Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
 

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 20.11.2006

Miesmachen als Volkssport

Von Michael Miersch

Ernesto "Che" Guevara am Flughafen Havanna, 12.6.1962 (AP Archiv)
Ernesto "Che" Guevara am Flughafen Havanna, 12.6.1962 (AP Archiv)

Würde Che Guevara heute wiederauferstehen, könnte er sich an fast jeden deutschen Stammtisch setzen. Er bekäme ein paar Biere spendiert und Applaus für seine 40 Jahre alten Kampfparolen. Antikapitalistisch zu sein, ist inzwischen allgemeiner Standard, Amerika zu hassen gehört zum deutschen Brauchtum und Verständnis für Terroristen findet man bei Hinz und Kunz. In den meisten Kneipen würde der Revolutions-Zombie mindestens einen Gast treffen, der sein Konterfei auf dem T-Shirt trägt.

Jüngste Umfragen bestätigen, wie verbreitet antidemokratische Haltungen sind. 51 Prozent der Deutschen sind mit der Demokratie unzufrieden. 26 Prozent wünschen sich einen Einparteienstaat, der die Volksgemeinschaft verkörpert. Eine andere Umfrage in mehreren westlichen Ländern brachte kürzlich an den Tag, dass mehr Menschen George W. Bush für eine Gefahr halten als Ahmadinedschad oder Kim–Jong-Il. Es gehört in westlichen Ländern mehr und mehr zum guten Ton, Freiheit für eine Illusion und gewählte Regierungen für schlimmer als Diktatoren zu halten.

Zu Lebzeiten und kurz nach seinem Tod war Che Guevara hierzulande der Inbegriff des Bürgerschrecks. Sein Bild brachte manche Autoritätsperson zur Weißglut. Der schöne Guerillero war eine Ikone der Unangepassten, der Rebellischen, der Kritiker. Die große Mehrheit der Bundesbürger war dagegen fest entschlossen, Demokratie und Marktwirtschaft zu verteidigen. Der Nationalsozialismus - die eine deutsche Alternative zur freien Gesellschaft - war vielen noch in frischer Erinnerung. Die andere Alternative konnte hinter Mauer und Stacheldraht besichtigt werden.

Dem intellektuellen Milieu jener Zeit galt die Verteidigung der bürgerlichen Demokratie als spießig, unkritisch und affirmativ. Kritik, so lehrten die Großdenker von damals, habe immer negativ zu sein. Man müsse sich auf das Falsche, das Widersprüchliche, das Hässliche konzentrieren - um die Gesellschaft zu verbessern, oder zu revolutionieren, wie es ein Teil der akademischen Jugend wollte.

Und heute? Glaubt noch irgendwer, dass wir in einem guten Land leben? Dass im Westen ein paar fundamentale Dinge besser sind als im Rest der Welt? Wer so etwas behauptet gilt, als naiv oder als arrogant und rassistisch, weil er andere Kulturen herabmindert.

In einem seiner letzten Interviews sprach Karl Popper darüber, dass Menschen, die in freiheitlichen Gesellschaften aufgewachsen sind, oft nur schwer begreifen können, worin der fundamentale Unterschied zu Systemen besteht, in denen jedermann einfach nachts abgeholt werden kann und dann spurlos verschwindet.

Es ist allgemein üblich geworden, so zu tun, als würden wir in der schlechtesten aller Welten leben. Die gängige Zukunftsvision vieler Europäer sieht düster aus: Klimakatastrophe, ökologische Desaster, ökonomischer Niedergang, Überalterung und kultureller Verfall. In medialem Dauerfeuer werden wir mit dem Gift der Woche, dem Sozialhorror des Tages und dem Politikskandal der Stunde konfrontiert. Alles ist Lüge. Hinter den Fassaden der bürgerlichen Gesellschaft lauern Sümpfe und Abgründe. Die generelle Infragestellung von allem ist zur Ramschware auf dem Erregungsmarkt geworden. So gehen die Koordinaten nach und nach verloren. Es gibt viel berechtigte Kritik an der Politik der US-Regierung. Aber Bush für schlimmer zu halten als Ahmadinedschad oder Kim–Jong-Il, zeugt von einer gefährlichen Verwirrung, die viele Menschen ergriffen hat.

Kritische Berichterstattung ist eine Essenz der Freiheit. Aber die Aufgeregtheiten stehen kaum noch im Verhältnis zu den Anlässen: Ein paar Soldaten, die mit Knochen posieren, sind nicht der Untergang des Abendlandes. Wenn in Niederbayern betrügerische Fleischhändler erwischt werden, heißt das nicht, dass sich nun alle beim Essen fürchten müssen. Die Untergangsprognosen, das Skandalgeschrei, die wohlfeilen westlichen Selbstanklagen sind zu einem Grundrauschen angeschwollen, durch das sich nichts ändert, aber alles gleich schlecht erscheint: Ein Jahrmarkt der pseudokritischen Attitüde. Das wäre nicht weiter schlimm und würde wie jede mentale Mode vorüber gehen, würden wir nicht in einer Zeit leben in der die Freiheit des Westens mörderischen Angriffen ausgesetzt ist. Wer die westliche Tradition der Vernunft, der Freiheit, der Toleranz für wertlos erklärt, öffnet den islamischen Gotteskriegern das Tor. Die Selbstdemontage der Demokratie ist zur realen Gefahr geworden.

Vielleicht ist es an der Zeit, eine neue Form des kritischen Bewusstseins ins Leben zu rufen. Eine Kritik, die sich nicht an jedes Modethema ranschmeißt. Die Skandälchen und Verbrechen auseinander halten kann. Die zu differenzieren weiß, zwischen einer Regierung, die Fehler macht, und einer, die ein Fehler ist. Die westlichen Zivilisationen sind keine Paradiese - aber sie sind immerhin besser als alles, was ihre Gegner je zustande gebracht haben.


Michael Miersch, geboren 1956 in Frankfurt am Main, volontierte bei der "taz" und war Redakteur der Umweltmagazine "Chancen" und "natur". Seit 1993 arbeitet er als freier Publizist. Er verfasst Sachbücher, Drehbücher für Dokumentarfilme und Artikel für Zeitungen und Zeitschriften. Miersch schreibt in jüngster Zeit vornehmlich für ‚Die Welt’ und arbeitet außerdem für "Die Weltwoche", den WDR und arte. Gemeinsam mit Dirk Maxeiner schrieb Miersch die Bücher "Das Mephisto-Prinzip" (2001) und "Die Zukunft und ihre Feinde" (2002), die in den deutschsprachigen Medien heftig diskutiert wurden. Weitere Veröffentlichungen: "Öko-Optimismus" (Wissenschaftsbuch des Jahres 1996), "Lexikon der Öko-Irrtümer" (1998) und "Life Counts - Eine globale Bilanz des Lebens" (Wissenschaftsbuch des Jahres 2000). Mierschs Bücher und Artikel wurden in viele Sprachen übersetzt und erhielten Auszeichnungen in den USA und Deutschland.

Politisches Feuilleton

HomosexualitätIslam ist nicht gleich homophob
Ägypter, die der Homosexualität beschuldigt werden, 2001 auf dem Weg zum Gerichtsgebäude, wo ihnen der Prozess gemacht werden soll. (picture-alliance / dpa / Andrew Black)

Homophobie unter Muslimen habe durchaus religiöse Gründe, räumt der Islamwissenschaftler Fabian Köhler ein. Und doch gebe es in der islamischen Welt eine Tradition gleichgeschlechtlicher Liebe, die sich nicht mit dem Klischee vom homophoben Moslem vertrage.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur