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Lesart / Archiv | Beitrag vom 06.07.2016

"Memoiren eines Rockstar-Mörders"Eine Sterbehilfeagentur für Rockstars

Von Pieke Biermann

Der deutsche Journalist, Autor und Musikproduzent Hollow Skai (picture-alliance/ ZB / Jan Woitas)
Der deutsche Journalist, Autor und Musikproduzent Hollow Skai (picture-alliance/ ZB / Jan Woitas)

Warum sterben so viele Rockstars auf dem Höhepunkt ihrer Karriere? Eine Antwort verspricht die fiktive Autobiografie des Serienkillers Samuel Hieronymus Hellborn. "Memoiren eines Rockstar-Mörders" heißt die herrlich bösartige Erzählung des Punk-Urgestein Hollow Skai.

"Sex sells" lehrt das kleine 1x1 für die wundersame Profitvermehrung bei toten Dingen (Deos, Autoreifen). Nun könnte Sex als Verkaufsfaktor bald ausgedient haben, ist doch alle Welt heute "digitally oversexed". Und was generiert Mehrwert bei Menschen? Vor allem solchen, die lebende Sexsymbole sind? Na, der Faktor Tod. Der ist noch schön tabu: "Death sells". 

Keine ganz taufrische Erkenntnis. Umgesetzt hat sie aber wohl noch keiner in einer so radikalen Mischung aus Liebe und Berechnung wie Samuel Hieronymus Hellborn, geboren 1917 in Leland, Mississippi, Sohn eines mitsamt Grammophon eingewanderten Hannoveraners und einer Southern Belle, deren Familie die halbe Stadt gehört. Seine frühkindliche Prägung erfolgt durch den ersten Schellack-Hit (Enrico Caruso), die Verfestigung seiner Musikmanie in den schwarzen Clubs mit all den Deltablues-Legenden. 

Leider scheint Hellborn Leuten Unglück zu bringen. Zum Beispiel ausgerechnet der angebeteten Bessie Smith, die 1937 just in den LKW brettert, den er (volle Blase) unbeleuchtet am Straßenrand geparkt hatte. Sie stirbt nicht etwa, weil kein weißes Krankenhaus sie aufnimmt: seinetwegen wird sie zu spät gefunden!

Aber der "Unstern", unter dem er sich geboren wähnt, entpuppt sich als Glücksstern: die abgehalfterte Bessie ist plötzlich wieder beliebt. Und er beschließt: "Wenn nichts so viele Platten verkaufte wie der Tod eines Stars, dann müssten die eben beizeiten sterben." Nämlich bevor sie als drogenverstrahlte, unkreative Schatten ihrer selbst der Unwürde anheimfallen.

Sex in rauen Mengen

So beginnt ein 75 Jahre währender Killermarathon. SHH räumt die halbe erste Garde von Delta- und Chicagoblues (inkl Robert Johnson) ab, dann die von Country und Rock'n'Roll (inkl Buddy Holly und Elvis), später die vom Summer of Love (Janis Joplin, Jim Morrison – obwohl, ist der wirklich tot?), vom CBGB New York, dazu Brit Punks, Gangsta-Rappe, Solitäre wie Jimi Hendrix, Whitney Houston, Amy Winehouse, Michael Jackson, Lou Reed und und und. Sein modus operandi passt exakt zum Opfer (Vergiften, Ertrinken, Erhängen, goldene Schüsse, falsche Flugwetterdaten, drive-by shootings). Ein paar Stars hat er selbst gemacht, ein paar killt er "im Auftrag", am Ende hat er eine Sterbehilfeagentur à la Jack Londons "Mordbüro".

Das sind nur Nano-Partikel aus dem, was sich Hollow Skai – Musikerbiograf und einstiger no fun records-Gründer – angeblich 2014 auf Band diktieren ließ, aber erst jetzt, nach Hellborns eigenem Tod, rausbringen darf.

Die 300 Seiten Ich-Erzählung strotzen nicht nur von herrlich bösartigem Klatsch und Tratsch aus der mörderischen Musikindustrie und treiben, frei nach Schiller, mit Entsetzen Sport. Hellborn Skai streift so ganz nebenbei Welthistorisches (von D-Day bis Nine-Eleven) und jongliert leichthändig mit abendländischem Bildungsgut (inklusive Augustinus, Nietzsche, Baudelaire, Lautréamont, Rimbaud, Walter Benjamin) und Filmgeschichte.

Ach ja, und Sex gibt's natürlich auch, expliziten, in rauen Mengen. Gehört ja wohl dazu zu Drugs & Rock 'n' Roll!

Samuel Hieronymus Hellborn: "Memoiren eines Rockstar-Mörders"
Fuego Verlag, Bremen 2016
300 Seiten, 12,00 Euro

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