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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 09.11.2014

"Mein Verein"Verstecken will sich hier keiner

Der jüdische Sportverein Tus Makkabi Berlin ist heute so multikulturell wie die Stadt selbst

Von Martina Weber

Ein Spieler von TuS Makkabi Berlin steht auf dem Spielfeld und hält den Ball unter dem Arm. Die Weiß-Blauen tragen auf ihrem Trikot einen verfremdeten Davidstern als Vereinswappen. (aufgenommen 2008) (picture alliance / dpa / Georg Ismar)
Ein Spieler von TuS Makkabi Berlin. Die Weiß-Blauen tragen auf ihrem Trikot einen verfremdeten Davidstern als Vereinswappen. (picture alliance / dpa / Georg Ismar)

Der Name TuS Makkabi Berlin steht für eine erfolgreiche Schachjugend und für eine Fußballmannschaft, die sich im Amateurbereich einen großen Namen gemacht hat – sowohl sportlich als auch politisch. Und hier wird jüdische Erinnerungskultur gepflegt.

In Sekundenschnelle drücken Benjamin und Trainer Markus Kiesekamp die Schachuhr und setzen geschickt einer nach dem anderen ihre Figuren auf dem Schachbrett.

"Jetzt wenn man so sagt 'deutsch-jüdisch', gibt es schon, aber es ist nicht so speziell deutsch-jüdisch, weil auch Christen hier sind."

Benjamin ist zehn Jahre alt und spielt Schach seit seinem 5. Lebensjahr.

"Bei uns sind viele Kinder mit russischen Hintergrund und in Russland war Schach sehr populär. Und die meisten Eltern spielen Schach und wollen, dass auch die Kinder Schach spielen."

Erzählt Trainer Grigori Gorodetzki. Als der 57-jährige Schachmeister 1991 von Lettland nach Berlin kam, wollte er russische Tradition weiterleben. Zusammen mit Markus Kiesekamp trainiert er nun seit knapp 20 Jahren Nachwuchsspieler in der Tus Makkabi Schachabteilung in der Neuen Synagoge in Berlin Mitte. Zeitungsartikel, Medaillen, unzählige Pokale, darunter vier Meisterschafts-Pokale – die Trophäensammlung im Vereinsraum zeigt den Erfolg der Schachjugend. Als olympische Disziplin nimmt der Verein an der alle vier Jahre stattfindenden Makkabiade teil – den jüdischen Weltsportspielen. Für Trainer Gorodetzki ein Identität stiftendes Moment.

"Das erste Mal, dass sie bei Makkabiade teilgenommen habe, ich habe geweint, weil in Russland habe ich das nicht erlebt, das war das schöne mit den jüdischen Jugendlichen, feiern und Sport machen."

Der Verein sieht sich nicht als rein jüdischer Verein. Er ist offen gegenüber allen Nationalitäten und Glaubensrichtungen. Und das hängt nicht zuletzt mit der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion zusammen.

"So eine starke jüdische Identität wie früher gibt es nicht. Sie fühlen sich in erster Linie als Deutsche, in zweiter Linie als Russen, selbst wenn sie aus der Ukraine kommen, und in dritter Linie vielleicht als Juden, ja."

Die Geschichte Makkabis ist unweigerlich mit den Anfängen antisemitischer Haltungen in Deutschland verbunden und mit der Stadt Berlin. Ende des 19. Jahrhunderts, in einer Zeit in denen Juden zunehmend aus dem öffentlichen Leben, und auch aus sportlichen Institutionen ausgeschlossen wurden, erstarkten zionistische Bewegungen. 1898 wurde in Berlin der erste jüdische Turnverein "Bar Kochba" gegründet. Es folgten weitere jüdische Sportvereine in ganz Europa, ein deutscher Makkabi-Dachverband und 1921 die "Maccabi World Union". Der Union gehören jüdische Sport- und Turnvereine aus mehr als 60 Ländern an. Der Bezug zu Eretz Israel, das Land Israel, und die Einheit aller Juden waren ein zentraler Bestandteil der Makkabi Bewegung. 1932 wurde die erste Makkabiade in Tel-Aviv ausgetragen.

Nationalsozialisten schlossen Maccabi-Clubs

Unter den Nationalsozialisten wurden Maccabi-Clubs geschlossen, jüdische Sportler denunziert und verfolgt. So erging es auch dem Karlsruher Fußballspieler Julius Hirsch - ein Opfer von Vielen. Er gilt bis heute als einer der erfolgreichsten Fußball-Nationalspieler seiner Zeit. 1943 wurde er nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Die Sportanlage in Berlin Charlottenburg trägt heute als Erinnerung den Namen Julius Hirsch.

Rodney Wilson:"Dann sagt ein Spieler der Mannschaft ein bisschen was, und am Ende ruft er Makkabi – und die gesamte Mannschaft ruft dann 'schai' oder 'chai' – das heißt dann 'Makkabi lebt'!"

Erst 1970 wurde in Berlin Makkabi, zunächst mit einer Abteilung im Fußball und im Tischtennis, wieder ins Leben gerufen. Einst ein rein jüdischer Verein ist Makkabi heute so multikulturell wie die Stadt Berlin selbst. Hier im Berliner Westend  trainieren in der 1. Herrenmannschaft Juden, Muslime, Christen und Atheisten gemeinsam unter dem Tus Makkabi Stern.

Alec Privalov: "Das Besondere ist schon, dass wir jüdische Traditionen pflegen. Ob es jetzt Chanukka oder die Feiertage sind, die jetzt kommen. Es ist eine schöne Sache, weil man kann Sport und Tradition miteinander verbinden. Aber in erster Linie geht es ums Sportliche und das sollte auch im Mittelpunkt stehen."

Auffällig hebt sich auf dem blauen Vereinstrikot von Alec Privalov der Davidstern in Weiß hervor.

"Ich muss mich nicht verstecken. Und hab auch nicht das Gefühl das man irgendwelche Feindseligkeiten auch im Alltag mitbekommt. Ich habe jetzt auch keine Angst auf dem Platz oder daneben und hab auch keine Angst mit dem Tus Makkabi Trainingsanzug durch Berlin zu laufen."

Verstecken will sich keiner – erst recht nicht vor antisemitischen Ausfällen auf dem Fußballplatz oder von den Zuschauern. Die hat es gegeben.

Aber es gibt auch positive Schlagzeilen. Hertha BSC hat gemeinsam mit der Tus Makkabi Fußballmannschaft einen Video-Spot gegen Judenhass gedreht.

Diese Art von Aufmerksamkeit gefällt Tus Makkabi. Und noch vielmehr jene, die sich um das Sportliche dreht. Zwar ist die Fußballmannschaft im Vergleich zur Schachabteilung von einem Titel weit entfernt, aber das könnte sich schon im nächsten Jahr ändern. Dann finden die 14. Europäischen Makkabi-Spiele statt. Ausgetragen werden sie: in Berlin.

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