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Rang I | Beitrag vom 09.01.2016

"Mensch Meier" von Franz Xaver KroetzVon der Ohnmacht eines einfachen Arbeitnehmers

Von Moritz Gaudlitz

Der Schriftsteller Franz Xaver Kroetz, Aufnahme vom Februar 2015 (picture alliance / dpa)
Der Schriftsteller Franz Xaver Kroetz, Aufnahme vom Februar 2015 (picture alliance / dpa)

Der "Mensch Meier" im Stück von Franz Xaver Kroetz heißt eigentlich Otto Meier und ist der personifizierte Durchschnitt. Doch durch scheinbar banale Umstände gerät seine Welt ins Wanken. David Bösch hat das Stück im Marstall in München inszeniert.

Was ist eigentlich der durchschnittlichste deutsche Name? Meier oder Huber? Im 1978 erschienenen Bühnenstück des Münchner Autors Franz Xaver Kroetz ist es Meier. Otto Meier. Und was macht Otto Meier, ein Mann durchschnittlichen Alters?

Er lebt ein durchschnittliches Leben als Arbeiter einer bayerischen Autofabrik, hat eine Frau, einen pubertierenden Sohn und ist grundsätzlich unzufrieden mit sich, seinem Umfeld und seinem trostlosen, mittelmäßigen Dasein.

Lange war Franz Xaver Kroetz’ bayerische Familiengeschichte nicht mehr auf deutschen Bühnen zu sehen. Für das Münchner Residenztheater und seine Studiobühne am Marstall inszeniert nun David Bösch "Mensch Meier". Bösch, der zuletzt am Residenztheater Kleists "Prinz von Homburg" inszenierte und sonst viel an der Wiener Burg und am Akademietheater arbeitet, ist bereits ein Kroetz-Kenner.

David Bösch:"Das ist jetzt das dritte Kroetz Stück, das ich machen darf. Nach 'Der Drang' in Berlin und 'Stallerhof' in Wien. Jetzt mit 'Mensch Meier' in der Heimat von Kroetz in Bayern angekommen. Die Erfahrung, sowohl bei den vorherigen Inszenierungen, als auch bei 'Mensch Meier' beim Lesen, beim Spielen und Inszenieren für die Schauspieler ist schon, dass die Texte sehr sehr stark sind. Dass Kroetz halt doch aus einer Tradition von Horvath, Fleißer, von Fassbinder kommt und von daher irgendwie sehr stark von einer Situation schreibt, sehr stark die Sprache formt, sehr stark mit Pausen arbeitet, eine sehr direkte einfache Sprache hat. Sehr gut sowohl den Leuten aufs Maul geschaut hat, wie man sagt, als dann in eine poetische, dichterische Form gebracht, würde ich sagen."

Ludwig hängt nur zu Hause rum und isst Cornflakes

In der neuen Münchner Inszenierung vermitteln drei Schauspieler aus dem Residenztheaterensemble die sprachliche Kraft des Textes. Norman Hacker in der Rolle des Otto Meier, Katharina Pichler in der Rolle der Martha Meier und Marcel Heuperman, in der Rolle des jugendlichen Sohnes Ludwig, Die Meiers also eine durchschnittliche deutsche Familie. Drei Zimmer, Küche, Bad.

Otto geht tagsüber in die Fabrik, um dann abends in Unterwäsche und mit einem Augustiner in der Hand der Familie zu zeigen, dass er das Sagen hat. Das macht er mit einfachen Macho-Sprüchen und selbstbewusstem Gebrüll. Martha Meier hingegen kümmert sich um den Haushalt, die familiäre Harmonie und vor allem um ihren antriebslosen und arbeitslosen Sohn. Ludwig hängt nur zu Hause rum und isst Cornflakes. Die innere Unzufriedenheit aller Personen und die ständigen Konflikte zwischen Ehemann und Ehefrau, sowie Vater und Sohn zerstören schließlich die vermeintliche Familienidylle. Denn typisch kleinbürgerlich werden die eigentlichen Probleme und Fragen nur oberflächlich angesprochen, bis der Alltag für Otto Meier zur Zerreißprobe wird.

