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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.06.2010

Melancholisches Pathos auf der Pier

Matthias Fontheim inszeniert das Musical "Marine Parade" am Staatsstheater Mainz

Von Natascha Pflaumbaum

"Marine Parade" dekliniert in kleinen, durch Musik getrennte Episoden Szenen von Liebe durch. (Stock.XCHNG)
"Marine Parade" dekliniert in kleinen, durch Musik getrennte Episoden Szenen von Liebe durch. (Stock.XCHNG)

Regisseur Matthias Fontheim inszeniert Simon Stephens Theaterstück mit Musik nahezu requisitenlos. Zur fünfköpfigen Band im Hintergrund singen die neun Schauspieler traurige Balladen, mit traurigem Blick und brüchiger Stimme.

Hotelgeschichten hatten schon immer ihren besonderen Reiz: das Hotel als eigener Kosmos setzt mit seinen eigenwilligen Regeln menschliches Verhalten frei, zu dem wir andernorts gar nicht in der Lage wären. Das kleine heruntergekommene Hotel "Twenty-Three" auf der Marine Parade im südenglischen Sehnsuchtsort Brighton bietet diesen Kosmos speziell für solche, die große Erwartungen an die Liebe haben. Denn die Küstenidylle, das Meeresrauschen und auch der schöne hölzerne Pier bieten eine ideale Kulisse für Verliebte.

Steve liebt Sally, Claire liebt Christopher, Ellie liebt Gary, Alison liebt Michael und Archie ist einfach nur so da und beobachtet das Ganze von Zeit zu Zeit. Vier Paare lieben sich mehr oder minder aus verschiedenen Gründen, mit verschiedenen Absichten auf verschiedene Weise. Das zeigt Simon Stephens in "Marine Parade", einem Theaterstück mit Musik, das in kleinen, durch Musik getrennte Episoden Szenen von Liebe durchdekliniert, haarklein, etwas zu sorgsam vielleicht: tema con variazione sozusagen.

Dazu spielt eine fünfköpfige Band im Hintergrund Musik von Mark Eitzel, dem Gründer der Band American Music Club, und den der Guardian einmal einen der größten zeitgenössischen amerikanischen Lyriker nannte. Und so singen die neun Schauspieler in etwas schwermütiger Singer-Songwriter-Manier traurige Balladen, mit brüchiger Stimme, traurigem Blick und ungelenken Bewegungen. Alles mit zu viel melancholischem Pathos.

Im Staatstheater Mainz hat der Regisseur Matthias Fontheim Stephens Stück auf die blanke Pier gestellt, nahezu requisitelos betreibt man Konversation, Konversation im Stephens-Ton: Alltagsgespräche, darin wenig Tiefgreifendes, eher Banales, den Leuten aus dem wahren Leben abgeschaut, bis es zu jenem Bruch kommt, der eigentlich nur ein winziger Haarriss ist, durch den das ganze Sprachgefüge zerfällt. Das passiert nicht oft, aber wenn sich dann Michael oder Claire nach minutenlanger Plapperei plötzlich um Nuancen im Ton vergreifen, ist alles vorüber.

Es kommt zu einem Eklat, emotionale Katastrophen scheinen sich anzubahnen, allerdings – und das ist auch typisch Stephens – überraschenderweise ohne große Folgen. Die Leute in diesem Stück werden belogen, abserviert und verlassen - sie beweinen das auch und scheinen bekümmert und traurig darüber, aber: Sie stecken das gut weg. Keiner rastet wirklich aus.

Die Musik spielt schön auf dazu, es wird viel gesungen, der schiefe Ton scheint gewollt, passt ja auch in seiner Naivität zum Traurigsein aus Sehnsucht, geht aber auch schnell einmal auf die Nerven, zumal das Bühnengeschehen häufig sehr "gespielt" gespielt wirkt. Die Band hält virtuos dagegen, leider viel zu selten, denn die Musik ist gut. Der Abend zerfällt in lange Redepassagen, noch länger wirkende Nicht-Redepassagen (Ellies und Garys Sexszene im Bett) und Musik. Mehr Musik, eigentlich nur: mehr Band wäre gut.

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