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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 15.02.2012

Methadon statt Arbeitslager

Drogensüchtig in Vietnam

Von Claudia Witte

Quach Thi Tujet Mai (Mitte) hat ein Lied zum Kampf gegen HIV für ihre Selbsthilfegruppe geschrieben. (Claudia Witte)
Quach Thi Tujet Mai (Mitte) hat ein Lied zum Kampf gegen HIV für ihre Selbsthilfegruppe geschrieben. (Claudia Witte)

Mit den Drogen kam auch das HIV-Virus nach Vietnam: In keiner Bevölkerungsgruppe ist die Infektion mit Aids so verbreitet wie bei heroinabhängigen Männern. Von den Behörden als soziale Übel gebrandmarkt, gilt offiziell die Unterbringung von Risikogruppen wie Drogenabhängige, Prostituierte und Homosexuelle in Arbeitslagern als Mittel der Wahl. Hilfsorganisationen und ausländische Geldgeber gehen andere Wege.

Morgens um acht herrscht im An Duong Bezirkskrankenhaus der Stadt Haiphong reger Betrieb. Der weitläufige Innenhof mit den schattigen Bäumen ist zugeparkt von Motorrädern und Scootern. In der ersten Morgenhitze drängen sich Dutzende von jungen Männern vor der großen Glasscheibe eines schmucklosen Flachbaus.

Durch das Fenster reichen streng blickende Krankenschwestern Plastikbecher mit einer pinkfarbenen Flüssigkeit. Wenn es nach den Hardlinern in der vietnamesischen Regierung ginge, dürfte es diesen Ort gar nicht geben. Es ist eine Methadon-Abgabestelle, die ehemalige Drogenkonsumenten mit dem Heroin-Ersatzstoff versorgt.

Intravenöser Drogenkonsum und der damit oft einhergehende Gebrauch von unsauberen Spritzen ist die mit Abstand häufigste Ursache für HIV-Infektionen in Vietnam. Im ganzen Land leben mehr als 280.000 HIV-positive Menschen. Das entspricht 0,4 Prozent der Bevölkerung. In manchen Regionen stellen Heroin-Konsumenten mehr als die Hälfte aller Infizierten. Wer die HIV/Aids-Epidemie in Vietnam stoppen will, muss an diese Gruppe herankommen.

Zum Beispiel an den 36-jährigen Doan Van Kiem. Der schmächtige Mann mit den tätowierten Unterarmen hat sich für eine Aufnahme in das Methadon-Programm in Haiphong beworben, weil andere Versuche, vom Heroin loszukommen, bei ihm gescheitert sind. Kiem ist HIV-positiv und nimmt antiretrovirale Medikamente. Er wohnt bei seinen Eltern.

Jeden Morgen reiht er sich in den endlosen Strom von Motorradfahrern auf den von Bäumen gesäumten Boulevards der Hafenstadt Haiphong ein und fährt zum An Duong Krankenhaus, um hier seine tägliche Dosis Methadon einzunehmen.

Kiem würde gern ein geregeltes Leben führen, in seinen Beruf als Busfahrer zurückkehren und seinen Eltern nicht länger auf der Tasche liegen. Die Methadon-Therapie sieht er als große Chance. Zuvor hatte er auf Druck der örtlichen Polizei und auf Drängen seiner Familie ein ganzes Jahr in einem sogenannten 05-06-Lager verbracht. Hinter diesem Kürzel verbirgt sich ein System von Umerziehungslagern, in denen Drogenabhängige und Prostituierte weggesperrt werden, im Glauben man könne sie durch Arbeit und Indoktrinierung zu neuen Menschen machen. Kiem zeigt weder Wut noch Empörung über seine Lagereinweisung, denn das ließe ihn als undankbaren Sohn und rebellischen Bürger dastehen und beides gilt in Vietnam als unerwünschtes Verhalten:

"Im 05-06 Lager habe ich einen ganz normalen Entzug gemacht, ebenso wie alle anderen Insassen auch. Nebenbei habe ich auf dem Feld gearbeitet. Als ich nach einem Jahr entlassen wurde, hatte ich kein Verlangen mehr nach irgendwelchen Drogen. Aber dann haben mich meine alten Freunde und Bekannte, die ich im Lager kennengelernt hatte, überredet wieder anzufangen. So bin ich rückfällig geworden."

