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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.03.2007

Memoiren eines kritischen Citoyens

Johano Strasser: "Als wir noch Götter waren im Mai – Erinnerungen", Pendo Verlag, München 2007, 353 Seiten

Johano Strasser (l.) und Christoph Hein  (AP Archiv)
Johano Strasser (l.) und Christoph Hein (AP Archiv)

Der Schriftsteller Johano Strasser bezeichnet sich selbst als "intervenierenden Intellektuellen". Seine Romane kennt man weniger, dafür ist er als Präsident des deutschen P.E.N.-Zentrums bekannt. Seine Erinnerungen eines Achtundsechzigers wirken wie ein wehmütiges Plädoyer gegen die unpolitische Haltung der "Generation Golf".

Sie fahren Mamas Zweitwagen, sitzen in den Straßencafés des Prenzlauer Bergs, in Sachsenhausen oder Schwabing, knabbern am Rucolasalat und trinken Latte Macchiato: so stellen wir uns die "Generation Golf" vor, wie sie Florian Illies in seinem Bestseller vor einigen Jahren beschrieben hat. Vieles ist an dieser Darstellung übertrieben, ein Kern freilich wahr. Jüngere Jahrgänge sind unpolitischer als ältere, das ergibt jedenfalls ein Blick in die harten Daten der Statistik. Politischen Parteien laufen die Mitglieder davon. Die SPD zum Beispiel hat seit der Wiedervereinigung ein Viertel ihrer Genossen verloren. Zugleich sinkt die Wahlbeteiligung, auch das ein Zeichen von Enttäuschung, Mutlosigkeit und Verdrossenheit.

Wer kümmert sich noch um die res publica, die öffentliche Sache? Sie verkümmert, je mehr Bürger sich in das Privatleben zurückziehen. So sieht der Trend der Zeit aus. Es ist nicht mehr die Zeit Johano Strassers. Er hat nun seine Erinnerungen vorgelegt: ein mittlerweile 68-jähriger Schriftsteller, der sich stets aufgelehnt hat gegen alles, was er als Missstand erkannte, und dabei kein Kampfthema der Linken ausließ.

Er ging gegen die Notstandsgesetze auf die Straße und gegen den Vietnamkrieg, stand an der Seite der Hausbesetzer und der Sandinisten in Nicaragua. Später argumentierte er gegen die Hartz-Reformen Gerhard Schröders. Dieser mustergültige Lebenslauf eines Linksintellektuellen wirkt in seiner Berechenbarkeit fast schon wieder spießig. Das Lob auf die Wohngemeinschaften und die Ablehnung der Krawatten – Strasser verhält sich so, wie es sich in seinen Kreisen gehört. Die Unkonventionellen haben eben auch Konventionen entwickelt.

Und doch bleibt ein Punkt, den man bewundern muss: Strasser hat sich nie von der Gleichgültigkeit anderer anstecken lassen. So wirken seine Memoiren heute wie aus der Zeit gefallen, als ein wehmütiges wie überfälliges Plädoyer gegen die "Generation Golf". Mag schon sein, dass man ihn als "Gutmenschen" belächele, schreibt Strasser und fragt weiter: "Aber wie hätte die Menschheit je einen Schritt nach vorn machen können, wenn es nicht die Träumer gegeben hätte, die im schlechten Bestehenden das mögliche Bessere zu sehen vermochte?". Recht hat er.

Ein Mandat hat er freilich nie übernommen. "Mehr und mehr fand ich mich in die Rolle eines intervenierenden Intellektuellen hinein, betrachtete mich mehr als Citoyen denn als Politiker", schreibt er. Die Politik will er nicht den Politikern überlassen, so zitiert er einen Juso-Slogan von 1969. Strasser geht es darum, "dass eine wirklich lebendige Demokratie nur entstehen könne, wenn die Menschen sich das Politische, das weitgehend Sache der Politiker geworden war, wieder aneigneten, wenn sie die Gestaltung wieder in die eigenen Hände nähmen". Das klingt ein wenig nach Sonntagsrede, ist vielleicht auch naiv, aber falsch noch lange nicht. Nein, Strassers Engagement kann gerade heute als Vorbild dienen, für alle "Citoyens", egal wo sie politisch stehen.

Strassers Idealismus kommt nicht von ungefähr: sein ungewöhnlicher Vorname weist auf seine Eltern, begeisterte Anhänger der Esperanto-Bewegung. "Sie glaubten, dass durch die Verbreitung der von Ludwik Zamenhof erfundenen Kunstsprache Esperanto alle ethnischen, religiösen, kulturellen Gräben überwunden werden und die Menschen auf der ganzen Welt friedlich miteinander leben könnten", erinnert sich Strasser. Ihren Söhnen gaben die Eltern Esperantonamen: Roberto Amato, Ludoviko Bennato und eben Johano Roberto.

Strasser wird Dolmetscher und studiert dann Philosophie. In dieser Zeit stößt er zu den Jusos und mischt kräftig in der 68er Bewegung mit. 1971 wird er Professor in Berlin und wohnt dort zeitweise mit Günter Grass in der Schöneberger Niedstraße zusammen in einem Haus. Im Hof feiern sie Feste, am Küchentisch lesen sie sich gegenseitig bei einem Glas Wein aus ihren Manuskripten vor, und wenn Lew Kopelew zu Besuch kommt, setzen sich Strassers Kinder auf den Schoß des Russen. Ab 1983 verdient Strasser sein Geld mehr recht als schlecht als freier Autor. Seine Romane hat kaum jemand gelesen. Die Öffentlichkeit kennt ihm mehr als kritischen "Citoyen" – auch die eigene Partei. Jetzt gehört er wieder der Kommission an, die das neue SPD-Grundsatzprogramm schreibt. Außerdem führt Strasser als Präsident das deutsche P.E.N.-Zentrum an.

Schön, dass in Strasser heute noch ein Feuer brennt. Der Leser weiß allerdings zum Schluss nicht so recht, wohin die Wärme der Flammen strahlen soll. Das Buch enthält zwar lange Passagen zu den Problemen von heute. Strasser wettert gegen den "Neoliberalismus" und die Mehrheit in der SPD, weil sie weg will von der Verteilungsgerechtigkeit, hin zu einer so genannten Chancengerechtigkeit. Für Strasser muss der Sozialstaat nicht nur vor Armut schützen, sondern Wohlstand für alle gewähren. Wie er das bezahlen will, verrät Strasser nicht. Seine Rezepte sind meist von gestern – aber so ist das oft in der Memoirenliteratur. Nun schreiben schon die 68er ihre Erinnerungen, ein zuverlässiges Zeichen, dass auch sie in die Jahre gekommen sind. Interessante Einsichten bietet Strasser, nicht aber frische Ideen.

Rezensiert von Hartmut Kühne


Johano Strasser: Als wir noch Götter waren im Mai. Erinnerungen.
Pendo Verlag, München 2007. 353 Seiten, 19,90 Euro.

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