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Interview / Archiv | Beitrag vom 17.12.2012

"Mega-Schub an Beschleunigung" schadet der Gesellschaft

Sozialethiker fordert Maßnahmen gegen das geltende Zeit-Regime

Friedhelm Hengsbach im Gespräch mit Christopher Ricke

Die Sanduhr lässt die Zeit gemütlicher verrinnen. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)
Die Sanduhr lässt die Zeit gemütlicher verrinnen. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Der katholische Sozialethiker Friedhelm Hengsbach hat die Deutschen aufgerufen, "Zeitrebellen" zu werden. Der wachsende Zeitdruck werde von den Finanzmärkten vorgegeben.

Christopher Ricke: Der Advent, das ist die staade Zeit, die Zeit der Besinnung, der Erwartung, der Ruhe – das ist vollkommener Quatsch. Der Advent ist längst eine Zeit der Hektik, der Sonderschichten bei den Versandhändlern, der Hetze. Gefühlt wird alles immer schneller, und das wirkt sich auf viele Lebensbereiche aus. Psychologisch ist das übrigens hoch problematisch – wenn man nämlich so viele Wünsche und Bedürfnisse sofort und gleich erfüllt oder das fordert, dann stimuliert das zwar das Lustzentrum im Hirn, verdrängt aber die Fähigkeit zu reflektieren. Man verhält sich dann primärprozesshaft wie ein Kleinkind, das mit dem Fuß aufstampft und sagt, ich will, anstatt vielleicht erst mal einen Schritt zurückzugehen und nachzudenken.

Der Jesuit und Sozialethiker Friedhelm Hengsbach wirbt in seinem neuen Buch "Die Zeit gehört uns" für ein neues und, wie er es nennt, humanes Zeitmaß jenseits aller Beschleunigungs- und Wachstumsgedanken. Hengsbach leitete jahrelang das Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik, ist jetzt beim Interview bei Deutschlandradio Kultur. Guten Morgen, Professor Hengsbach.

Friedhelm Hengsbach: Guten Morgen, Herr Ricke, ich grüße Sie.

Ricke: Den subjektiven Eindruck, den teile ich ja, dass alles immer hektischer wird, aber manchmal denke ich auch, das liegt an meiner eigenen Alterung – oder ist das wirklich so?

Hengsbach: Es hat natürlich jeder Mensch einen eigenen Zeitrhythmus. Manche leben halt schneller, manche sind etwas langsamer. Aber insgesamt ist es ja doch so, dass sehr viele unter diesem Zeitdruck leiden, und – sie haben es gerade angesprochen, gerade in den Zeiten, wo ja doch die Tage kürzer werden, die Nächte länger, wo der Körperrhythmus eigentlich eher auf Langsamkeit geht, da steigern wir uns in eine Hektik, in eine Hetze hinein: Das muss vor Jahresende noch erledigt werden, das muss vor Weihnachten noch erledigt werden, die Jahresabschlüsse … Und wir leben eigentlich gegen unsere inneren Rhythmen, weithin. Und dann auch gegen das, was eben halt die natürliche Umwelt uns vorgibt, Tag und Nacht, Jahreszeiten, und dass wir uns einfach an diese Rhythmen stärker gewöhnen und dass die Gesellschaft einen Druck ausübt und wir fragen, woher kommt der?

Ricke: Mein Arbeitgeber wird sich aber herzlich bedanken, wenn ich sage, im Winter wird es später hell, ich komme später zur Arbeit.

Hengsbach: Ja, bei den Kindern ist es ja merklich eigentlich. Wir fragen uns ja auch, warum müssen Kinder schon um sieben Uhr auf der Straße herumlaufen im Dunkeln? Kann man die Schulen nicht so einrichten, dass also diese kleinen Kinder erst um neun Uhr zur Schule kommen. Oder Pubertierende, für die um sieben Uhr morgens ja noch Mitternacht ist, dass die erst um halb elf zur Schule kommen, was sie in Schweden machen. Also warum richten wir unsere Arbeitszeiten nicht ein – oder was heißt wir? – warum werden die Arbeitszeiten nicht eingerichtet auf die menschlichen Rhythmen?

