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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 04.08.2010

"Me too - wer will schon normal sein?"

Love Story um Helden mit Handicap

Gesehen von Hans-Ulrich Pönack

"Ich bin von Kopf bis Fuß Down-Syndrom" - Pablo Pineda spielt sein Alter Ego. Er ist der erste Europäer mit der Chromosomenstörung, der einen Hochschulabschluss erworben hat. Alvaro Pastor und Antonio Naharro liefern eine faszinierende Love Story - mit seelischen Haken und Ösen.

Die mit ihren Kurzfilmen bekannt gewordenen spanischen Drehbuch-Autoren und Regisseure ("Invulnerable – Unverwundbar" von Alvaro Pastor/2005; bekam mehr als 40 internationale Preise) präsentieren hier ihren ersten Kino-Spielfilm. Nach dem Oscar-prämierten Streifen "Das Meer in mir" von Alejandro Amenábar aus dem Jahr 2004 ist dies erneut ein überzeugendes Werk aus dem "Rain Man"-Genre: Helden mit Handicap. Beziehungsweise: Filme über und mit Menschen mit Behinderung.

Ein Gen-Defekt, eine Störung, eine angeborene Chromosomenstörung, wie es medizinisch korrekt heißt: Beim Down-Syndrom, der Trisomie 21, handelt es sich um eine solche körperliche Störung. Der 34-jährige Spanier Pablo Pineda ist der erste Europäer mit Down-Syndrom, der einen Hochschulabschluss erworben hat. In "Yo, también" (Originaltitel, übersetzt "Ich, auch") spielt er in der Rolle des Daniel sein Alter Ego; es ist seine erste Rolle als Schauspieler. Beim Festival in San Sebastian wurde er als "Bester Schauspieler" ausgezeichnet.

"Ich bin von Kopf bis Fuß Down-Syndrom": Daniel ist es gewohnt, dass man ihm wenig zutraut. Oder dass man ihm vorsichtig, ängstlich, zaudernd begegnet. Also geht er gleich in die Offensive. Daniel hat einen glänzenden Studienabschluss gemacht und tritt nun mit seinem Diplom in Sonderpädagogik seinen ersten Job an. Voller Energie, Lust und Freude. Daniel ist ein sympathischer und cleverer Typ. Kann über sich lachen und witzig parieren. Ist ein guter Beobachter und unauffälliger Kollege. "Jetzt nur noch heiraten", meint er am Anfang kurz einmal zu seinen Eltern.

Als er am Arbeitsplatz mit seiner blonden Kollegin Laura in Kontakt kommt, beginnt der ganz normale emotionale Taumel. Bei dem sich im Grunde die Positionen verkehren. Denn wer von beiden mehr behindert ist, ist oft nicht auszumachen. Laura schleppt "viel Mist" in ihrem Seelen-Gepäck herum. "Und warum willst du normal sein?", fragt sie ihn einmal spöttisch, resignierend.

Eine Love-Story, eigentlich zwei, denn auch in der Tanzkurs-Nachbarschaft ist der emotionale Einschlag bei zwei behinderten Menschen enorm. Und auch hier greifen die "Normalen" unangemessen ein. Bestehen auf Regeln, Ordnung, gesellschaftliche Sauberkeit. Bei Laura und Daniel ist es da schon anders. Sie haben genug mit sich zu tun. Und ihren Wallungen. Die im Kollegen-, Freundes- und Familienkreis ein ums andere Mal zu Tuscheleien, hämischen Bemerkungen und Kopfschütteln führen.

Im Grunde ist es simpel: Eine faszinierende Love Story - mit vielen seelischen Haken und Ösen, mit all diesen Auf und Abs. Zweifeln, Hoffnungen, Entdeckungen. Er ist offiziell behindert, sie normal. Manchmal schaut es umgekehrt aus. "Und warum willst du normal sein?"

Eben keine Kitsch-Posse, kein Mitleids-Drama, keine Behinderten-Posen, schon gar keine dämliche 08/15-Schnulze. Stattdessen ein wunderschöner, tragikomischer Berührungsfilm. Um zwei reizvolle, spannende, atmosphärische Menschen. Dicht, dran, tief. Emotional wie gedanklich.

Es macht jederzeit Spaß, es ist ein herzerwärmendes Vergnügen, hier zuzuschauen, hier mitzufühlen, mitzudenken. Aufmüpfig, sensibel, nachvollziehbar. Glaubwürdig, überzeugend. Pablo Pineda ist eine Wucht, besitzt Dustin Hoffman-Charme. Absolut authentisch, packend, ein Leinwand-Held. Neben seiner gigantischen Bildungsleistung zieht er nun auch als feiner Schauspieler seine sensationellen Kreise. Unglaublich, toll, beeindruckend. Charismatisch, Seele zeigend, Körpersprachlich beeindruckend, sehr berührend. Wie eine verschmitzte Chaplin-Figur.

Lola Dueñas gehört zum darstellerischen Spitzenpersonal Spaniens. Sie bekam den einheimischen Oscar, sprich Goya, für ihre Rolle der Rosa in "Das Meer in mir" und zählt zum Almodóvar-Ensemble (zuletzt: "Zerrissene Umarmungen"). Dueñas ist hier mitreißend wandlungsfähig, widersprüchlich, ein emotionaler Dauerticker.

Wie sich die Beiden pointiert, ironisch, zärtlich, zerrissen duellieren, ist Kino-Leben-pur. Der Film kann sich melodramatisch international messen: große Gefühle, große Leinwandstärke. Lola Dueñas bekam für ihren Part als Laura im Frühjahr verdientermaßen ihren zweiten Goya als "Beste Schauspielerin".

"Me Too" oder was für ein feiner, intensiver Unterhaltungsfilm! Wunderbar.

Spanien 2009, Regie: Alvaro Pastor, Antonio Naharro, Hauptdarsteller: Pablo Pineda, Lola Dueñas - Länge: 103 Minuten

Filmhomepage "Me too"

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