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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.10.2006

Metropolenmoloch

Suketu Mehta: "Bombay. Maximum City". Suhrkamp Verlag, 782 Seiten, 26,80 Euro

Faszination Indien (AP)
Faszination Indien (AP)

"Bombay. Maximum City" ist der Versuch einer Rückeroberung. Der Journalist Suketu Mehta kehrt nach Jahren der Emigration in die Stadt seiner Kindheit zurück. Auf seiner leidenschaftlichen Suche nach dem, was Bombay einst für ihn war, stellt er sich dem Metropolenmoloch und legt in mitreißenden Reportagen Schicht um Schicht dieser Stadt frei.

Bombay ist ein Ort der Superlative und tritt uns als ein schillerndes, faszinierendes, zugleich abstoßendes und beunruhigendes Gebilde entgegen, es ist ein Menetekel und ein Lehrbeispiel für die Folgen von Globalisierung und Glaubenskonflikten. Wie in einem Roman lässt Mehta die Bewohner der Stadt aufmarschieren und begleitet einen Anhänger der extremistischen hindu-nationalistischen Shiv-Sena-Partei ebenso wie die Nachtclubtänzerin Monalisa. Er erzählt von Bandenkriegen und Polizeiaktionen, vom Nachtleben und von Schauspielern der großen Bollywood-Filme, immer wieder verwoben mit seiner eigenen Biographie.

Suketu Mehta wurde 1963 als Sohn eines Diamantenhändlers in Kalkutta geboren und wuchs in Bombay auf. Als Mehta 14 Jahre alt ist, beschließt sein Vater die Übersiedlung nach New York. Bombay wird für den entwurzelten Teenager, der überall fremd ist und auf seiner amerikanischen Schule als ehemaliger Sklave verlacht wird, zu einem Mythos. Bei seinen Besuchen in der alten Heimat merkt er allerdings, wie sich die Stadt verändert und ihm entgleitet. Dennoch lässt ihn Bombay nicht los. Er wird zu einem Pendler zwischen den Welten, einem Wanderarbeiter: einen Teil des Jahres verbringt er in Indien, den anderen in den USA, wo er seine Aufträge für Reportagen bekommt und mit seiner indischstämmigen Frau und seinen kleinen Söhnen lebt. 1998 beschließt er, auch um seiner Kinder willen, für einige Zeit nach Bombay zurück zu kehren. Er erlebt, was es heißt, ein einheimischer Ausländer zu sein.

Suketu Mehta taucht in die Eingeweide der Megalopolis hinab und erzählt nicht von der Stadt, sondern aus ihr heraus. Bombay um die Jahrtausendwende: 16 Millionen Einwohner, Wasser gibt es nur stundenweise, die Handwerker sind korrupt, für einen simplen Kochgasanschluss und Gasflaschen muss man die richtigen Leute kennen, und selbst eine Zugfahrkarte bekommt man nur über Beziehungen. Indien bringt zwar weltweit die drittgrößte Menge an Ingenieuren hervor, aber ein Drittel seiner Einwohner kann weder lesen noch schreiben. In Bombay entsteht die avancierteste Software, aber es gibt kein funktionierendes Stromnetz. Besitzt man einen Computer, mangelt es an Technikern, die in der Lage sind, die komplizierten Systeme zu warten. Eine Flasche Mineralwasser in einem der eleganten Hotels kostet das Eineinhalbfache eines durchschnittlichen Jahreseinkommens, gleichzeitig haben 40 Prozent aller Haushalte in Bombay keine funktionierende Trinkwasserversorgung. Als Mehta Mitte der 90er Jahre beginnt, sich regelmäßig in Bombay aufzuhalten, sind die Folgen der Zusammenstöße zwischen Hindus und Muslimen von 1993 noch spürbar. Er besucht den Anführer Sunil, einen local hero der Slums, der mehrere Muslime bei lebendigem Leib verbrannte und schildert die Anziehungskraft der extremistischen Shiv-Sena-Partei: inmitten der chaotischen Verhältnisse bietet sie jungen arbeitslosen Männern eine Perspektive. Mehta trifft sich ebenso mit den militanten Muslimen und schildert die Arbeit der Polizei. Nur mit brutalen Verhörmethoden kommt der Polizist Ajay, ein unbestechlicher Staatsdiener, Aufklärer der Bombenattentate von 1993 und großer Held in der Öffentlichkeit, Terroristen auf die Schliche. Auf bedrängende Weise zeigt der Journalist auf, wie empfänglich Jugendliche für religiösen Extremismus sind. Die Vorboten unserer aktuellen Konflikte zeichnen sich ab.

In dem Kapitel "Vergnügen" geht es um das Barmädchen Monalisa, eine junge Tänzerin, die doppelt so viel verdient wie ein New Yorker Stripperin, nicht berührt werden darf und mehr am Körper trägt, als eine normale indische Sekretärin, und er porträtiert den Bollywood-Star Hrithik, der Massenhysterien bei Schülerinnen auslöst und in Kaschmir zur Legitimation terroristischer Vereinigungen missbraucht wird.

Bombay ist ständig im Wandel begriffen, und Mehta leuchtet die soziale, kulturelle und religiöse Beschaffenheit aus. Er zeigt, was passiert, wenn eine Stadt unkontrolliert wächst und sozial verelendet, wenn infrastrukturelle und urbane Strukturen zerstört werden und keine rechtsstaatlichen Normen mehr gelten. Sein Fazit ist erschreckend: ohne Gewaltmonopol etablieren marodierende Banden ein paralleles Staatswesen, die Ungleichheit nimmt zu, und Korruption bestimmt die Verhältnisse. Die Unterwelt dringt in all jene Bereiche vor, aus denen sich der Staat zurückgezogen hat: Rechtswesen, Personenschutz und die Verteilung von Kapital. Mehta erzählt immer Geschichten; sein Blick fällt auf den Einzelnen, und abstrakte Entwicklungen gewinnen auf diese Weise Prägnanz. Sein Buch ist Essay, Analyse, Krimi und eine rasante Abenteuergeschichte zugleich. "Bombay Maximum City" erzählt von der Zukunft unserer Städte, und es ist ein mitreißendes Buch über Indien.

Rezensiert von Mike Albath

Suketu Mehta: Bombay. Maximum City
Aus dem Englischen von Anne Emmert, Heike Schlatterer, Hans Freundl
Suhrkamp Verlag
782 Seiten, 26,80 Euro

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