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Profil / Archiv | Beitrag vom 24.12.2012

Mikrometerarbeit am Klang des Bogens

Der Geigenbogenbauer Benoît Rolland

Von Jürgen Kalwa

Geigenbogen in der Werkstatt eines Bogenmachers (dpa / picture alliance / Wolfgang Thieme)
Geigenbogen in der Werkstatt eines Bogenmachers (dpa / picture alliance / Wolfgang Thieme)

Benoît Rolland ist einer der besten Geigenbogenbauer der Welt. Nach Experimenten mit Karbon bringt er im kommenden Jahr eine Erfindung heraus, die den Bewegungsablauf beim Spielen der Violine revolutionieren könnte.

"Der erste Ton, der Auftakt, wird mit soviel Leichtigkeit gespielt. Ich nehme an, dass der Bogen sehr flexibel ist, denn er ist in der Lage, sich die Saite zu greifen, selbst an den leisen Stellen.”"

Der Ton macht die Musik. Aber was macht diesen Ton? Die Geige, gewiss. Aber auch der Geigenbogen. Dieser, geführt von Anne-Sophie Mutter, klingt leicht gedämpft. Wie ein Daunenkissen.

Ob er weich klingen soll oder straff, ob er sich an den Saiten festkrallt oder sanft über sie hinweg gleitet, ist eine Frage des Geschmacks. Ein Persönlichkeitsmerkmal, das für die besten Streicher der Welt von großer Bedeutung ist. Auch, weil es Männer wie Benoît Rolland gibt. Er baut Geigenbögen wie Präzisionsinstrumente – nach Maß und von Hand. Für mehrere tausend Euro pro Stück.

In dem kleinen Haus an der Katherine Road in Watertown, ein wenig außerhalb von Boston, ist es still. Nur eine Wanduhr tickt leise. Als Musiker möchte er die Reinheit des Tones hören können, sagt Benoit Rolland. Er schlägt ein paar Rohlinge an, um zu entscheiden, für welches Streichinstrument er sie einsetzen wird.

""Dieser klingt völlig anders. Und dieser vibriert länger. Da weiß ich schon, dass ich den für ein Instrument nehme, dessen Ton heller gemacht werden muss.”"

Rolland ist Perfektionist, aber auf eine aufgeräumte, stilvolle und zurückhaltende Weise. Die Stimme sanft. Die Gedanken wohl sortiert. Er macht gerne Pausen zwischen den Sätzen. Abgesehen von wenigen Gemälden sind die Wände im Haus weiß und leer. Nur die Werkbank, auf die aus drei Richtungen Tageslicht fällt, sie verbreitet einen Hauch von Anarchie. Als ob sich an diesem Ort ein sensibler Künstler auslebt. Der Mann, in dem die Musik schon schwingt, noch ehe sie entsteht.

Der kleine Hobel, mit dem er dem Holz noch einen letzten Schliff gibt, er hat ihn vor Jahren selbst gefertigt. Es geht um Millimeterarbeit. Oder besser um Mikrometerarbeit. Egal, ob für Violine, Bratsche oder Cello.

""Diesen Cello-Bogen will ich auf neuneinhalb Millimeter bringen. Und hab es schon fast geschafft."

Benoît Rolland hat als kleiner Junge von seiner ausnehmend strengen Großmutter Klavierunterricht bekommen. Germaine Thyssens-Valentin, einst eine Pianistin von Rang.

"Mit neun wollte ich ein zweites Instrument lernen. Nicht, um sie los zu werden. Obwohl: Sie verlangte ungeheuer viel. Ich wollte etwas Neues ausprobieren und fragte meine Eltern, ob ich auf die Geige umsteigen dürfte. Sie sagten: Ja.”"

Doch nach dem Abschluss am Konservatorium in Versailles verspürt er keinerlei Neigung mehr zu einer Karriere als Berufsmusiker, sieht sich nicht als Mitglied in einem Orchester. Stattdessen interessiert er sich für den Geigenbau. Aber als er in einem Atelier das Musterexemplar eines herausragenden Bogens sieht, mit Gold belegt und mit einem Spannelement – dem sogenannten Frosch – aus Schildpatt, weiß er, welchen Beruf er ergreifen wollte:

""Ich war begeistert von der Schönheit dieses Objekts. In diesem Moment wusste ich ganz genau: Das ist es, was ich machen will."

Und so beginnt der 1954 geborene Rolland Anfang der 70er-Jahre eine Ausbildung im lothringischen Mirecourt an der namhaften École Nationale de Lutherie. Seitdem hat er alle von ihm gefertigten Bögen dokumentiert. In einer großen Kladde, die auf einem Schrank in seiner Werkstatt liegt.

Nummeriert beschrieben. Unter Nummer 112 findet sich ein Eintrag aus dem Jahre 1978, der symbolisch für den frühen Erfolg von Benoît Rolland steht: Yehudi Menuhin hat ihn hinterlassen. Voller Bewunderung und Dank.

Benoit Rolland, der einst hochwertige Geigenbögen aus Karbon ersann, wird 2013 eine neue Erfindung herausbringen. Ein Bogen, bei dem die Haare nicht in einer geraden Linie von der Spitze bis zum Frosch verlaufen, sondern in einer um 15 Grad gedrehten Achse. So muss der Violinist nicht mehr ständig das Handgelenk an- und abwinkeln, während er über die Saiten streicht. Anne-Sophie Mutter hat den Prototypen bereits ausprobiert.

"Ich habe ihn ihr gezeigt, und als sie den Bogen ausprobierte, hat sie gelacht: Den möchte ich als erste bestellen und spielen."

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