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Lesart / Archiv | Beitrag vom 07.11.2015

Michael Berger: "Für Kaiser, Reich und Vaterland"Geschichte enttäuschter Hoffnung auf Bürgerrechte

Von Michael Berger

Zu sehen sind jubelnde Soldaten am Fenster eines Zuges, der sie im August 1914 an die Front des Ersten Weltkrieges bringt. (dpa)
Natürlich kämpften auch Juden im Ersten Weltkrieg. (dpa)

Im Kaiserreich werden jüdische Bürger zum Militärdienst eingezogen, eine Chance auf Aufstieg haben sie indessen nicht. Im Ersten Weltkrieg hält die Idee vom Burgfrieden nicht lange - Michael Bergers "Für Kaiser, Reich und Vaterland" ist ein Blick auf ein besonderes Kapitel der jüdischen Geschichte.

"Alle Bewohner des Staates sind geborene Verteidiger desselben."

So beschreibt Gerhard von Scharnhorst, Leiter der preußischen Militär-Reorganisationskommission, 1807 die allgemeine Wehrpflicht. Man hört das demokratische Moment daraus und genauer: das egalitäre. Die Angelegenheiten des Staates sind nicht mehr solche des Adels und der Verwaltung, sie betreffen alle.

Und das heißt unter anderem: Sie betreffen nun auch die Juden. Zu deren Unterdrückung über Jahrhunderte gehörte es, ihnen das Recht, Waffen zu tragen, abzusprechen. So waren jüdische Soldaten in Europa seltene Ausnahmen.

Hochgefühl der allgemeinen Wehrpflicht währte nicht lange

(Orell-Füssli-Verlag )Cover: "Für Kaiser, Reich und Vaterland" (Orell-Füssli-Verlag )Mit den Befreiungskriegen ändert sich das. Juden werden eingezogen, sie melden sich freiwillig und sie tun ihren Dienst in einem besonderen Hochgefühl, erfüllt nicht allein von nationaler Begeisterung, die in diesen Jahren weit verbreitet ist. Sie sehen in der Bewährung für das Vaterland eine Dankespflicht für die rechtliche Verbesserung ihres Volkes - und die Gelegenheit, aus der noch existierenden Missachtung auszubrechen.

Michael Berger, Hauptmann der Bundeswehr und Vorsitzender des Bundes jüdischer Soldaten, untersucht das Thema vom frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart: "Für Kaiser, Reich und Vaterland". Es hat etwas Bewegendes, von dem Stolz der jüdischen Soldaten und ihrer Familien zu hören, die sich 1813-15 zum ersten Mal als gleichberechtigte Teile der Nation fühlen dürfen.

Und wirklich ist in dieser Situation auch von Seiten der nichtjüdischen Kameraden und Offiziere der herzliche Wille zum Respekt bezeugt. Weniger schön, aber vermutlich fast naturwüchsig: Es ist der gemeinsame Feind, das napoleonische Frankreich, der die Gesellschaft zusammenführt.

Als der Frieden geschlossen ist, sieht die Sache für die Juden schon wieder schlechter aus, der König löst seine Versprechungen über den Zugang der jüdischen Männer zum Staatsdienst nicht ein. Doch als Meno Burg, Teilnehmer der Befreiungskriege, zuletzt Major der Artillerie, ein frommer Jude und überzeugter Preuße stirbt, da nehmen 60.000 Berliner an seinem Begräbnis teil.

Militärdienst schützte nicht vor Antisemitismus

Im Kaiserreich werden jüdische Bürger selbstverständlich zum Militärdienst eingezogen, eine Chance auf Aufstieg in die Offiziersränge haben sie in Preußen indessen nicht. Das sieht in Bayern besser aus. Moralisch vorn steht die Habsburgermonarchie. Im Vielvölkerstaat sollen Unterschiede der Nation und Konfession nicht gelten, und wirklich sind rund 20 Prozent der k.u.k Reserveoffiziere Juden.

Im Ersten Weltkrieg hält die Idee vom Burgfrieden nicht lange. Antisemitische Vorurteile wachsen, es kommt zu der berüchtigten Judenzählung. Das Schicksal der Juden im "Dritten Reich" ist bekannt, der Respekt vor den Frontkämpfern von 14/18 hält 1933 nur noch Monate.

Bergers Buch ist höchst interessant als Blick auf ein besonderes Kapitel der jüdischen Geschichte in Deutschland, Österreich und der Schweiz (mit Ausblick auf die Dreyfus-Affaire). Zugleich zeigt es den engen Zusammenhang von Wehrverfassung und politischer Verfassung: Kriegsdienst schafft politische Rechte.

Michael Berger: "Für Kaiser, Reich und Vaterland - Jüdische Soldaten - Eine Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute"
Orell-Füssli-Verlag, Zürich 2015
352 Seiten, 24,95 Euro, auch als E-Book erhältlich

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