David Bösch: "Die Ohnmacht des einfachen Arbeitnehmers, dann die Frage von Macht und Ohnmacht in der Familie, dann dem Leben das man lebt und dem Leben, das man sich vielleicht erträumt. Und mit dem Widerspruch leben wir ja glaube ich alle. Dass wir das eine Leben leben und das andere gerne leben würden. Und normalerweise kommen wir ja ganz gut da hin mit dem Menschen neben uns oder dem Menschen neben uns bis zum Tod. Aber es gibt bei vielen Menschen auch die Situation, dass das in einen zu großen Wiederspruch gerät. Und ich glaube davon handelt das Stück. Was da passiert, wenn der Wunsch nach einem anderen Leben und die Realität zu stark aufeinanderprallen und dass man daran dann letztendlich verglüht."

Alle stehen sich selbst im Weg

Wunsch und Realität. Zwei Seiten, die bei "Mensch Meier" ständig aufeinanderprallen. Bei allen Familienmitgliedern: Otto, Martha und Ludwig. Die präzise, aber zugleich derbe und bürgerliche Sprache, die Kroetz in seinem Stück den Protagonisten in den Mund legt, stereotypisiert jeden einzelnen bis ins Detail. Und alle stehen sich selbst im Weg, alle werden sie zu Einzelschicksalen. Martha Meier ist zwar zufrieden, aber eigentlich wünscht sie sich einen Zahntechnikermann und dass ihr Sohn ja nicht zum Arbeiter wird, wie schon der Vater. Ludwig wiederum will einfach nur arbeiten, findet aber keine Lehrstelle und verzweifelt am Nichtstun. Und Otto? Er träumt eigentlich von einer internationalen Karriere als Modellsegelflieger. Er selbst sagt den schönen Satz: "Ich möchte gerne raus aus meiner Haut, wenn ich es nur könnt."

Franz Xaver Kroetz hat bis heute nicht nur Bühnenstücke, sondern auch Drehbücher für Film und Fernsehen geschrieben. Das Filmische ist auch bei "Mensch Meier" präsent. Wie geht Regisseur David Bösch in seiner Inszenierung damit um?

David Bösch: "Bei den Stücken von Kroetz ist das eine bestimmte Herausforderung, weil er sehr filmisch schreibt auf eine Art und Weise. Er schreibt sehr kurze Szenen und sehr viele Schauplatzwechsel. Und das ist natürlich für einen Theaterregisseur und auch für einen Bühnenbildner eine interessante Frage. Wie erzählt man Zeitsprünge, wie erzählt man Ortsprünge? Auf einer Bühne und vor allem auf einer Studio Bühne des Marstalls. Da ist es jetzt in den letzten Tagen vielmehr noch als beim Film, dass man in eine Art Schneideraum geht. Wie kommt man von der einen Szene zu anderen, wie lange hält man eine Szene? Wann gibt es Blacks? Wo versucht man fließende Übergänge zu machen? Wo kriegt man da so einen Rhythmus herein?"

"Mensch Meier" bewegt sich nicht nur im Titel zwischen Redewendung und existentiellen Vorstellungen. Auch das Drama selbst ist eine Gradwanderung zwischen privaten Verwerfungen und Veränderung der späten 70er-Jahre. Kroetz skizziert in pointierten Alltagsszenen eine Familie, die zwischen Abstiegsangst und Aufbruchsstimmung, zwischen Wunschtraum und Realität zerbricht. Am Sonntag feiert das Stück von Regisseur David Bösch in München Premiere und passt sowohl thematisch, als auch inhaltlich zum aktuellen Spielzeitmotto des Residenztheaters "Der Feind im Inneren". 

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