Aber das ist meine Meinung, und das ist meine Hypothese: Es liegt daran, dass die Finanzmärkte einen neuen Mega-Schub an Beschleunigung ausgeübt haben. Einmal dadurch, dass sie sich abkoppeln von der Realwirtschaft, das ist ja ein bekanntes Phänomen, und zum anderen, dass sie durch die automatisierten Handelsgeschäfte ein Tempo vorgeben … Beispielsweise ein normaler Börsenhändler kann in einer Minute vielleicht drei oder vier Handelsaufträge erledigen, aber diese automatisierten Handelssysteme, die computergestützten Handelssysteme, die schaffen in einer Minute Hunderttausende von solchen Handelsaufträgen. Das heißt also, in einer Stunde sechs Milliarden und in einem Tag 60 Milliarden von solchen Aufträgen.

Wenn das in einem solchen Tempo geht und es wird auf die Unternehmen weitergeleitet durch den Shareholder-Value und durch die Quartalsabschnitte, in denen gerechnet wird – der Druck geht wieder weiter auf die Arbeitsverhältnisse, und dann am Ende landet es bei den privaten Haushalten, und dann sind es überwiegend die Frauen, die am meisten unter diesem Zeitdruck leiden.

Ricke: Sind wir denn dann in der Rolle des goetheschen Zauberlehrlings? Werden wir die Geister, die wir riefen, nicht mehr los?

Hengsbach: Ja, wir können sie loswerden, weil das ja alles politisch verursacht ist. Die Politiker haben sich ja gleichsam vor den Karren der Finanzmärkte spannen lassen. Und man sieht ja gegenwärtig also all das, was man unternimmt, um die Banken zu regulieren, um auch dieses Tempo der Finanzmärkte auszubremsen. In den USA werden schon die Börsennotierungen abgeschaltet, wenn aus unerklärlichen Gründen, meist also durch Computerhandel verursacht, eine Aktie in fünf Minuten unverständlicherweise absackt. Da bremst man aus. Oder einige Firmen unterbinden oder untersagen den geschäftlichen E-Mail- und Handyverkehr zwischen Weihnachten und Neujahr. Die Bahn wollte mal Spitzengeschwindigkeiten mit 300 km/h durch Deutschland durchführen. Jetzt aber bremst sie schon auf 250 km/h.

Also es gibt auch Gegenkräfte. Aber die liegen nicht bei den Einzelnen. Ich glaube, die einzelnen Menschen sind da völlig überfordert, sich gegen diesen Trend, gegen dieses Regime zu stellen. Es muss eben halt politisch und durch die Institutionen, also die Regierenden oder die Gewerkschaften oder zivilgesellschaftliche Bewegungen aufgerufen werden, wirkliche Zeitrebellen zu werden.

Ricke: Es mag ja wenig einfallsreich sein, einen katholischen Ordensmann gerade in der Adventszeit nach einem Rahmen zu fragen, der jenseits dieses alltäglich-irdischen noch helfen kann. Braucht etwas mehr Transzendenz, braucht etwas mehr Spiritualität eben auch mehr Zeit und kann das dann helfen?

Hengsbach: Ich denke, dass wir eine, wenn man das mal so sagen will, eine Zeit-Spiritualität brauchen. Es ist vielleicht gut, wenn die Einzelnen, auch wirklich Einzelne oder Familien sich gegen dieses Regime der Beschleunigung wehren, beispielsweise irgendwelche Nischen schaffen. Am Tag eine kurze Zeit einmal der Besinnung – was war denn eigentlich, was wollte ich am heutigen Tag, oder wo will ich denn in der nächsten Woche meine Arbeiten und auch mein Leben einrichten? Das wäre schon gut. Nur: Die Möglichkeiten der Einzelnen, die sind äußerst beschränkt. Ich denke, gerade diejenigen, die unter diesem Druck leiden, die brauchen irgendwelche Rahmenbedingungen, brauchen Institutionen, die gleichsam Anwälte sind für diese Entschleunigung, die wir zum großen Teil jedenfalls alle uns ersehnen.

Ricke: Der Jesuit und Sozialethiker Friedhelm Hengsbach. Sein neues Buch heißt "Die Zeit gehört uns". Vielen Dank, Herr Hengsbach.

Hengsbach: Bitte schön. Adé, auf Wiederhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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