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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 23.05.2012

"Mes - Lauf!"

Ein Filmerlebnis mit eigenem visuellen Reiz und zwei herzerwärmenden Helden

Von Hannelore Heider

Xelilo (Abduselam Kildi) spinnt ein bisschen. (RealFiction Film)
Xelilo (Abduselam Kildi) spinnt ein bisschen. (RealFiction Film)

Der Militärputsch im Osten der Türkei 1980 ist hierzulande weitgehend unbekannt. Regisseur Shiar Abdi bettet in diese Rahmenhandlung die Geschichte des 12-jährigen Cengo ein - und wie dessen Leben vollkommen auf den Kopf gestellt wird.

"Mes - Lauf!" wird in den deutschen Kinos in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln gezeigt. Es ist der erste in den Kurdengebieten angesiedelte türkische Spielfilm, der komplett in kurdischer Sprache gedreht wurde. Diese Angesichts der immer noch weitgehenden Unterdrückung kurdischer Kultur sensationelle Tatsache hat ihm auf internationalen Festivals großes Interesse eingebracht und Preise für die beiden Kinderdarsteller.

Sie leben in einer für westeuropäische Augen so fremden Welt, dass wir Zuschauer den ganzen wortkargen Film lang brauchen, um die Konfliktlagen zu enträtseln. Täglich gehen Yildiz (Nujiyan Kilgi) und Cengo (Abdullah Ado) in die schmutzigen Straßen einer kleinen Stadt im Osten der Türkei arbeiten, das heißt sie bieten wie andere Gleichaltrige Kaugummi und Trödel zum Verkauf. Doch Kunden sieht man in der menschenleeren Stadt kaum, auch Frauen scheint es hier nicht zu geben. Nur einen merkwürdigen Mann, der ständig wie ein Verrückter denselben, undefinierbaren Straßenzug auf und ab rennt, äußerlich verwahrlost, aber energiegeladen.

Trifft er einen Passanten, nimmt er ihm mit einer geschickten Bewegung die Zigarette aus dem Mund, das scheint sein einziges Tun zu sein. Cengo, der kleine Held des Filmes, will das Rätsel ergründen, denn irgendwie gehört der Mann ja zu seiner Familie, die aus einer in ihren Beziehungen lange rätselhaften Anzahl alter und junger Männer und der Mutter besteht. Die Frau insistiert, dass der Irre zum Arzt gebracht wird, doch dieser Akt normalen Lebens wird abrupt unterbrochen vom Einzug türkischer Soldaten.

Sie werden das eh schon eingeschränkte Leben in dieser Einsamkeit gewaltsam verändern. Der Vater von Cengos Freundin Yildiz wird verhaftet, seither will sie nicht mehr in die Stadt gehen. Auch der Irre wird gefangen genommen, weil er die Befehle nicht versteht, oder nicht verstehen will, denn sieht man ihm in die Augen scheint er gar nicht verrückt. Die jungen Männer in Cengos Haus sind oder werden zu Widerständlern, selbst der kleine Junge wird ganz selbstverständlich Teil der Gegenwehr.

In klaren, erdbraunen Bildern und einem stimmigen Soundtrack, sowie mit wunderbaren Kinderdarstellern erzählt uns Autor und Regisseur Shiar Abdi seine ganz individuelle, auf den kindlichen Kosmos konzentrierte Geschichte nicht ohne Humor. Das geschieht in klarer Parteinahme gegen ein folgenschweres politisches Ereignis, den Militärputsch im Jahre 1980, was die Zuschauer in seinem Heimatland sicher besser verstehen werden als wir.

Für uns bleibt ein Filmerlebnis mit eigenem visuellen Reiz und zwei herzerwärmenden Helden - einem kleinen Jungen und einem alten kranken Mann und das erinnert uns an den wunderbaren türkischen Film "Honig/Bal" des türkischen Regisseurs Semih Kaplanoglu, der vor zwei Jahren als Bester Film im Wettbewerb der Berlinale ausgezeichnet wurde.

Türkei 2011. Regie: Shiar Abdi. Darsteller: Abudel Selam Kilgi (Selamo), Abdullah Ado, Nujiyan Kilgi. 88 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.

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