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Buchkritik | Beitrag vom 02.03.2017

Mira Magén: "Zu blaue Augen"In dieser Welt braucht man Glück und Erbarmen

Von Sigrid Brinkmann

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Buchcover: "Zu blaue Augen" von Mira Magén. Im Hintergrund: Die Skyline der Altstadt am Tempelberg in Jerusalem. (imago/imagebroker/dtv)
Buchcover: "Zu blaue Augen" von Mira Magén. Im Hintergrund: Die Skyline der Altstadt am Tempelberg in Jerusalem. (imago/imagebroker/dtv)

Nichts ist schöner als die Liebesgeschichte, die Mira Magén in ihrem Roman "Zu blaue Augen" für ihre 77-jährige Heldin Hannah Jonah erfindet. Nebenbei zeigt die israelische Schriftstellerin die miserable Sozialpolitik und den ungebremsten Bauboom in Jerusalem auf.

Nicht nur im rasend schnell wachsenden Tel Aviv, auch im 3000 Jahre alten Jerusalem werden Häuser abgerissen, um Rendite versprechende Wohntürme hochzuziehen. Die 77 Jahre alte Hannah Jonah besitzt ein geräumiges Haus. Vor den Fenstern hängen rote Blusen auf der Leine und die Regenrinnen sind mit roten Fäden umwickelt – gegen den bösen Blick.

Noch wohnt die Witwe Jona mit ihren drei Töchtern, einer Enkelin und der rumänischen Pflegekraft Johanna in ihrem Haus, doch immer häufiger werden die Fassaden beschmiert. Weil die Alte alle Kaufangebote von Spekulanten zurückweist, haben ihr diese einen Wohnungssuchenden ins Haus geschickt, der "die Schlange im Heu" zu spielen hat. Als "träger Sonderling" getarnt, soll er die Besitzerin sachte zum Verkauf überreden. Die gibt sich naiv.

Seit fünf Jahren spielt Hannah eine demente, gebrechliche Alte und kassiert Unterstützung von der Sozialversicherung. Davon bezahlt sie eine Pflegerin, die mit ihrem Lohn wiederum das Leben der Verwandten in den Karpaten finanziert und fürchtet, dass der Schwindel auffliegt und sie des Landes verwiesen wird. Die miserable Sozialpolitik in Israel und den ungebremsten Bauboom nutzt Mira Magén thematisch, um Fragen nach moralisch vertretbarem Handeln aufzuwerfen. Ihr tieferes Interesse gilt der Suche nach dem Lebenssinn.

Ihren Figuren dicht auf der Spur

Ihre Stärke ist es, bereits auf den ersten Seiten die prägenden Eigenschaften ihrer Romanfiguren deutlich herauszustellen - mit Witz und Ironie, mit sicherem Gespür für die Verstellungskünste und die schleichende Selbstentfremdung von Menschen, denen Ziele im Leben abhanden gekommen sind. Der Falschmieter trägt eine zu kleine, ungeputzte Brille, sein Hemd zeigt noch die Verpackungslinien. Er ist ein verlogener Bedürftiger, der später vergeblich die Misere seiner Angehörigen zur Rechtfertigung seiner Täuschungen bemühen wird.

Hannah Jonas Töchter sind alleinstehend. Beruflich erfolgreich, werden sie doch von innerlicher Leere zermürbt. Die souveräne Hotelmanagerin mit den wechselnden Liebhabern weiß nichts mit ihrer vorlauten Tochter anzufangen; die Ärztin lässt sich künstlich mit dem Samen ihres sterbenskranken Ex-Partners befruchten, und die übergewichtige Chemikerin verscheucht aus Angst vor Leid jeden Gedanken an eine Liebesbindung.

Indem sie die Erzählperspektive ständig wechselt, bleibt Magén ihren Figuren dicht auf der Spur. Wir sehen mit deren Augen, entdecken ihre inneren Antriebsfedern, verstehen ihre Hilflosigkeit. Schicht um Schicht enthüllt sie den inneren Kern ihrer Charaktere und erfindet für einen jeden Schlüsselmomente.

"So nutzlos wie Angebranntes am Topfboden"

So erinnert sich die mit einem verschwiegenen Steuerbeamten verheiratete Hannah Jona an den Moment, wo sie ihren Mann am Strand von Tel Aviv sitzen ließ und ins Meer stürzte, wie ein Stück Holz immer weiter hinaustrieb, wie Tang ans Ufer gespült wurde und als sie die Augen wieder aufschlug, einen Fremden rufen hörte: "Sind das Augen, so was von blau, das hab ich im Leben noch nicht gesehen". Was sie ins offene Meer trieb, blieb unausgesprochen. Es war "so nutzlos wie Angebranntes am Topfboden. Man putzte den Topf, und das Leben ging weiter".

Mira Magén weist ihren Figuren immer einen Weg ins Ungewisse. Nichts ist schöner als die Liebesgeschichte, die sie für ihre Heldin Hannah erfindet. Sie begegnet einem 83 Jahre alten Mann, der ein ähnliches "Drama in den Augen" hat wie sie. Zu viel Blau, zu viel gesehen, zu viel ein Leben lang in sich verschlossen.

Die späte, ungelenke Liebe bewahrheitet eine Grundüberzeugung der Autorin, wonach man auf dieser Welt auch Glück und Erbarmen braucht, um durchzukommen. Keiner kann davon in Israel so glaubwürdig und feinfühlig erzählen wie die unfromme, gottesgläubige Schriftstellerin Mira Magén.

Mira Magén: Zu blaue Augen
Roman, Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer
dtv, München 2017
384 Seiten, 21 Euro

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