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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 03.01.2006

Menschen im Iran nicht isolieren

Freiburger Theaterleiter Kümmel über die Bedeutung von Kulturaustausch und Städtepartnerschaften

Moderation: André Hatting

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad (AP)
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad (AP)

Das Freiburger Theater im Marienbad steht in engem Austausch mit Künstlern im Iran. Für Theaterleiter Dieter Kümmel sind die Provokationen des Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad gegen den Westen kein Grund, die Kontakte abzubrechen. So werde sein Ensemble auch in diesem Jahr zum Theaterfestival nach Teheran fahren, sagte Kümmel.

Hatting: Am Telefon ist nun Dieter Kümmel. Dieter Kümmel ist Leiter des Freiburger Theaters im Marienbad. Freiburg und Isfahan sind Partnerstädte. Das Theater im Marienbad pflegt seit mehreren Jahren einen intensiven Austausch mit den iranischen Kollegen. Herr Kümmel, sind die Befürchtungen berechtigt, dass in diesem Jahr das internationale Theaterfestival in Teheran unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet?

Kümmel: Nein, das auf keinen Fall. Wir sind selbst dort eingeladen, und soweit ich weiß, sind auch andere deutsche Gruppen eingeladen. Ob sie jetzt hinfahren oder nicht, steht, glaube ich, noch nicht ganz fest, aber das Festival wird auf jeden Fall stattfinden.

Hatting: Bereits im letzten Jahr, also noch unter der Präsidentschaft Chatamis, haben einige Theaterkritiker im Iran darüber geklagt, dass eher unverfängliche Produktionen gezeigt worden seien. Zeigen Sie mit dem Freiburger Kinder- und Jugendtheater auch nur unverfängliche Stücke?

Kümmel: Na ja, also man kann jetzt nicht sagen, dass "Parzifal" von Tankred Dorst oder meinetwegen auch "Die Nächte der Schwestern Bontrë", dass das unverfängliche Stücke sind, das eine ist ein Stück über den christlichen Fundamentalismus, und es ist sehr leicht übertragbar auf die dortige Situation, entsprechend waren auch die Diskussionen. Nach einer dreieinhalbstündigen Aufführung haben wir noch zweieinhalb Stunden jeweils mit den Zuschauern geredet.

Hatting: Das war im letzten Jahr?

Kümmel: Das war im letzten Jahr, und mit den "Schwestern Bontrë" das ist ein Stück von - die meisten älteren Menschen werden es erkennen, da sind ja mehrere große Romane von denen rausgekommen - das sind Frauen, die damals in England nur unter dem männlichen Pseudonym ihre Stücke rausbringen konnten, und das zeigt ja auch etwas über die Situation der Frauen im Iran.

Hatting: Lebhafte Diskussionen im letzten Jahr. Was ist in diesem Jahr anders? Gab es verbindliche Absprachen, mussten Sie bestimmte Absprachen einhalten im Vorfeld?

Kümmel: Nein, es gibt keine Absprachen im Vorfeld. Die Situation ist so, dass erst mal alles gesagt werden kann, was man sagen will, sei es auf dem Theater oder auch privat in Gesprächen oder in Vorträgen der Universität. Beim Theater verhält es sich einfach so, dass man die islamischen Sitten beachten muss, und das heißt natürlich auch Kopftuch auf der Bühne, das heißt auch, dass Hautberührungen auf der Bühne nicht möglich sind, dass manche, sage ich mal, sexuell offenen Situationen verschleiert werden müssen oder versteckt werden müssen, was mitunter auch dazu führt, dass manche Dinge etwas erotischer erscheinen, als sie in der sexistischen Darstellung sind.

Hatting: Was werden Sie in diesem Jahr zeigen?

Kümmel: Wir zeigen wahrscheinlich in diesem Jahr den "Teufel mit den drei goldenen Haaren" von FK Waechter, also ein archetypisches Märchen über die Situation des Volkes, und, ja, wie soll ich sagen, es gibt so einen schönen Satz da drin: Wer nichts zu verlieren hat als ein Leben voller Plackerei und Angst, der ist mutig wie der Teufel selbst, und das entspricht ja auch ein bisschen der Situation dort.

Hatting: Der Oberbürgermeister Freiburgs, Dieter Salomon, hat eine offizielle Reise nach Isfahan abgesagt im vergangenen Herbst. Der Grund war die Äußerung des iranischen Präsidenten. Haben Sie dafür Verständnis?

Kümmel: Also ich habe erst mal Verständnis dafür, dass er die Reise abgesagt hat, weil er gleichzeitig hier auch eine Veranstaltung hatte zu der Vergangenheit, zu unserer Geschichte mit den Juden, und das liegt dann sehr nahe beieinander, und dass man da sehr wütend ist über solche Dinge, die da geäußert werden, das ist, glaube ich, eigentlich jedem auch klar. Wir haben auch eine besondere Verantwortung dem Staat Israel gegenüber, aber das sind Dinge, die man dort unten, wie gesagt, auch so sagen kann. Weniger Verständnis hatte ich dafür, dass die Kulturdelegation gleichzeitig mit abgesagt wurde, weil das führt in eine Isolation der dortigen Politik und der Menschen, und das entspricht also gerade dem, was der neue Ministerpräsident dort auch will.

