freut sich vor allem der Literaturbetrieb. Je bissiger und satirischer die Porträts von Kollegen und Kritikern ausfallen und je gnadenloser die Schilderungen von Lesungen und Empfängen, desto größer das Amüsement.

Mircea Cartarescu, der für seine schwergewichtige Orbitor-Trilogie den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung 2015 erhielt, ist bisher weder als Ironiker noch als Witzbold aufgefallen. Seine Werke bewegen sich meist etwas unterhalb oder weit überhalb dessen, was man an erzählerischem Realismus so kennt; sie sind durchzogen von düsteren Fantasmen und hochempfindlichen Ich-Erkundungen in einer völlig auf sich selbst vertrauenden, pulsierenden Sprache.

So einer versucht nun, den rumänisch-europäischen Literaturbetrieb und sich selbst als Teil dieses Literaturbetriebs erzählerisch aufs Korn zu nehmen.

Für Cartarescu sind immer alle dümmer als er selbst

Es beginnt mit einem obskuren Brief aus Belgien, in dem der Autor - aus aktuellen Gründen - Anthrax-Erreger vermutet. Das ist komisch an den Stellen, an denen er sich über die rumänische Polizei lustig macht; aber das Lachen über sich selbst und seine unbegründete Angst, das gelingt ihm nicht.

Und dieses Fehlen von Selbstironie zieht sich durch alle Erzählungen des Buches. Auch wenn, etwa anhand von Fernsehinterviews, die eigene Eitelkeit einmal selbstkritisch angedeutet wird, sind die anderen - das Lesepublikum, die Journalisten, die Kulturvermittler - noch viel eitler und unendlich viel dümmer.

Über viele Seiten widmet sich Cartarescu einer Lesereise in Frankreich, zu der er zusammen mit elf Kollegen eingeladen war. Allein schon das Gefühl, nun ein Dutzendschriftsteller zu sein, verletzt sein Ego; und so ziemlich alles andere auf dieser Reise auch: die Franzosen, das Rumänienbild der Franzosen, das Wetter, das Lesepublikum, das Essen, die Betreuer, das Niveau, der Diebstahl eines Lieblingspullovers und so weiter. Das einzig Schöne sind die Wiederbegegnung mit geschätzten Kollegen und die Erinnerung an die Zeit, als man noch ein junges Genie war.

So wird die Unbedingtheit des Denkens und Empfindens, die Cartraescu in seinen Romanen manchmal zu höchster Meisterschaft getrieben hat, hier zum narzisstischen Hindernis. Spätestens auf Seite 100 entwickelt man zu diesem Buch ein Gefühl wie zu einem ständig klagenden Reisegefährten. Man ärgert sich über den Mangel an Toleranz, Humor und Neugier. Man ist nicht amüsiert, man ist entnervt. Und fragt sich, warum, zum Teufel, er ausgerechnet dieses Buch hat schreiben müssen.

Mircea Cartarescu: Die schönen Fremden
Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner
Zsolnay Verlag, Wien 2016
300 Seiten, 21,90 Euro

 

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