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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.07.2010

"Massive Form von demokratisch geführtem Klassenkampf"

Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik zum Hamburger Volksentscheid gegen die Primarschule

Micha Brumlik im Gespräch mit Ute Welty

Brumlik: Klassenkampf um der Vorteile des eigenen Kindes willen. (AP)
Brumlik: Klassenkampf um der Vorteile des eigenen Kindes willen. (AP)

Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik hat dem Hamburger Senat vorgeworfen, den Widerstand gegen die Primarschule in der Hansestadt unterschätzt zu haben.

Ute Welty: Die sogenannte Primarschule bleibt in Hamburg graue Theorie. Im Volksentscheid hat sich eine deutliche Mehrheit der Wähler dagegen ausgesprochen, dass die Grundschule von vier auf sechs Jahre verlängert wird. Damit würde die Zeit in der weiterführenden Schule und eben auch im Gymnasium verkürzt. Vorangegangen war dem Volksentscheid eine zum Teil sehr emotionale Diskussion mit markigen Sprüchen der Primarschulgegner wie "Hände weg von meinem Kind". Darüber spreche ich jetzt mit Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler an der Uni Frankfurt. Guten Morgen, Herr Brumlik!

Micha Brumlik: Guten Morgen!

Welty: Müssen die Hamburger Eltern noch mal die Schulbank drücken, weil sie nicht kapiert haben, was gut ist für ihr Kind?

Brumlik: Diese Hamburger Eltern, die die Wahl gewonnen haben, die wissen zumindest, was sie glauben, was jetzt für ihr Kind gut ist. Das war eine massive Form von demokratisch geführtem Klassenkampf um der Vorteile des eigenen Kindes willen. Das kann man auch niemandem verdenken. Das Unfaire an der ganzen Sache ist nur, dass jene Kinder, die davon betroffen sind, Eltern haben, die entweder, weil sie Emigranten sind, nicht wählen dürfen, oder weil sie Eltern haben, die aufgrund eigener Unbildung gar nicht willens und in der Lage sind, sich an einem so komplizierten Verfahren zu beteiligen.

Welty: Aber Sie sagen damit doch auch indirekt, die Hamburger haben von der Pädagogik, die gut ist für die Allgemeinheit, keine Ahnung, und zwar auf breiter Front, denn fast 280.000 Stimmen der Ablehnungen, das ist ja kein Pappenstiel.

Brumlik: Sie haben so entschieden, wie das viele Eltern tun im Zweifelsfall. Und wie gesagt, das kann man verstehen, im Zweifelsfall für das, was wahrscheinlich dem Wohl des eigenen Kindes nutzt. Andere Kinder sind dabei offensichtlich aus dem Blick geraten.

Welty: Woran liegt es denn, dass viele Eltern pädagogisches Wasser predigen, aber dann selbst Wein trinken wollen, sprich: Man redet viel über Integration und moderne Lernkonzepte, schickt aber dann sein Kind doch auf eine traditionelle Schule und lässt sich das womöglich auch noch was kosten?

Brumlik: Na ja, wir lesen so viel über neue prekäre Bildungsbiografien, wir lesen so viel darüber, dass Kinder heute den erreichten Sozialstatus ihrer Eltern nicht mehr halten können. Und um all das zu verhindern, klammert man sich jetzt wie ein Ertrinkender an den Strohhalm, an die paar Statusvorteile, die man hat. Und da ist man nun mal der Auffassung, dass das Gymnasium Kinder besser für eine spätere erfolgreiche Berufskarriere vorbereitet. Und zwar deswegen, weil dort einfach weniger andere Kinder sind, von denen man vermutet, dass sie die schnellen Lernfortschritte der eigenen Sprösslinge verhindern könnten.

Welty: Ist das denn so falsch?