Damit steht Kiem nicht allein da. 90 Prozent aller Lagerinsassen werden innerhalb der ersten sechs Wochen nach ihrer Entlassung rückfällig. Diese Zahlen sind den Behörden bekannt, aber sie haben lange gezögert, daraus die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Als erste Region des Landes wagte 2008 das nordvietnamesische Haiphong dennoch einen Strategiewechsel - als Hafenstadt war Haiphong schon immer für Einflüsse von außen empfänglich, aber auch für jede Art von Vergnügen und Laster. Hoang Van Ke war damals stellvertretender Vorsitzender des örtlichen Volkskongresses. In dieser einflussreichen Position machte er sich für ein Pilotprojekt zur Methadon-Abgabe stark. Wegen starker politischer Widerstände musste er sehr vorsichtig vorgehen, sagt der Mediziner:

"Als wir hier in Haiphong unser erstes Methadon-Programm durchführten, waren nur das Gesundheitsministerium und das Ministerium für öffentliche Sicherheit eingeweiht. Alle anderen erhielten begrenzte Informationen über das, was da vor sich ging. Nach einem Jahr Methadon-Abgabe hatten wir den Beweis erbracht, dass das Programm wirksam ist."

Das Pilotprojekt in Haiphong zeigte auch: Methadon-Empfänger mit HIV/Aids profitierten zusätzlich von einem verbesserten Zugang zu lebensrettenden Medikamenten. In ihrem Umfeld geht die Zahl der Neuinfektionen zurück. Viele können ihren Lebensunterhalt wieder selbst bestreiten, so wie Le Van Ngoc. Er hatte 17 Jahre Heroin-Konsum hinter sich, als er eines Morgens über eine Lautsprecherdurchsage in seiner Straße vom Methadon-Programm im An Duong Krankenhaus hörte. Der 38-jährige Witwer bewarb sich umgehend und wurde aufgenommen:

"Ich weiß, dass es gefährlich und schädlich ist, Drogen zu nehmen. Ich will davon loskommen. Es ist auch für die wirtschaftliche Lage der Familie nicht gut. Die Heroin-Abhängigkeit hat mich fertig gemacht. Ich will gesund werden. Ich sehe das Methadon-Programm als Chance zur Wiedergeburt und als Weg zu einem guten Leben für mich und meine Familie."

Seit er Methadon nimmt, raucht Ngoc zwar wie ein Schlot, aber er kann endlich wieder einer geregelten Arbeit nachgehen. Von seinem Zwei-Zimmer-Haus in einem ländlich geprägten Vorort von Haiphong aus betreibt er einen bescheidenen Bonsai-Handel.

Sein Vorgarten und der Hinterhof sind voll gestellt mit wuchtigen dunklen Blumentöpfen aus Ton, in die er gemeinsam mit seinem Sohn die Bonsais einpflanzt. Der 16-jährige Dai Duong ist erleichtert und dankbar: Zum ersten Mal in seinem Leben macht er die Erfahrung, dass sein Vater sich um ihn kümmert und nicht mehr so reizbar ist wie in seinen Heroin-Tagen.

Le Van Ngoc und den anderen Männern vom An Duong Krankenhaus fällt es leichter über ihre Drogensucht zu reden als über ihren HIV-Status. Massive Vorurteile gegenüber Menschen mit HIV sind in der sehr traditionell geprägten vietnamesischen Gesellschaft weit verbreitet. Die Erfahrung von Ausgrenzung macht allen Betroffenen zu schaffen. Selbst in Ho Chi Minh Stadt, der größten und modernsten unter den Städte Vietnams, leiden Menschen mit HIV/Aids auf Schritt und Tritt unter Diskriminierung.

In Ho Chi Minh Stadt mit seinen sieben Millionen Einwohnern ist alles lauter und intensiver als im eher beschaulichen Haiphong. Auch im zentral gelegenen 10. Bezirk mit seinen engen Straßen, die von unzähligen kleinen Geschäften gesäumt sind.

Im Stadtteilclub mit dem Namen "Du, Ich und Wir" in der Ly Thai To Straße geht es lebhaft zu. In einem der hinteren Räume des verwinkelten zweistöckigen Gebäudes trifft sich im Zwei-Wochen-Abstand eine HIV-Aids-Selbsthilfegruppe. Der Weg zum Versammlungslokal führt vorbei an einem Fitnessraum, in dem junge Männer mit entblößten Oberkörpern zu lauter Musik an Geräten schwitzen. Vor der Tür trainieren Kinder Kampfsport - einige stehen mitten im größten Lärm minutenlang regungslos auf dem Kopf.

