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Echtzeit | Beitrag vom 30.01.2016

MedikamenteEin Jahr Kompaktschlaf

Von Sonja Beeker

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Ein Stapel Wecker, aufgeschüttet während der Klimakonferenz in Barcelona im November 2009. "tck tck tck" hieß die Kampagne, an der sich 200 zivile Organisationen inklusive dem Roten Kreuz oder Amnesty International, Greenpeace und andere beteiligten. (Lluis Gene / AFP)
Wach auch ohne Wecker: Modafinil, eigentlich eine Medikament für Narkoleptiker, verkürzt den Schlaf (Lluis Gene / AFP)

Der Wirkstoff Modafinil ermöglicht es, mit deutlich weniger Schlaf auszukommen. Politiker, Börsenmakler und Geschäftsleute versuchen so, ihre Karriere anzuschieben. Einer von ihnen ist der US-Amerikaner David Hartford.

Wenn David morgens früh in seinem blauen Bademantel die Küche betritt, dann braucht er seinen "bulletproof coffee". Das ist Kaffee mit Butter und Kokosnussöl. Einmal mit dem Pürierstab drüber und man könnte meinen, es sei ein Latte Macchiato. David frühstückt nicht. Das Fett im Kaffee reicht ihm bis zum Mittagessen. 

"Es heißt, dass das Hirn besser funktioniert, wenn man Hunger hat. Evolutionär betrachtet macht das Sinn, hast Du Hunger konzentrierst Du Dich darauf, was zu essen zu finden."

Noch zeigt der Kaffee keine Wirkung. Es ist Zeit für seine Wunderdroge Modafinil, die ihn durch den Tag bringen soll. 

"Ich nehme jetzt eine halbe, aber insgesamt eineinhalb. Ich hab heute Abend einen Auftritt, das wird ein langer Tag heute."

"Ich hatte das Gefühl, ich könnte die Welt erobern"

David Hartford ist 37. Er ist Musiker, zertifizierter Cannabisbauer, seit einem halben Jahr Vermieter und Verwalter von elf Wohnungen und mein Freund. Sein Experiment mit Modafinil begann vor genau einem Jahr. Ich war sehr skeptisch und erinnere mich noch gut an seine Reaktion nach der ersten halben Pille.

"Ich hatte das Gefühl, ich könnte die Welt erobern. Ich hatte so viel Energie, alles war positiv, gemischt mit ein bisschen Aggression, als könnte Dich nichts aufhalten. Die Dinge, die ich sonst vor mir hergeschoben hab, wie Exceltabellen erstellen, waren kein Problem mehr."

Wir hatten vor der ersten Einnahme zusammen den Film "Ohne Limit" mit Bradley Cooper angesehen. Dieser spielt darin einen erfolglosen Schriftsteller, der von seiner Freundin verlassen wird, als man ihm eine Wunderdroge anbietet, die sein Leben komplett umkrempelt. Er hat unbegrenzte Energie, wird Börsenmakler, erfolgreicher Schriftsteller, lernt mehrere Sprachen. Bis er merkt, dass ihn die Droge verändert, rapide altern lässt und er ohne sie nichts ist. Als Inspirationsquelle für den Film gilt der Wirkstoff Modafinil. 

"Im Film ist diese Pille der Grund für das Burnout. Auch Amphetamine können Burnout verursachen. Modafinil hat diesen Effekt nicht bei mir. Aber ich hab auch gelernt, Pausen zu machen. Meistens nehm ich es nicht an Wochenenden oder wenn ich unter Leute gehe."

Modafinil ist eigentlich ein Narkolepsiemittel – und verschreibungspflichtig

Im Film "Ohne Limit" dreht sich vieles darum, sich Zugang zur Droge verschaffen. Modafinil ist eigentlich ein Narkolepsiemittel und verschreibungspflichtig. Doch selbst wenn man in den USA einen Arzt findet, der es als sogenannte Smart Drug, als "schlaue Droge", verschreibt, muss man es aus eigener Tasche finanzieren. Dann kostet eine Pille umgerechnet knapp 20 Euro. Natürlich gibt es Mittel und Wege übers Internet auch für deutlich weniger Geld an das Medikament zu kommen. Dass ausgerechnet ein Narkolepsiemittel Davids Schlaf und damit letztlich auch meinen deutlich verbessern würde, hat uns beide überrascht. Er schläft mit Modafinil nicht weniger, aber besser. Die Einschlafschwierigkeiten sind weg und er schläft durch. 

"Mein Hirn ist eingeschaltet, bis ich bereit bin zu schlafen und dann schaltet es sich aus. Als ob ich es tagsüber besser genutzt hätte, sodass meine Gedanken abends zur Ruhe kommen können."

Meditieren gegen die Nebenwirkungen

Jetzt mag es Zufall sein, dass Davids Modafinil-Experiment mit einem erfolgreichen Geschäftsjahr einhergeht, in dem sich ihm außerdem viele neue Möglichkeiten eröffnet haben. Gleichzeitig hab ich ihn aber  auch schuften sehen und ein Jahr lang mit einem Duracell-Hasen zusammen gelebt.

"Ich reg mich schneller über Kleinigkeiten auf, die nicht funktionieren. Mein Leben soll fließen und da hab ich einfach weniger Toleranz für Bullshit. Ich versuche Reibungspunkte aus meinem Leben zu entfernen."

Modafinil lässt definitiv weniger Platz für Emotionen. Wahrscheinlich macht es Geschäftsleute oder Politiker deshalb auch erfolgreicher im Verhandeln – nicht einknicken, nicht nachgeben, hart bleiben. David nennt es Crushmode, Zerstörermodus. Dabei besteht die Gefahr, Crushmode mit nach Hause zu bringen – und das ist Gift für die Beziehung und auch für Freundschaften, die sich nun mal nicht mit Effizienztests bemessen lassen.  Ans Absetzen denkt David trotzdem nicht.

"Ich hab angefangen zu meditieren und mache Entspannungsübungen, damit ich diese Nebenwirkung  des Medikaments in den Griff bekomme."

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