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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.02.2012

Menschen und Götter nebeneinander

John Banville: "Unendlichkeiten", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012, 319 Seiten

Der Autor John Banville beim Literatur Festival in Rom
Der Autor John Banville beim Literatur Festival in Rom (picture alliance / dpa / Donatella Giagnori)

Für sein letztes Buch "The Sea" hat der in Dublin lebende Schriftsteller John Banville 2005 den renommierten Man Booker Prize bekommen. Auch sein neuer Roman ist in Irland bereits ausgezeichnet worden - "Infinities" heißt er im Original - auf Deutsch "Unendlichkeiten".

Wie vielen Autoren würde man mit Wohlwollen begegnen, die sich die Freiheit nehmen, sich im griechischen Götterfundus zu bedienen und Hermes, Zeus und Pan durch vermeintlich realistische Romane geistern zu lassen? John Banville, hierzulande vor allem durch seinen mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten Roman "Die See" (2005) bekannt geworden, darf sich solche Kühnheiten erlauben, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben, indem er einen Kosmos entwirft, der die theoretischen Annahmen einer Romanfigur Realität werden lässt.

Adam Godley heißt der Spiritus Rector dieses literarischen Konzepts, eine mathematische Koryphäe, die nach einem Schlaganfall im "Himmelszimmer" des heruntergekommenen irischen Landguts Arden auf den Tod wartet. Neben seiner zweiten, dem Alkohol hingegeben Frau Ursula wollen sein gleichfalls Adam heißender Sohn, dessen bildschöne Frau Helen und seine Neurosen geplagte Tochter Petra, die an einer Enzyklopädie aller existierenden Krankheiten arbeitet, das Sterben des Patriarchen begleiten.

Doch was auf den ersten Blick wie ein psychologisch subtil ausgeleuchtetes Familienkammerspiel aussieht, entwickelt sich rasch zu einem Vexierbild, in dem der Erzähler - Götterbote Hermes persönlich - und sein Vater - "Paps" Zeus - aktiv in die Geschehnisse eingreifen und diese kommentieren. Vor allem Letzterer erliegt, wieder einmal, seiner Triebhaftigkeit und nimmt - Sohn Hermes muss deshalb sogar den Weltenlauf um eine Stunde anhalten - die Gestalt des jungen Adam an, um mit Helen ein morgendliches Schäferstündchen halten zu dürfen.

In welcher Welt dieser mal komische, mal ernste und mal mit zu viel Bildungsgut befrachtete Roman spielt lässt sich kaum sagen. So gegenwärtig das Landhausambiente wirkt, so unverkennbar ist, dass wir uns in einer Welt befinden, die den wissenschaftlichen Geniestreichen Godleys nachgebildet ist. Seine wissenschaftliche Meisterleistung, die Einsteins Relativitätstheorie pulverisierte, bestand darin, die parallel existierenden Unendlichkeiten zahlloser Universen zu belegen, und so dürfen sich, Godleys Schöpfungstheorie zufolge, im Roman "Unendlichkeiten" Menschen und Götter (auch wenn diese nur vom Hofhund Rex erkannt werden) nebeneinander bewegen.

Schweden ist dann mit einem Mal ein kriegerisches Land, und eine Erfindung Godleys, ein mit Salzwasser betriebenes Auto, dient als selbstverständliches Fortbewegungsmittel. Nachgebildet ist Banvilles Roman dem Amphitryon-Mythos und dessen Kleist'scher Theaterfassung. In strenger klassischer Tradition bleibt die Einheit von Zeit und Ort gewahrt, und am Ende scheint die Geburt eines neuen Herakles nicht fern.

Das hat viel spielerischen Reiz, auch wenn man der sprechenden Namen (Dr. Fortune, Benny Grace ...) leicht überdrüssig wird, und erzählt vom Sterben, das den Göttern ja verwehrt ist, mit verstörender Leichtigkeit. Und "Unendlichkeiten" wäre kein Banville-Text, wenn er nicht wieder von großer sprachlicher, adjektivseliger Eleganz getragen wäre und unvergessliche Schilderungen enthielte wie beispielsweise die eines glücklich scharrenden Huhns, das sich binnen weniger Stunden in einen unansehnlichen Braten verwandelt.

Besprochen von Rainer Moritz

John Banville: Unendlichkeiten
Aus dem Englischen von Christa Schuenke
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012
319 Seiten, 19,99 Euro

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