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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.02.2010

Meister der ironischen Dekonstruktion

Nachruf auf den argentinischen Schriftsteller Tomás Eloy Martínez

Von Peter B. Schumann

Der argentinische Schriftsteller Tomás Eloy Martínez im Jahr 2006 (AP)
Der argentinische Schriftsteller Tomás Eloy Martínez im Jahr 2006 (AP)

Der Schriftsteller Tomás Eloy Martinez war für sein Heimatland Argentinien wie ein Spiegel: Was unsichtbar bleiben wollte, was unscharf war: Er stellte es klar. Was zu verstauben drohte, traktierte er mit der Feder. Im Alter von 75 Jahren ist Eloy Martinez nun in den USA gestorben.

Er war ein erzählerisches Naturtalent und begann schon als Jugendlicher erste Texte zu schreiben – zur Verzweiflung seiner Mutter, die Rosenkränze betete, "damit der Himmlische seine Seele vor dieser Verderbnis rette". Aber Tomás Eloy Martínez ließ sich davon ebenso wenig beeindrucken wie von den großen argentinischen Mythen Perón und Evita, die in seinem späteren literarischen Leben eine zentrale Rolle spielen sollten.

Von der Politik hielt er sich fern, bis im August 1972 neunzehn Guerrilleros bei einem Ausbruchversuch aus einem Gefängnis in Trelew, in Patagonien, ermordet wurden. Dieses Massaker wurde für Martínez zum "politischen Initialerlebnis". Er recherchierte die Fakten und veröffentlichte sie 1974 in seinem ersten Buch Die Passion von Trelew. Es ist keine Dokumentation, sondern diese raffinierte Mischung der literarischen Gattungen, des Fiktionalen und des Dokumentarischen, das zu einem Grundprinzip seines Werks werden sollte.

"In einem Land wie Argentinien, dessen Geschichte seit dem 19. Jahrhundert mit Lügen geschrieben ist, musste ich mir einen eigenen Weg suchen, um der Vielschichtigkeit der Wahrheit gerecht zu werden. Journalismus und Literatur sind für mich das Gleiche. Den Unterschied markiert der Leser. Der Journalismus zwingt den Autor dazu, die Tatsachen so darzustellen, wie sie ihm erscheinen. Und der Leser vertraut dem Wahrheitsgehalt. Im Roman hat der Autor größere Freiheiten, aber der Leser weiß, dass er ihm nicht glauben darf."

La pasión de Trelew wurde zur Passion seines Autors. Die Rechtsperonisten, die damals herrschten, ließen das Werk verbieten, die Militärs später sogar verbrennen, ihre Killerkommandos bedrohten Tomás Eloy Martínez mit dem Tod. Er floh ins Exil, zunächst nach Venezuela, dann nach México. Überall wirkte der leidenschaftliche Publizist als Herausgeber und manchmal sogar als Gründer neuer Zeitungen, Zeitschriften oder Kulturbeilagen.

Doch über Lateinamerika hinaus machten ihn seit den 80er-Jahren seine Romane berühmt, vor allem die zwei, die zu Bestsellern wurden und in denen sich der Antiperonist mit den beiden peronistischen Säulenheiligen auseinandersetzte: La novela de Perón, auf deutsch Der General findet keine Ruhe, sowie Santa Evita. Im ersten Werk lässt Tomás Eloy Martínez den legendären Perón seine Memoiren korrigieren, die eigentlich ein anderer, nämlich dessen Sekretär, verfasst hat. Wieder versucht der Autor, der Komplexität der Wahrheit durch ein Spiel mit Fiktion und Faktizität nahe zu kommen. Dazu erfindet er den "Roman", das heißt die Biografie Peróns auf der Basis unzähliger Dokumente. Seine Kritik konzentriert er auf einen zentralen Punkt: dessen totale Identifikation mit dem Militär.

"'Peróns Roman' ist ein Roman gegen das Militär in Argentinien. Ich versuche zu erzählen, wie ein Mann in dem Augenblick, in dem er die Armee als seine Familie erwählt, die Werte der Armee einem Land überzustülpen trachtet, das Land militarisiert und erlaubt, dass sich daraus eine Diktatur entwickelt. Das ist eine indirekte Form, sich mit einer Militärdiktatur auseinanderzusetzen."

Die Methode ironischer Dekonstruktion, die den Mythos selbst dort demontiert, wo sie scheinbar vorgibt, ihn aufzubauen, hat Tomás Eloy Martínez auch in Santa Evita verwendet. Hier begibt er sich auf die aberwitzigen Irrwege, welche der einbalsamierte Leichnam von Eva Perón bis zu ihrer letzten Ruhestätte genommen hat. Nach seiner obsessiven Beschäftigung mit dem General musste er sich zwangsläufig auch Evitas annehmen. Denn ohne diese charismatische Gestalt ist der Aufstieg des Caudillos undenkbar.

"Ich habe mich ihr nicht mit Sympathie genähert, sondern mit großem Misstrauen. Als ich das Buch zu schreiben begann, wusste ich nicht genau, welche Haltung ich ihr gegenüber einnehmen sollte ... Denn Eva vertritt meines Erachtens auch sehr negative menschliche Aspekte: Intoleranz, Fanatismus, Gewalt, quasi Faschismus. Andererseits empfand ich einen tiefen Respekt vor ihrer Aufrichtigkeit und ihrer Treue gegenüber einer Sache, die sie für gerecht hielt und die auch gerecht war."

Santa Evita wurde zum meist gelesenen argentinischen Roman aller Zeiten. Auch nach seinen triumphalen Erfolgen hat Tomás Eloy Martínez die Geschichte Argentiniens nicht losgelassen: Der Flug der Königin ist eine Metapher für den Teufelskreis der Macht, Der Tangosänger eine verquere Reise zu jenem anderen argentinischen Mythos, und in seinem nunmehr letzten Roman Fegefeuer beschäftigt er sich mit den Verschwundenen der Militärdiktatur. Damit kehrt dieser große argentinische Autor noch einmal zu den Verbrechen in seinem Land zurück, dem entscheidenden Erlebnis zu Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn.

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