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Frühkritik | Beitrag vom 05.09.2014

Max-Beckmann-AusstellungDiese Stillleben sind laut!

Der Maler Max Beckmann zertrümmerte mit seinen Bildern traditionelle Vorstellungen von Malerei

Von Annette Schneider

Eine Besucherin betrachtet in der Ausstellung "Max Beckmann - Die Stillleben" in der Kunsthalle in Hamburg das Bild "Großes Fisch-Stillleben" (picture alliance / dpa)
Eine Besucherin betrachtet in der Ausstellung "Max Beckmann - Die Stillleben" in der Kunsthalle in Hamburg das Bild "Großes Fisch-Stillleben". (picture alliance / dpa)

Immer düsterer und bedrohlicher wurden Max Beckmanns Stillleben mit dem heraufziehenden Zweiten Weltkrieg. Der Maler verarbeitete existenzielle Sorgen, Flucht und Verfolgung. In manchen Bildern glaubt man, die Bombennächte zu hören.

Eine ganze Ausstellung mit "Stillleben" - das klingt eher langweilig. Man denkt sofort an die vielen Bilder der alten Holländer, die endlos Früchte und Blumen malten, um zeitlos über Werden und Vergehen zu erzählen. - Nichts davon bei Beckmann!

Stattdessen führt die Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle vor, mit welcher Vehemenz der Maler eben diese traditionellen Vorstellungen des Genres zertrümmert, und es mit Leben füllt. Das ist mitreißend, faszinierend - und alles andere als "still"!

Anfang der 1920er Jahre beginnt er, ihm wichtige Alltagsgegenstände zu malen: Auf Tischen und Fensterbänken liegen seine geliebten Zigarren, ein Saxophon, die Perlenkette seiner Frau, selbstgepflückte Blumen, sowie Bücher und Zeitungen, die die Entstehungszeit der Bilder markieren.

Karin Schick: "Er arbeitet durchaus über Zeit, aber nicht mehr im Sinne der Vergänglichkeit, die uns alle irgendwann erfasst, als undefinierbarer Zeitmoment. Sondern eben durchaus mit dem Zeitmoment, das biografisch ist, aber auch zeitgeschichtlich ist. Und er lebt und arbeitet wie andere Künstler in der Zeit eben in einer außergewöhnlichen Phase."

Zwei frühe, brave Blumenbilder eröffnen die Ausstellung. Und sie endet mit einigen plakativen Stillleben, die zwischen 1947 und 1950 - Beckmanns Todesjahr -, in der New Yorker Emigration entstehen. Dazwischen aber - in den 20er- bis 40er-Jahren - entwickelt Beckmann immer neue Vorstellungen vom Stillleben. Anfänglich beschränkt er sich auf Dinge aus seiner unmittelbaren Umgebung. Dazu gehören auch kleine Tierfiguren aus Holz und Ton, die er mit feinem Pinselstrich malt.

"Er gehört in dieser Zeit ja auch zur Neuen Sachlichkeit. Er wird zu diesen Künstlern gezählt, die in Gegenbewegung zu den deutschen Expressionisten eine neue Klarheit, eine neue Nüchternheit zeigen, und eben nicht mit diesem sehr privaten Gestus zu arbeiten, sondern versuchen, möglichst genau und fast prosaisch an die Welt heranzugehen."

Die verändert sich Ende der 20er Jahre dramatisch. Beckmann reagiert darauf. Seine Stilleben wirken nun zunehmend bedrohlich. 1927 etwa, zu Beginn der Weltwirtschaftskrise, malt er eine italienische Tageszeitung. Darauf legt er drei tote Fische, einer davon ist leuchtend rot. Aus dem schwarzen Bildhintergrund ragt eine Art Kanonenrohr, das direkt auf den Betrachter zielt. 1927 herrscht in Italien Mussolini, linke Kritiker werden verfolgt. Gleichzeitig wirkt die Szene wie eine Vorahnung auf das Kommende in Deutschland.

Unter den Nationalsozialisten gilt seine Kunst als "entartet"

Als die Nazis sechs Jahre später die Macht ergreifen, jagen sie Beckmann aus seiner Frankfurter Professur, erteilen ihm Ausstellungsverbot, seine Kunst gilt als "entartet". 1937 flieht er mit seiner Frau ins Exil nach Amsterdam. Ein Visum in die USA wird ihnen verweigert. Beckmann steckt in einer völlig ungewissen, bedrohlichen Situation.

Karin Schick: "Er lebt unter Bedrängung. Unter Verfolgung. Er lebt im Exil. Er wird emigrieren dann 1947. In den Stillleben sieht man das eben auch. Es gibt in der Zeit viele Formate, die sehr schmale Hochformate sind. Ein gedrängtes Format, in dem das, was er darstellt, von den Außenseiten her beschnitten wird. Wo alles zusammengezogen wird, was Welt ist. Wo man auch diese Bedrängnis spürt."

Überall lauert sie: In klaustrophobisch engen Räumen. In den einst liebevoll gemalten Tierfiguren, die nun zu aggressivem Eigenleben erwachen. Selbst ein kleines Bild, das nur einen winzigen Zimmerausschnitt mit einer Lampe und einem Bücherregal zeigt, wirkt durch seine fahlen Farben unheimlich.

"Dann muss man wissen, dass in dieser Zeit, als er das Bild malt, Amsterdam bei Nacht bombardiert wird, es unglaublich laut ist, und er diese Schlaflosigkeit bekämpft mit nächtlicher Arbeit, mit Lektüre, mit Zeichnen. Man sieht im Prinzip ein Bild der Schlaflosigkeit und des Überlebens."

Eindrucksvoll zeigt die Ausstellung, wie Max Beckmann seine Vorstellungen vom Stilllebens immer weiter entwickelt, um die stets sich verändernde Wirklichkeit fassen zu können. Immer raffinierter verschränkt er dabei auch unterschiedliche Zeit- und Wirklichkeitsebenen, fügt sogar Landschaften und Figuren ein, verbindet Momente von Vergangenheit, Gegenwart und der Hoffnung auf eine friedliche Zukunft. So entstehen berührende Bilder über das Dasein im Exil. Bilder seiner Zeit, die einen auch deshalb so anrühren, weil Krieg und Flucht, Verfolgung und Not noch immer aktuelle Probleme sind.

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