Im Zentrum des Versammlungsraums hat sich breitbeinig Diskussionsleiter Nguyen Thai Tuan aufgestellt. Um ihn herum sitzen etwa 20 Männer und Frauen. Tuan bittet sie, ihre Sorgen und Hoffnungen aufzuschreiben. Die Sorgen auf gelbes Papier, die Hoffnungen auf hellblaues. Die 34-jährige Näherin Pham Thi Kim Wei sieht ausgezehrt und krank aus, aber sie ist mit vollem Einsatz bei der Sache.

"Die Kolleginnen in der Fabrik wissen, dass ich HIV-positiv bin. Ich hab den Job ja auf Vermittlung des Clubs hier bekommen. Beim Mittagessen wollen die anderen Frauen nicht mit mir an einem Tisch sitzen. Sie sagen: Nein, wir wollen nicht mit dir zusammen essen. Du löst bei uns Brechreiz aus. Geh, setz dich anderswohin! Iss doch mit den Männern!"

Auf einen blauen Zettel hat sie ihren größten Wunsch geschrieben: genügend Geld zu haben, um sich mit einem kleinen Kiosk oder Café selbständig machen zu können.

Tat Buus Terrain sind die Bars, Saunen und Massagesalons von Ho Chi Minh Stadt, in denen sich Männer treffen, die Sex mit Männern suchen. Solche Lokale sind über die ganze Stadt verteilt, aber nur für Eingeweihte zugänglich. Es sind in der Regel keine ausländischen Sextouristen, die diese Orte aufsuchen, sondern einheimische.

In den Nebenstraßen des Vergnügungsviertels im ersten Bezirk sind die Eingangstüren dieser spärlich beleuchteten Etablissements von Türstehern bewacht, die unerwünschte Gäste draußen halten.

Männer, die Sex mit Männern haben, haben wie Heroin-Konsumenten und weibliche Prostituierte ein überdurchschnittlich hohes HIV/Aids-Risiko. 15 Prozent der Homo- und Bisexuellen in Ho Chi Minh Stadt und Hanoi sollen HIV-positiv sein - bei steigender Tendenz. Deshalb sei es wichtig, an diese Männer heranzukommen und sie für die HIV-Aids-Prävention zu sensibilisieren, sagt der 35-jährige Tat Buu:

"Es ist nicht gerade so, dass Männer, die Sex mit Männern haben, in Vietnam zu denjenigen Leuten zählen, die von der Gesellschaft toleriert oder gar unterstützt würden. Deshalb sehen sich viele dieser Männer zur Tarnung gezwungen und verstecken sich. Wir kommen deshalb nur sehr schwer an sie heran."

Traditionelle Familienwerte stehen bei den Vietnamesen hoch im Kurs. Homosexuelle dürfen weder in ihrem privaten Umfeld noch von Seiten der Behörden auf Toleranz oder gar Verständnis zählen. Tat Buu gewinnt das Vertrauen seiner Klienten, indem er in Massagesalons Kondome und Gleitcreme verteilt und nebenbei auf die Vorzüge von HIV/Aids-Tests hinweist.

Für Furore innerhalb der Szene von Ho Chi Minh Stadt sorgen die vom Blue Sky-Club veranstalteten Showabende, bei denen Transvestiten offensiv für die Benutzung von Kondomen werben. Überhaupt kann man in Vietnam lernen, dass eine Präventionsbotschaft, die über Gesang, Tanz und Spaß vermittelt wird, sehr viele Menschen erreicht. Es müssen nicht unbedingt Travestieshows sein wie in Ho Chi Minh Stadt, die Botschaft kann auch - wie zum Beispiel in Haiphong - familientauglich mit einer Prise Pathos daherkommen.

Eine Virtuosin in der Sparte des gefühlvollen Gesangs ist die 41-jährige Quach Thi Tujet Mai. Die auf vietnamesische Volkslieder spezialisierte Sängerin hat für ihre HIV-Selbsthilfe-Gruppe in Haiphong ein Lied komponiert, das von der Liebe handelt.

"Zu meiner Linken ist die Person, die ich liebe, vor mir ist die Person, die ich
liebe und ich liebe die Person zu meiner Rechten" singt die Gruppe zum Auftakt ihrer monatlichen Sitzungen.

