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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.01.2016

Mia Roth: "Überleben durch Vergessen"Das Mädchen und der Holocaust

Von Ulfried Geuter

Ein Davidstern über einer Synagoge (Picture Alliance / dpa / Jan Woitas)
Ein Davidstern über einer Synagoge (Picture Alliance / dpa / Jan Woitas)

1940 als jüdisches Mädchen in Zagreb geboren, stellt die Historikerin Mia Roth 53 Jahre später einen Antrag auf Entschädigung bei der Bundesregierung – und merkt, dass ihre Geschichte keinen "Sinn" macht. Durch Psychotherapie und akribische Nachforschungen stößt sie auf eine Geschichte von Verrat.

In Zagreb kam sie 1940 im Königreich Jugoslawien zur Welt, 1942 zog sie mit Mutter und Großmutter nach Split, 1944 nach Rom, 1946 nach London und von dort mit der Mutter alleine 1949 nach Südafrika. Sie konnten frei reisen, als die Deutschen Jugoslawien besetzt hatten. Ohne den Vater. 50 Jahre lang wusste sie nicht, wie er gestorben war. Auch die väterliche Großmutter erzählte ihr nie etwas von ihm.

50 Jahre lang stellte sie keine Fragen an ihre eigene Geschichte, auch nicht, als sie schon Geschichtsprofessorin war. Bis sie 1993 einen Antrag auf Entschädigung bei der Bundesregierung stellen will und dabei bemerkt, dass die Geschichte des glücklichen jüdischen Mädchens keinen Sinn ergibt und ihre Mutter früher schon eine Entschädigung für sie kassiert hat. Und bis sie einen Psychotherapeuten in Südafrika mit der Frage aufsucht, warum sie so schlecht auf weißem Bettzeug schlafen könne. Sie zeigt ihm ein Foto von sich als Kind mit ihrer Mutter und sagt ihm, dass sie sich an eine Treppe erinnere. Der Therapeut lässt sie in einer hypnotischen Trance diese Treppe heraufgehen, und dabei überspült sie förmlich die Erinnerung.

Ich bin geneigt, alles über die Geschichte der Mia Roth zu sagen, aber ich möchte es nicht tun, weil dieses verstörende Buch auch eine Art Krimi ist, in dem die Autorin selbst Opfer und Täter in ihrem Leben neu sortiert und ihre Selbsttäuschungen auflöst. Und in dem sie versucht zu verstehen, wie ihre Mutter und ihr Verhältnis zur Mutter ist, die noch lebt, als sie sich auf die Reise zur Entdeckung ihres eigenen Lebens begibt. An dieser Reise lässt sie uns in ihrem Buch teilhaben.

Die Wahrheit über den netten Klaus

11.000 Juden leben in Zagreb, als es die deutsche Wehrmacht besetzt. Bei ihren Forschungen im jüdischen Gemeindezentrum stellt sich über 50 Jahre nach dem Krieg heraus, dass die Autorin wahrscheinlich als einziges 1940 dort geborenes jüdisches Kind den Holocaust überlebte. Anderswo findet sie Akten des Liebhabers der Mutter bei der Gestapo, den sie als netten Klaus aus Rom erinnert. Als sie entdeckt, was dessen Aufgabe war und dass die Mutter und ihr Bruder nicht nur wegen einer Liebschaft überlebten und im Krieg zu Wohlstand kamen, rennt sie aus dem Archiv. So, wie sie es schon nach der ersten Therapiesitzung tat. Die Erkenntnisse sind zu schrecklich.

Mia Roth hat eine Geschichte des Verrats geschrieben, aber auch eine tröstende Geschichte, weil es ihr gelingt, sich mit dieser Geschichte und schließlich mit ihrer Mutter zu versöhnen, die erst auf dem Sterbebett die Erinnerung an den Vater bestätigt, die ihr in der Trance aufgestiegen war. Noch dreimal geht sie in großen Abständen zu ihrem Psychotherapeuten, insgesamt also nur vier Stunden, in denen sie auch etwas über ihren Großvater und über ihr Leben in einem italienischen Kloster erfährt. Akribisch erforscht sie, ob die Erinnerungen stimmen. In der Familie des Onkels in London stößt sie dabei auf Mauern der Abwehr. Keiner will ihr Dokumente zeigen. Alle wollen so überleben, wie die Autorin selbst jahrzehntelang: mit heilsamem Vergessen. Ihr Buch aber zeigt, wie das Leben durch Erinnerung besser wird.

Mia Roth: "Überleben durch Vergessen. Die jüdische Geliebte, der Retter von der Gestapo und die kleine Zeugin"
Carl Auer Verlag, Heidelberg
189 Seiten, 24,95 Euro

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