Freitag, 28. November 2014MEZ17:59 Uhr

Buchkritik

KurzprosaDer Krieg als grausames Theater des Absurden
Ein US-Soldat von der 4. Infantriedivision patrouilliert am 24.8.2003 in Samarra nördlich der irakischen Hauptstadt Bagdad.

Verrohung, Verdrängung, Sterben und Töten. Die absurde Sinnlosigkeit des Krieges erzählen die Icherzähler in den zwölf Geschichten des Bandes "Wir erschossen auch Hunde". Ihr Verfasser Phil Klay war selbst als Presseoffizier der US-Armee im Irakkrieg.Mehr

SachbuchLässt sich Demenz verhindern?
Auf dem Bild ist ein an Demenz erkrankter Mann in einem Seniorenheim zu sehen. In der rechten Hand hält er eine Hantel. Der Rentner nimmt an der Morgengymnastik teil. 

Der Buchtitel klingt reißerisch, doch die These des Autors ist ernst: In "Die Alzheimer-Lüge" will Michael Nehls aufzeigen, dass Demenz auf ungesundes Verhalten zurückzuführen ist - und keine natürliche Begleiterscheinung des Alterns ist.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.06.2012

Meister des Luftanhaltens

Ror Wolf: "Die Vorzüge der Dunkelheit" und "Die Gefährlichkeit der großen Ebene", Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2012, 266 Seiten

Der Schriftsteller Ror Wolf: Sein Werk gehört dem Schrecken unseres Innenlebens.
Der Schriftsteller Ror Wolf: Sein Werk gehört dem Schrecken unseres Innenlebens. (picture alliance / dpa / Uwe Anspach)

Vor 80 Jahren wurde Ror Wolf als Richard Wolf in der DDR geboren, verließ diese 1953, um zu studieren. Bekannt wurde er durch sein Fußballbuch "Das nächste Spiel ist immer das Schwerste". Zu seinem Geburtstag bringt Schöffling ein neues und viele alte Werke.

Ror Wolf ist ein Autor weniger Worte, ein Meister des Skurrilen und ein Liebhaber des grotesken Humors. Seine meist kurzen Geschichten leben von dem vorweggenommenen Schrecken. Was könnte einem Mann, 40 Jahre alt und wahrscheinlich Bäcker, beim Biertrinken in der Kneipe passiert sein? Vieles, vielleicht auch gar nichts. Er biegt um die Ecke und, ja, na und? Ror Wolf überlässt das Luftanhalten gern seinen Lesern. Sie sollen sich selbst ausdenken, was, wann oder ob überhaupt etwas geschah. Der Schwebezustand des Schreckens ist sein künstlerischer Trick.

Zu seinem 80. Geburtstag macht sich Ror Wolf das Geschenk eines reich bebilderten "Horrorromans". Die Bilder sind bunte Collagen im Stil von Max Ernst. Phantastische Kombinationen aus der Tier-, Pflanzen- und Maschinenwelt und aus medizinischen Lehrbüchern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts . Durch die "29 Versuche die Welt zu verschlingen" zieht sich das Bild des Erzählers. Ein Mann mit Schnauzbart. Er liegt zugedeckt im Bett, und die Welt, von der er erzählt, ist eine, die sich aus Träumen, Albträumen und Halluzinationen zusammensetzt. Was ihm durch das Bewusstsein schießt, sind Zwangsvorstellungen, manchmal versüßt vom vorbeiziehenden Imago einer nackten Frau. Erst wenn er sich selbst im Spiegel beobachtet, wird ihm klar, dass die Frau verschwunden, die Hand und der Kopf neben ihm seine eigene Hand und sein eigener Kopf sind..

Der einsame Schläfer ist ein Weltreisender und Forscher. Zwischen Nevada und Olm, offenbar ein typischer Ror-Wolf-Ort, kümmert er sich um die Aufklärung allgemeiner Naturrätsel. Da viele Träume "Horror" sind, findet jeder Leser darin Parallelen zu seinen eigenen verzweifelten Nächten. In der Verknappung ist Ror Wolf von Beckett beeinflusst , von Robert Walsers kurzen Geschichten, auch Kafka hat Spuren hinterlassen.

Ror Wolf ist etwas für die Skeptischen und Nachdenklichen. Das Absurde ist sein Mittel, um dem Unerträglichen im Alltäglichen auszuweichen, immer im Wissen, dass es in den Träumen Rache nimmt. In den im Band "Die Gefährlichkeit der großen Ebene" versammelten Texten oder in seinem neuen Buch, dem Horrorroman, wird das Geheime verhandelt. Die Angst des Menschen vor dem Leben und dem Sterben. Und das mit hypochondrischer Lust. Die Collagen sind keineswegs Illustrationen der beschriebenen Albträume, sondern erzählen eine eigene Geschichte, so, als hätten die Bilder der Halluzination nichts mit den Bildern des Traums zu tun.

Der Schöffling Verlag hat es unternommen, das Werk von Ror Wolf herauszugeben. Der Band "Die Gefährlichkeit der großen Ebene. Prosa III" versammelt Geschichten aus der Zeit zwischen 1956 und 1969. Auch darin läuft ein Mann durch eine Welt, in der nichts sicher ist. Das Meer tut sich ebenso plötzlich auf, wie es verschwindet und - typisch für Ror Wolfs Fatalismus - es kommt ihm der Gedanke, dass "alles erledigt ist."
Ror Wolf ist der Letzte, der in sprachlicher Askese eine zeitlose Allgemeingültigkeit herzustellen vermag. Dem Schrecken unseres Innenlebens gehört sein Werk.

Besprochen von Verena Auffermann

Ror Wolf: Die Vorzüge der Dunkelheit. 29 Versuche die Welt zu verschlingen
Horrorroman
Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2012
266 Seiten, 24,95 Euro.

Ror Wolf: Werke. Die Gefährlichkeit der großen Ebene. Prosa III
Herausgegeben von Kai U. Jürgens
Schöffling&Co., Frankfurt am Main 2012
366 Seiten, 39 Euro.

Mehr zum Thema bei dradio.de:
Ror Wolf zum 75. Geburtstag
Ror Wolf führt seine Enzyklopädie für unerschrockene Leser zu Ende
Siebenundvierzig Ausschweifungen von Ror Wolf
Ähnliches ist nicht dasselbe. Eine rasante Revue für Ror Wolf
Ror Wolf: "Zwei oder drei Jahre später"
Ror Wolfs "Gesammelte Fußballhörspiele"