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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 08.03.2016

MedizinGen-Chirurgie bedarf der Grundsatzdebatte

Von Peter Gruss

Model eines DNA-Moleküls (imago/Westend61)
Model eines DNA-Moleküls (imago/Westend61)

Es sei an der Zeit, darüber nachzudenken, wie wir mit der Gen-Chirurgie umgehen wollen, die einerseits Erkrankungen therapieren, andererseits gesunde Gene manipulieren könnte, meint der Max-Planck-Wissenschaftler Peter Gruss.

Wie selbstverständlich nutzen wir heute die Segnungen der medizinischen Forschung. Längst haben minimalinvasive Operationen, wann immer möglich, große chirurgische Eingriffe abgelöst. Ein nächster Durchbruch steht bevor: Künftig kommen vielleicht einzelne Gene unters Messer – etwa aus Zellen des Knochenmarks.

Wie funktioniert diese Genschere? Wir haben uns aus einer befruchteten Eizelle entwickelt und bestehen als Erwachsener aus 100 Billionen Zellen. Jede unserer Zellen trägt unser spezifisches Erbmaterial. Veränderungen im Erbmaterial, sogenannte Mutationen, führen zu einer Vielzahl von Krankheiten.

Bekannte Beispiele für die Mutation in einem Gen sind die Veranlagung für Gaumenspalte, Mukoviszidose, Hämophilie, und Muskeldystrophie. Auf Veränderungen mehrerer Gene ist eine Disposition für Adipositas, Bluthochdruck, Diabetes-Typ-2 oder Herzinfarkt zurückzuführen. Hinzu kommen Mutationen, die während unseres Lebens durch Umwelteinflüsse entstehen können, etwa bei Krebs.

Gen-Schere schneidet defekte Sequenzen heraus

Die Genschere kann künftig dort ansetzen, wo Krankheiten auf einer gut definierten genetischen Basis beruhen. Aus einem defekten Gen kann zum Beispiel präzise der krankheitsverursachende Sequenzbereich herausgeschnitten und durch die korrekte Sequenz ersetzt werden.

Innerhalb weniger Jahre haben diese Methoden enorme Fortschritte gemacht. Zuletzt durch die von Emmanuelle Charpentier entwickelte "CRISPR/Cas9-Methode". Mit dieser Methode ist es möglich, punktgenau und effizient Gene zu verändern.

Was macht diesen Ansatz so revolutionär? Man packt mit einem einmaligen Eingriff am Gen die Krankheit bei der Wurzel und kann einen Patienten voraussichtlich dauerhaft heilen. Vieles ist noch Zukunftsmusik, aber die Genchirurgie zeitigt bereits erste Erfolge.

Das renommierte Wissenschaftsjournal "Nature" berichtet vom Fall  eines einjährigen Leukämie-kranken Mädchens, für das es keine Hoffnung mehr gab. Mit der Methode der Genchirurgie wurden erstmals T-Zellen, also Abwehrzellen eines Spenders, so modifiziert, dass die normale Abstoßungsreaktion der Transplantation verhindert wurde. So konnten die Spenderzellen gegen den aggressiven Blutkrebs vorgehen. Entsprechend kann Genchirurgie künftig auch für passgenaue, abstoßungsfreie Organtransplantation eingesetzt werden.

Genchirurgie könnte auch gesunde Gene manipulieren

Zwar ist die Behandlung des Leukämie-kranken Mädchens noch ein Sonderfall, doch die klinische Anwendung steht bevor. Mit der Genchirurgie können wir künftig Krankheiten heilen – könnten aber auch das gesunde Genom manipulieren. Entsprechend hoch sind die ethischen Herausforderungen.

Internationale Experten diskutierten daher jüngst in Washington wissenschaftliche, ethische und politische Fragen. Sie riefen dazu auf, ein ständiges Forum einzurichten, um den Stand der Forschung und vor allem der klinischen Anwendungen der neuen Genchirurgie zu koordinieren sowie Öffentlichkeit und Entscheidungsträger zu informieren.

Es ist an der Zeit, darüber nachzudenken, wie wir in Zukunft mit unserm menschlichen Genom umgehen. Das Ergebnis ist eng verknüpft mit der Frage, in welcher Welt wir leben wollen.  Und diese Vision sollte unsere zukünftigen Entscheidungen bestimmen.

Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, München (Deutschlandradio - Bettina Straub)Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, München (Deutschlandradio - Bettina Straub)Peter Gruss, Jahrgang 1949, war von 2002 bis 2014 Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. Zuvor arbeitete der Biologe als wissenschaftliches Mitglied und Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie Göttingen (1986-2002), hatte Forschungsaufenthalte am Institut für Virusforschung des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg und am National Institute of Health, Bethesda, Maryland, USA, lehrte als Professor am Institut für Mikrobiologie Univ. Heidelberg (1982-1986). Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, darunter der Feldberg-Preis (1992), der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis (1994), der Louis-Jeantet-Preis für Medizin (1995), der Deutsche Zukunftspreis (1999), die Medaille für Internationale Zusammenarbeit in Wissenschaft und Technologie der Volksrepublik China (2007) und das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland (2009).

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