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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 02.08.2012

Massive Überbefriedigung

Die 13. documenta in Kassel - ein Beispiel für die Versupermarktung der Kunst

Von Paul-Hermann Gruner

Das "Limited Art Project" des Künstlers Yan Lei auf der documenta 13 in Kassel
Das "Limited Art Project" des Künstlers Yan Lei auf der documenta 13 in Kassel (picture alliance / dpa - Boris Roessler)

Neue Besucherrekorde, keine Skandale, nur wenig Kritik: Halbzeit der documenta, der Weltkunstschau in Kassel. Unmengen von Geschlauchten sinken täglich auf die Treppen des Friedrichsplatzes. Warum steht das ausufernde Riesenhafte im Glorienschein?

Läuft nicht grade Olympia? Diese größten Spiele aller Zeiten? Schneller, höher, weiter, dicker, größer – und so fort? Exakt. Und ist big nicht beautiful? So dick und groß, dass wir es gar nicht mehr auf deutsch sagen möchten? Exakt, auch das.

Aber, – wird denn nicht soundso alles immer größer? Ist das kleine Lädchen von Tante Emma oder Onkel Fritz nicht so was von lachhaft und gestrig — gegen die Supermärkte, die Super-Supermärkte, die Einkaufszentren, die Riesen-Malls, die landfressenden Raumschiffe des durchkomponierten Alles-inklusive-Konsums auf den grünen Wiesen der Republik?

Und die Städte? Sie wachsen und wachsen doch ins früher kaum Geglaubte. Tokio 30 Millionen, Mexico City, Kairo oder Sao Paolo – 25 Millionen Einwohner. Großstädte werden zu Metropolen werden zu Mega-Citys – und dann gehen uns die Begriffe aus. Noch. Berlin und Umfeld liegen jedenfalls mit 5,5 Millionen schon grotesk abgeschlagen hinten.

Egal – man muss auch in Kleinstädten leben dürfen.

Jetzt zur Kunst. Die documenta 1 von 1955 – Gott hab sie selig – zählte nach 100 Tagen 130.000 Besucher. Eine gewaltige Zahl, bedenkt man die Gästezahlen durchschnittlicher Ausstellungen in durchschnittlichen Galerien in durchschittlichen Städten. Die starke documenta V unter der Ägide von Harald Szeemann lockte 1972 bereit 230.000 Besucher nach Kassel.

Und die aktuelle documenta 13, kuratiert von Carolyn Christov-Bakargiev, hat stramm die 800.000 Gäste im Blick. Ein Halbzeitrekord wurde schon gemeldet: 10.000 Dauerkarten wurden abgesetzt, schon jetzt fast das Doppelte im Vergleich zur gesamten documenta XII. Ein Wahnsinnserfolg?

Warum wird die Versupermarktung der zeitgenössischen Kunst so umjubelt? Warum steht das Riesenhafte, das so ausufert, dass es unter kein Konzept-Hütchen mehr passt und deshalb mit einem Kein-Konzept-Konzept vermarktet wird, im Glorienschein?

Warum findet eine Kuratorin, die ohne Grundorientierung über den Kapitalismus des Wissens, das Wissen von Apfelbäumen, das intuitive Nicht-Wissen-Wollen der Frau, das Wahlrecht für Erdbeeren und die Ermächtigung der Bienen spricht, derart viel Verständnis?

Weil wir inzwischen in Sachen Elitenbildung ausreichend Nehmerqualitäten entwickelt haben? Weil wir beweisen wollen, dass wir alle lieben und endlos gnädig sind? Weil Beliebigkeit inzwischen auch Kunst ist? Also sakrosankt?

Supermärkte entziehen jedem Einzelangebot den Wert. Wenn Habermas 1985 von "Unübersichtlichkeit" sprach, so gilt sie dramatisch ausgeformt für jene gerne auch mal künstlerisch wahllos um sich werfende Show in Nordhessen. Kassel serviert uns nicht allein – ebenfalls mit Habermas – die Erschöpfung der utopischen Energien. Sondern auch jene der physischen.

Die Versupermarktung der Kunst wirkt wie ein Sedativum. Unmengen von Geschlauchten sinken täglich auf die Treppen des Friedrichsplatzes, zum Beispiel. Auch nach Tagen werden sie nicht alles gesehen, erkannt, erfasst und –"geschafft" haben. Das Interesse kapituliert vor seiner massiven Überbefriedigung.

Ach ja, Kunst. Hat die nicht etwas mit Versenkung zu schaffen? Mit der individuellen Auseinandersetzung mit dem Singulären? Der ruhigen Zwiesprache und/oder intensiven Konfrontation von Real- und Gegenwelt?

Nun – das widerspricht dem Phänomen einer Event-Marke wie der "documenta": Big ist nicht beautifiul, sondern wird ein big problem. Merke: Wenn der Event fatales Übergewicht entwickelt, kriegen Wert und Bedeutung der Kunst Bulimie.

Paul-Hermann GrunerPaul-Hermann Gruner (privat)Paul-Hermann Gruner, geboren 1959, ist Politikwissenschaftler und Historiker. Seit Beginn der achtziger Jahre tätig als bildender Künstler mit den Schwerpunkten Montage, Installation und Performance. Seit 1996 in der Redaktion des "Darmstädter Echo", daneben Veröffentlichungen in regionalen und überregionalen Zeitungen, satirische Texte, Buchpublikationen unter anderem zu Sprachpolitik und Zeitgeistkritik.


Mehr zur documenta auf dradio.de:

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