Mai steht dabei vor einem leuchtend roten Vorhang, auf den mit Goldpapier Hammer und Sichel geheftet sind. Zu ihrer Rechten befindet eine blumengeschmückte weiße Porzellanbüste des Revolutionsführers Ho Chi Minh. Nie hätte Mai sich träumen lassen, dass sie eines Tages zur HIV/Aids-Aktivistin werden würde. Doch dann steckte ihr erster Ehemann sie mit dem Virus an, was sie aber erst erfuhr, als er 2003 im Sterben lag. Ein Test ergab dass nicht nur sie, sondern auch eine ihrer heute 13-jährigen Zwillingstöchter HIV-positiv war.

Damals beschloss die resolute Mai, ihre Talente in den Dienst der HIV/Aids-Aufklärung zu stellen. Gemeinsam mit ihren Töchtern singt und tanzt sie seitdem in Gefängnissen, 05-06-Lagern und auf Informationsveranstaltungen. Auch im Fernsehen sind die drei schon aufgetreten. Ihre Paradenummer, bei der sie in selbst geschneiderten Bettlerkostümen vom Leid der Aidswitwen und -waisen klagen, rührt die Menschen zu Tränen. Wenn dann zum Abschluss Tra My, ihre HIV-positive Tochter das Mikrophon ergreift, hören alle hin:

"Meine Tochter erzählt ihre Lebensgeschichte. Sie erklärt, dass sie großes Pech hatte, weil ihr Vater einen Fehler gemacht hat. Dass sie und ihre Mutter für diesen Fehler bis heute büßen müssten. Dass man aber trotzdem optimistisch durchs Leben gehen könne. Meine Tochter ermahnt die Männer: Wenn ihr schon Drogen nehmen müsst, dann lasst wenigstens die Finger vom Heroin. Wenn ihr HIV positiv seid, dann haltet euch strikt an die Anweisungen des Arztes. Wenn ihr das nicht tut, dann führt ihr eure Frauen und Familien direkt in die Hölle. So wie es uns ergangen ist."

In Vietnam ist die Zahl der HIV-Neuinfektionen inzwischen rückläufig. Die Zahl der Aids-Toten nimmt ebenfalls ab. Die größte Gefahr besteht heute darin, dass die Epidemie sich über den Kreis der bekannten Risikogruppen hinaus auf die gesamte Bevölkerung ausweitet. Besonderes Augenmerk gilt deshalb den Frauen und Kindern drogenabhängiger Männer mit HIV/Aids.

Quach Thi Tuyet Mai hat noch einmal geheiratet und ist vor zwei Jahren Mutter eines gesunden Jungen geworden. Während ihrer Schwangerschaft und nach der Geburt ist sie im An Duong Krankenhaus betreut worden. Eine Mutter-Kind-Übertragung des
Virus konnte so verhindert werden. Mais Beispiel macht anderen HIV-positiven Frauen Mut.

Die scheue Tran Thi Nguyen hat diesen Mut nötig. Die 38-jährige Bäuerin ist im vierten Monat schwanger - ungewollt, wie sie betont. Bei der ersten Schwangerschaftsuntersuchung hatte sie in einen HIV-Test eingewilligt und so erfahren, dass sie infiziert ist. Die Quelle ist wahrscheinlich ihr Ehemann, der sich seit zehn Jahren Heroin spritzt, sagt Nguyen:

"Als ich vom Arztbesuch zurückkam, habe ich meinen Mann aufgefordert, er solle sich auch testen lassen. Aber er weigert sich bis heute."

Tran Thi Nguyen hat Angst, dass ihr Kind HIV-infiziert sein könnte und dass sie selbst die starken antiretroviralen Medikamente nicht verträgt. Denn dann könnte sie die Arbeit im Reisfeld nicht mehr bewältigen. Auf ihren Mann kann sie nicht zählen. Die gesundheitlichen Sorgen können ihr die Ärzte im An Duong Krankenhaus weitgehend nehmen. Da sie die Behandlung frühzeitig begonnen hat und eisern durchziehen will, liegt das Risiko einer Mutter-Kind-Übertragung in ihrem Fall unter fünf Prozent. Nguyen hofft, dass ihr Mann es sich doch noch anders überlegt, einen HIV-Test machen lässt und sich um die Aufnahme ins Methadon-Programm bemüht. Das Angebot ist da. Zwingen kann man ihn nicht.

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