Brumlik: Ich glaube, es ist falsch, denn so, wie es in Hamburg geplant war, ging es um einen differenzierenden, individualisierenden Unterricht, bei dem sehr wohl dafür gesorgt sein sollte, dass begabte oder aufgewecktere Kinder auch durchaus entsprechend gefördert wurden. Es war also nicht so, dass man befürchten musste, dass diese Kinder zurückbleiben oder gar nur stagnieren – das Gegenteil ist der Fall. In der Primarschule wäre individuell gefördert worden, und zwar sowohl diejenigen, die etwas langsamer sind, als auch diejenigen, die etwas heller sind in diesem jungen Alter.

Welty: Dann erklären Sie uns allen doch noch mal und besonders den Hamburgern, was spricht für die Primarschule, wenn Länder mit traditionellem Schulsystem wie Baden-Württemberg oder Bayern bei vielen Untersuchungen immer besser abschneiden als Länder, in denen experimentiert wird?

Brumlik: Na, das ist gut untersucht. Baden-Württemberg und vor allem Bayern funktionieren deswegen so gut, weil die Auswahlkriterien für den Besuch einer weiterführenden Schule dort sehr viel härter sind, vor allem in Bayern – und die Bayern gestehen das selbst ein – ist die Vererbung des sozialen Status, das heißt, des niedrigen Status der einen Eltern, des hohen Status der anderen Eltern, ganz besonders hoch. Zumal in Bayern sind diejenigen schulisch erfolgreich, deren Eltern bereits Akademiker sind oder die ein akademisch gebildetes Elternteil haben. Die anderen bleiben dann außen vor. Aber wenn man Länder vergleicht, wird man natürlich auch auf das viel bewunderte Finnland verweisen dürfen, PISA-Wunderland, wo alle Kinder sechs Jahre gemeinsam zur Schule gehen. Und noch niemand hat davon gehört, dass es dort irgendeinem Kind geschadet haben soll.

Welty: Hätte man nicht die Bedenken gegen die Primarschule, also die Verlängerung sozusagen nach hinten raus aufheben können, wenn man nach vorne hin verlängern würde, sprich, wäre es nicht sinnvoller im Sinne der Frühförderung, Vorschule und Grundschule zusammenzulegen? Nirgendwo ist ja so viel Sprachförderung möglich wie im Alter zwischen zwei und vier.

Brumlik: Ja, das ist richtig, das wird jetzt diskutiert, aber klar ist auch, dass das speziell umzusetzen, sehr viel länger gedauert hätte als dieses Konzept der Primarschule. Nun könnte man der Hamburger schwarz-grünen Koalition vorwerfen, in dieser Hinsicht ein wenig zu ungeduldig zu sein beziehungsweise nicht damit gerechnet zu haben, was in dem ja doch sehr bürgerlich geprägten Hamburg da an Widerstand der Reform entgegenschlagen würde.

Welty: Wenn wir noch einmal auf die Hamburger Entscheidung schauen und auf ihre bundesweite Bedeutung, sind damit Schulreformen für die nächsten Jahre ad acta gelegt?

Brumlik: Das glaube ich nicht, weil wir, auch konservative Schulpolitiker, wissen, alleine die demografische Lage dazu zwingt, allmählich auf ein zweigliedriges Schulsystem umzusteigen. Ich glaube allerdings, dass das Hamburger Beispiel jetzt für längere Zeit festklopfen wird, dass es bei der gemeinsamen vierjährigen Grundschule bleiben wird, wird dann aber ein zweizügiges Schulsystem bekommen, Primarschulen, die Haupt-, Realschule und Gymnasialabschluss auf der einen Seite transparent miteinander verbinden, und der sogenannte Turboweg des Gymnasiums.

Welty: Nach dem Hamburger Volksentscheid gegen die Verlängerung der Grundschule im Interview der "Ortszeit" der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik. Ich danke fürs Gespräch, und Sie dürfen jetzt in die erste große Pause.

Brumlik: Ich bedanke mich!

Welty: Einen schönen Tag noch!

Brumlik: Einen schönen Tag!

Interview

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