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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.04.2007

Mehr als ein Erziehungsberater

Klaus Hurrelmann und Heidrun Bründel: "Gewalt an Schulen. Pädagogische Antworten auf eine soziale Krise", Beltz Taschenbuch, Weinheim und Basel 2007, 219 Seiten

Schüler der Rütli-Hauptschule in Berlin im März 2006 (AP)
Schüler der Rütli-Hauptschule in Berlin im März 2006 (AP)

Das Autorenduo stellt in seinem Sachbuch verschiedene Theorien zur Entstehung von Gewalt und viele Möglichkeiten vor, wie Lehrer und Eltern angemessen damit umgehen und sie auch verhindern können. Das Buch ist vor allem Lehrerinnen und Lehrern zu empfehlen, die die Freude an ihrem Beruf nicht verlieren wollen.

Gewalt an Schulen ist nur zu einem kleinen Teil hausgemacht. Meist hat sie ihre Ursprünge außerhalb der Schule, auch im Elternhaus. Immer noch befürworten und praktizieren etwa zehn Prozent der Eltern eine Tracht Prügel als angemessenes Erziehungsmittel, weitere 40 Prozent halten Ohrfeigen und Schläge für unproblematisch.

13 Prozent der Jugendlichen gaben in jüngeren Studien an, von ihren Eltern in der Kindheit körperlich schwer gezüchtigt worden zu sein. Bis vor wenigen Jahren war den Eltern nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch ein körperliches Züchtigungsrecht ausdrücklich gestattet. Erst 2000 wurde der entsprechende Paragraph (§ 1631) folgendermaßen geändert: "Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig".

Gewalt an Schulen hat in den meisten Fällen eine Vorgeschichte. Klaus Hurrelmann und Heidrun Bründel stellen verschiedene Theorien zur Entstehung von Gewalt vor. Die Trieb- und Instinkttheorien zum Beispiel gehören ebenso wie die Emotions- und Lerntheorien zu den psychologischen Theorien. Auf der soziologischen Seite stehen unter anderem die Konflikt- und Spannungstheorien. Die Autoren bewerten die einzelnen Theorien nicht, sondern erklären sie.

Die Lerntheorie beispielsweise belegt, dass bestimmte Verhaltensweisen, positive und negative, schon früh – vielleicht im Kindergarten – eingeübt wurden. Das zu wissen, kann dabei helfen, die richtige Reaktion auf Fehlverhalten zu finden. Alle Theorien zusammengenommen ergeben ein stimmiges, facettenreiches Bild von Persönlichkeitseigenschaften und gesellschaftlichen Merkmalen, die Gewalt entstehen lassen.

Die meisten Gewalthandlungen in den Schulen, so erfahren wir, werden von 12- bis 15-jährigen männlichen Schülern begangen. Sie besuchen die 7. bis 9. Klasse und befinden sich mitten in der Pubertät. Aber auch die institutionelle Gewalt, die der Lehrer gegenüber den Schülern ausübt, gibt es nach wie vor, wenn auch in gewandelter Form. Es ist nicht mehr der Rohrstock, sondern die zynische Bemerkung, die den Schüler oder die Schülerin empfindlich treffen kann.

Klaus Hurrelmann und Heidrun Bründel kommen jedoch zu dem Ergebnis, dass die Gewalt nicht so dramatisch angestiegen ist, wie oft angenommen wird. Die Autoren schreiben:

"Wenn also von einer nennenswerten Zunahme der Gewalthandlungen in Schulen insgesamt gesehen nicht gesprochen werden kann, so prägt dennoch die kleine und insgesamt angewachsene Gruppe der gewalttätigen Schülerinnen und (vor allem) Schüler das Bild von Schule in der Öffentlichkeit, wird von den Medien aufgegriffen, dramatisiert und führt dadurch zur Beunruhigung von Eltern und Lehrern."

Das Buch hingegen will gerade nicht beunruhigen. Es zeigt vielmehr, dass die Schule nicht nur der Ort ist, an dem Gewalt ausgetragen wird, sondern auch eine Institution, die sich besonders für die Gewaltprävention eignet. "Pädagogische Antworten auf eine soziale Krise" heißt es im Untertitel.

Tatsächlich stellen Hurrelmann und Bründel viele Möglichkeiten vor, wie Lehrer, aber auch Eltern, angemessen auf Gewalt reagieren, wie sie Gewalt eben nicht nur erkennen, sondern auch verhindern können. Die Autoren beschreiben eine moderate Autorität, die von Situation zu Situation neu gerechtfertigt werden muss und auf diese Weise von Kindern und Jugendlichen auch verstanden wird. Gleichzeitig werden auch die Interessen der Kinder ernst genommen. Sie nehmen an der Konfliktlösung teil.

Manche Eltern sind mit der Umsetzung eines solchen Stils möglicherweise überfordert, und genau da kann die Institution Schule eingreifen und helfen. Schulen, an denen klare Regeln aufgestellt werden, die befolgt werden müssen, in denen Kinder ein Mitspracherecht haben, können auf das Verhalten im Elternhaus zurückwirken. Allerdings nur, wenn es regelmäßige Kontakte zwischen Lehrer- und Elternschaft gibt.

Den "Strategien der Gewaltprävention in der Schule" ist viel Raum in dem Buch von Klaus Hurrelmann und Heidrun Bründel gewidmet. Von Wertevermittlung ist die Rede, von der Aufgabe des Erziehens, derer sich die Lehrerinnen und Lehrer wieder mehr bewusst werden müssten. Auch die "Disziplin", die Jahrzehnte lang als "blinder Gehorsam und kritiklose Unterordnung" abgelehnt wurde, erscheint jetzt im positiven Licht als "Pünktlichkeit, Fleiß und Ordnungssinn".

Am besten wäre es, die Schule ganz umzukrempeln, meinen die Autoren, weg von einem System der Selektion und Ausgrenzung hin zu einem gut durchdachten Unterricht, der nicht starr im 45-Minuten-Takt mit kleinen Pausen stattfindet, sondern einen Rhythmus hat, der den menschlichen Bedürfnissen nach Konzentration und Ruhe eher entspricht. Am Ende des Buches werden fünf gezielte Präventionsprogramme vorgestellt, die bereits in der Praxis erprobt wurden.

Das Buch ist sehr zu empfehlen, vor allem Lehrerinnen und Lehrern, die die Freude an ihrem Beruf nicht verlieren wollen. Aber auch Eltern, die mehr über die Hintergründe der Entstehung von Gewalt wissen wollten, sollten es lesen. Ein Buch, das zwar auch Praxistipps enthält, aber weit mehr bietet das der normale "Erziehungsberater".

Rezensiert von Annette Wilmes

Klaus Hurrelmann und Heidrun Bründel
"Gewalt an Schulen. Pädagogische Antworten auf eine soziale Krise",

Beltz Taschenbuch, Weinheim und Basel 2007, 219 Seiten, 14,90 EUR

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