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Interview / Archiv | Beitrag vom 20.01.2016

Merkels Flüchtlingspolitik"Erziehungsberechtigte der Deutschen"

Ralph Bollmann im Gespräch mit Vladimir Balzer und Axel Rahmlow

 Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht am 25.11.2015 bei der Haushaltsdebatte im Bundestag in Berlin. (Michael Kappeler, dpa picture-alliance)
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht bei der Haushaltsdebatte im Bundestag in Berlin. (Michael Kappeler, dpa picture-alliance)

Bei der Flüchtlingspolitik gehe es mittlerweile um das politische Überleben von Bundeskanzlerin Angela Merkel, sagt der FAS-Journalist und Buchautor Ralph Bollmann. Ihre Haltung habe auch mit ihrer DDR-Sozialisation zu tun. Gegenüber den Deutschen sei Merkel in eine Rolle als "Erziehungsberechtigte" geraten.

Nach dem Stimmungsumschwung im Zusammenhang mit der Kölner Silvesternacht gehe es mittlerweile um das politische Überleben von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), sagte Ralph Bollmann, Journalist bei der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" und Autor des Buches "Die Deutsche: Angela Merkel und wir", im Deutschlandradio Kultur. Die Stimmung sei umgeschlagen von einer an manchen Punkten auch übertriebenen Euphorie in eine übertrieben pessimistische Stimmung.

Dass Merkel ihre Machtbasis riskiert, sei untypisch für sie. In dieser Flüchtlingsfrage sei ein "Überzeugungskern von ihr tangiert". Das beziehe sich allerdings weniger auf humanitäre Gründe als die politische Gemengelage: Deutschlands Rolle in Europa und die Frage von offenen Grenzen, so Bollmann.

"Für ihre politische Sozialisation als DDR-Bürgerin, sie sozusagen die persönliche Freiheit gewonnen hat, 1989, als Ungarn damals die die Grenze nach Österreich damals aufgemacht hat. Jetzt an der gleichen Stelle praktisch wieder Mauer und Stacheldraht zu errichten, wenn man das etwas überspitzt formulieren will - und mit bloßen Grenzkontrollen wäre es ja nicht getan; man müsste ja, wenn man das wirklich durchsetzen wollte, die Grenze dann richtig absichern - das ist, glaube ich, eine Sache, die sie absolut nicht will. Hinzu kommt dann noch dieser europapolitische Gesichtspunkt, dass aus ihrer Sicht, denke ich, Deutschland nicht das Land sein darf, nach den ganzen Auseinandersetzungen schon um die Eurorettung und die Sparpolitik in den Krisenländern, das dann auch noch den Schengenraum zerstört."

"Mutti" zutreffender Spitzname Merkels

Bei aller Popularität, die sie in Vergangenheit hatte bei den Deutschen, betrachte sie selbst dieses Volk sehr misstrauisch, erklärte Bollmann.

"Sie glaubt, die Deutschen haben nicht wirklich einen Blick für ihre internationale Verantwortung, sind vielleicht auch ein bisschen geschichtsvergessen, sind auch ein bisschen verwöhnt, verweichlicht vom Wohlstand."

Merkel bringe immer wieder die Vergleiche wie stark die Nachbarländern Syriens wie der Libanon, Jordanien mit Flüchtlingen belastet seien. Dabei sei ihr Argument:

"Im Vergleich dazu sei das, was wir in Europa hier zu schultern haben, ja noch sozusagen vergleichsweise easy."

Der etwas gehässige Spitzname "Mutti" treffe in gewisser Weise auf Merkel zu, meint Bollmann.

"Sie ist in so eine Rolle hineingeraten als die Erziehungsberechtige der Deutschen in gewisser Weise, die lange Zeit alles Unangenehme von ihnen ferngehalten hat, die immer die Wünsche erfüllt hat. Die gesagt hat, wenn ihr Angst vor dem Atom habt, dann schalte ich halt die Atomkraftwerke ab. Wenn ihr den Euro behalten wollt und gleichzeitig aber nicht zu viel Geld zahlen wollt für die Krisenländer, dann versuche ich mit diesem Hilfe gegen Reformen einen Weg zu finden, mit ich sozusagen beides schaffe. Und das ist jetzt zum ersten Mal nicht mehr der Fall, weil sie glaubt, das geht jetzt nicht."

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