Hatting: Sie haben gerade gesagt, dass die Menschen dort – das ist zumindest Ihr Eindruck, denn Sie reisen ja auch sehr oft in den Iran – eigentlich so sagen können, was sie möchten. Wie regierungskritisch sind die Menschen eigentlich jetzt gegenüber ihrem neuen Präsidenten?

Kümmel: Also das ist eine Frage, was ist offiziell möglich und was ist intern möglich? Privat geht alles, aber ich habe auch schon Reden von dortigen Professoren in der Öffentlichkeit gehört vor den Mullahs, die sehr offen die Dinge dort angesprochen haben, so wie jetzt auch eine Menschenrechtskommission aus Freiburg dort eine Diskussion in der Universität hatte und auch darüber diskutiert wurde, was mit den Kurden im Iran passiert, und ich denke, es ist vieles möglich, es ist nicht alles möglich, aber vieles ist auch zwischen den Zeilen zu verstehen.

Hatting: Wie kritisch muss man mit Partnerstädten umgehen?

Kümmel: Ich glaube, dass man da sehr vorsichtig sein muss, weil Partnerstädte, das ist etwas ganz Besonderes. Wenn man an die Verhältnisse der Bundesrepublik in der Vergangenheit zurückdenkt, dann gab es erst Partnerschaftskontakte mit Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg, bevor offiziell in der Politik überhaupt etwas möglich wurde, und man muss auch unterscheiden bei den Partnerstädten zwischen der offiziellen Politik des Irans und der Politik der jeweiligen Stadt. Ein Oberbürgermeister in Isfahan ist nicht gleichzusetzen mit dem Ministerpräsidenten in Teheran. Insofern sollte man da sehr vorsichtig sein und vor allen Dingen die Kontakte auf der Bürgerebene auch sehr pflegen.

Hatting: Sie haben in Isfahan und in Teheran schon mehrfach Theater gespielt. Konnten Sie die Stücke eins zu eins umsetzen?

Kümmel: Außer dass die islamischen Sitten zu beachten sind, konnten wir sie eins zu eins umsetzen. Es ging nicht darum, irgendwie einen Satz oder irgendetwas wegzulassen. Wir haben die Stücke ja auch teilweise in Farsi übersetzt, und die Reaktionen der Zuschauer waren enorm.

Hatting: Das Theaterfestival ist auch regelmäßig ausgebucht. Im letzten Jahr waren es, glaube ich, 200 000 Menschen insgesamt, die in Teheran an diesem Festival teilgenommen haben, sich das ansehen wollten. Kommen Sie anschließend auch mit diesen Menschen privat ins Gespräch, gibt es da auch Austausche?

Kümmel: Ja, man wird oft, also als ich jetzt das letzte Mal privat unten war, wurde ich auf der Straße angesprochen auf die Aufführung. Man kommt immer ins Gespräch, das ist überhaupt kein Problem.

Hatting: Im Sommer dieses Jahres ist Freiburg Schauplatz des internationalen Theaterfestivals. Das Thema heißt "Religion, Glaube". Auch Theatergruppen aus dem Iran sind eingeladen. Können diese Produktionen trotz Zensur ein authentisches Bild geben vom Verhältnis Glaube-Religion im Iran?

Kümmel: Also das ist ein Unterschied jetzt, ob wir eine Produktion einladen, die im Iran schon gespielt wurde, oder, was wir jetzt auch tun werden, Auftragsproduktionen in den Iran runter vergeben, diese Stücke, die jetzt vergeben werden, werden überhaupt nicht zensiert, und die anderen Stücke, das kann ich schwer beurteilen, wieweit eine Vorzensur vorliegt. Aber es ist ohne Weiteres möglich, dass es hier gespielt werden kann.

Hatting: Welche Aufträge haben Sie erteilt?

Kümmel: Na ja, da geht es in einem Stück um ein Kind, das mit dem Thema Tod sich beschäftigt, das wird eine Produktion sein, und die andere suchen wir uns auf dem Fadjr-Festival.

Hatting: Das heißt, es gibt einen Wettbewerb?

Kümmel: Es gibt keinen Wettbewerb, sondern wir haben nur drei, vier Regisseure, deren Produktionen wir kennen und zu denen wir auch Vertrauen haben, uns ausgesucht und werden an den einen oder anderen eine Produktion vergeben.

Hatting: Was ist für Sie das Spannende an iranischen Theaterproduktionen?

Kümmel: An iranischen Theaterproduktionen von denen, die gut sind, ist das Spannende, dass sie mit einem ungeheuren Minimalismus, mit einer großen Genauigkeit, mit einem sehr großen philosophischen Hintergrund Auseinandersetzungen mit den Verhältnissen in dieser Gesellschaft und einem sehr feinfühligen Theaterspiel arbeiten, was bei uns eigentlich fast schon verloren scheint.

Hatting: Herr Kümmel, ich danke ihnen ganz herzlich für das Gespräch.

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