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Kompressor | Beitrag vom 29.02.2016

MigrationWie Künstler in Schweden mit der neuen Flüchtlingspolitik umgehen

Von Johannes Kulms

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Die Filmregisseurin Gabriele Pichler (Deutschlandradio / Johannes Kulms)
Die Filmregisseurin Gabriele Pichler zählt zu den Nachwuchshoffnungen. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)

Über Jahrzehnte lang hat Schweden eine großzügige Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik betrieben. Doch nun sollen strengere Gesetze dafür sorgen, dass die Zahl der Flüchtlinge deutlich zurückgeht. Was macht die neue Flüchtlingspolitik mit der schwedischen Gesellschaft - und mit den Künstlern dort?

Pichler: "Ich heiße Gabriela Pichler, wohne in Göteborg. Und ich bin Regisseurin."

Gabriela Pichler zählt zu den größten Nachwuchshoffnungen des schwedischen Kinos.  Die  schwedische Einwanderungsgesellschaft stand im Mittelpunkt ihres preisgrekrönten Film "Äta sova dö" - zu deutsch "Essen schlafen sterben". Auch ihr neues Filmprojekt beschäftigt sich mit der schwedischen Identität, auf die Pichler durch ihre eigene Biografie einen besonderen Blick hat.

Pichler: "Mein Vater war aus Österreich, meine Mutter aus Bosnien also Ex-Jugoslawien, aber ich bin in Schweden geboren." 

Pichler sitzt auf dem Sofa im Lobbybereich eines großen Hotels in Göteborg. Als sie auf die neue restriktive schwedische Flüchtlingspolitik zu sprechen kommt, wechselt die 35-Jährige ins schwedische.

Pichler: "Wenn man entscheidet, Leute abzuschieben, weil sie kein Asyl bekommen können, oder, weil man der Meinung ist, man habe nicht genug Platz oder man könne es sich nicht leisten oder man schaffe es einfach nicht, dann geschieht all das ja aus einer bestimmten Perspektive heraus. Aber andererseits kann man das Ganze auch umdrehen und fragen: Woran mangelt es uns denn? Fehlt es uns am Geld? Die Frage ist eigentlich: Welchen Willen brauchen wir, um das zu schaffen?" 

Ob Schweden bald wieder zu seiner großzügigen Flüchtlingspolitik zurückkehrt sei vielleicht gar nicht die entscheidende Frage, meint Pichler.

Pichler: "Denn es geht doch vor allem darum, wie man die Menschen sieht und ihre Werte. Ich habe Angst, dass die faschistischen Tendenzen wachsen. Aber Angst kann ja auch die Kampfeslust wecken und den Mut stärken, sich noch mehr für die Gegenseite zu engagieren. Aus Angst kann ja auch  Empathie und Mitmenschlichkeit werden."

Komiker Ismail: Populismus ist auf dem Vormarsch

Wir Filmemacher und Theaterleute sind nun gefordert uns mit dem Thema auseinanderzusetzen, sagt Pichler.

Soran Ismail zählt zu den bekanntesten schwedischen Komikern. Doch fragt man den Stand-Up-Comedian danach, wie er bei seinen Auftritten im ganzen Land die Stimmung wahrnimmt, wird er sehr ernst.

Der schwedische Komiker Soran Ismail  (Deutschlandradio / Johannes Kulms)Soran Ismail gehört zu den bekanntesten schwedischen Komikern (Deutschlandradio / Johannes Kulms)Ismail: "Ich würde sagen: Einerseits ist die richtig gut. Und andererseits ziemlich schlimm. Oberflächlich gesehen wird das Leben der Menschen immer besser. Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Wirtschaft wächst. Es sieht also richtig gut aus. Aber was sehr besorgniserregend ist, das ist das wachsende Misstrauen - das bis zum Hass geht."

Der 28-Jährige sitzt im Büro seiner Agentur im Stockholmer Stadtteil Södermalm. Die Stimmung ändere sich doch nicht erst seit der neuen Flüchtlingspolitik, und es gehe gar nicht nur um Schweden, sagt Ismail. Denn in ganz Europa sei der Populismus auf dem Vormarsch. In spätestens 25 Jahren wird es vorbei sein mit der Demokratie auf dem Kontinent, so Ismails düstere Einschätzung.

Ismail: "Vieles ändert sich in raschem Tempo aber erscheint erstmal nicht von großer Bedeutung. Und klingt oft ja auch erst ganz OK. Ja, wenn so viele Flüchtlinge kommen, müssen wir eben die Grenzen dicht machen. Ja, wir müssen unter Umständen jemanden die Staatsbürgerschaft entziehen, wenn er zwei Pässe hat. Ja, wir müssen dafür sorgen, dass bestimmte Leute nicht zusammen wohnen."

Soran Ismail ist selbst als kurdischer Flüchtling mit seiner Familie in den Achtzigerjahren nach Schweden gekommen. Er sagt: Zu 90 Prozent glaube ich, dass ich in meinem Leben noch mal fliehen muss.

Schon lange versteht sich Ismail nicht nur als Komiker, sondern auch als Vorkämpfer gegen Rassismus in der schwedischen Gesellschaft.

Hoffnung verbindet Ismail in der derzeitigen Situation vor allem mit einer Person:

Ismail: "Ich weiß nicht, wie es in Zukunft weitergehen wird. Aber ich denke, wir werden Angela Merkel achten wie Winston Churchill. Merkel ist für mich das einzige Beispiel in Europa für gute politische  Führung. Sie ist die einzige, die Visionen hat, die Vertrauen erweckt, die Zusammenhänge erkennt und die überzeugend ist. Doch so eine Führungspersönlichkeit haben wir leider nicht in Schweden."

Und dann sagt Soran Ismail zum Ende seines Gesprächs noch etwas:

Ismail: "Ich bekomme ziemlich oft gesagt: Jetzt hören die Menschen auf die Komiker. Und lachen über die Politiker. Und ich habe Angst davor, dass das stimmt."

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