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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.03.2005

Mary Roach: "Die fabelhafte Welt der Leichen"

Sie wirkten sanft und gutmütig, manchmal traurig, gelegentlich sogar erheiternd. Manche waren wunderschön, einige zerstückelt, andere intakt.

Von der "fabelhaften Welt der Leichen" ist die Rede und dieses Buch ist nichts für schwache Nerven. Auch der muntere Stil hilft da nicht, mit dem die Autorin uns auf ihre Reise in die Welt des Verwesens und Verfallens, Verbrennens und Vergrabens, Sezierens und Mumifizierens einlädt.

Was Sie schon immer über Leichen wissen wollten: Hier erfahren Sie es - und werden sich womöglich beim Lesen fragen, ob Sie es so genau wirklich wissen wollten:

"Vor uns liegt ein Mann mit einem enorm aufgeblähten Rumpf, der an den eines Rindes erinnert. Wie sein Unterleib aussieht, lässt sich kaum sagen, denn er ist so dicht mit Insekten bedeckt, als trüge er ein Kleidungsstück. "

Die Autorin hat Mut. Mit einer trockenen Literaturrecherche gibt sie sich nicht zufrieden. Mary Roach blickt Anatomen aufs Skalpell, Bestattungsunternehmern in den offenen Sarg und Ermordeten tief ins Innere des gärenden Bauchraums. Die "fabelhafte Welt der Leichen" ist eine Fundgrube an Anekdoten und Skurrilitäten: Wir erfahren, dass die Hoden larvenbefallener Männer zu Tennisbällen anschwellen, Henker mit Menschenfett handelten und US-Firmen einen Kompost aus toten Angehörigen entwickeln, mit dem man ein Gedenk-Gärtchen düngen kann.

So gut die Autorin die skurrilen Aspekte ihres Themas recherchiert - eine tiefere Sachkenntnis, was die komplexen Debatten um Bioethik, Hirntod, Transplantationen oder die medizinische Verwendung menschlicher Föten angeht, sucht man vergebens. Das Anliegen der Autorin ist offensichtlich, die Grenzverschiebungen der modernen Medizin populärwissenschaftlich zu unterstützen - Zweifel sind ihre Sache nicht.

Müssen wir Leichen in Testautos zerfetzen, um bessere Airbags zu entwickeln? Natürlich, meint die Autorin. Autofahren ist eine prima Sache, und irgendwie müssen die Kleinen ja heile in den Kindergarten kommen. Müssen NATO-Forscher Tote auf Landminen werfen, um bessere Stiefel für Minen-Räumtrupps zu konstruieren? Aber klar doch, ruft Mary Roach. Dass militärische Defensiv-Forschung immer auch Forschung zur Entwicklung besserer Angriffswaffen ist - in diesem Fall brutalerer Landminen - macht ihr keine Sorgen.

"Die moderne Medizin ist sich im Großen und Ganzen einig in der Annahme, dass die Seele im Gehirn sitzt, dem Oberbefehlshaber über Leben und Tod. "

So lapidar löst Mary Roach die umstrittene Frage, ob der so genannte Hirntod tatsächlich das Ende des menschlichen Lebens markieren sollte - ein Ende, bei dem das Herz noch schlägt und die Körpertemperatur noch immer siebenunddreißig Grad beträgt. Gefühlduselei, würde Mary Roach sagen, denn:

"Wenn sie die Sache rational betrachten, haben die meisten Leute kein Problem mit Hirntod und Organentnahme. Sobald aber Gefühle ins Spiel kommen, tun sich viele schwer damit. "

Und Gefühle können im Weltbild der Autorin offenbar keinerlei Rationalität für sich in Anspruch nehmen.
Erst ganz am Ende ihres Buches ringt sich die Autorin zu nachdenklicheren Tönen durch. Über den Bauchnabel ihrer eigenen Leiche in spe blickt sie auch dann nicht hinaus, aber immerhin schwant ihr:

"Würde ich meine Leiche der Forschung vermachen, müsste sich mein Mann Ed vorstellen, was man auf dem Labortisch mit mir macht. Ed ist zimperlich. Es ist nicht richtig, wenn die Hinterbliebenen etwas tun müssen, das ihnen Unbehagen bereitet. "

Was wir mit unseren Toten tun, das tun wir mit uns selbst. Und eine Gesellschaft, die ihre Toten einem schrankenlosen Zweckrationalismus überantwortet, könnte wenig Hemmungen haben, mit ihren Lebenden genau so zu verfahren. Dänische Bioethiker forderten längst, nutzlose Menschen zu töten, um ihre Organe der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen.
So sieht sie aus: die neue, fabelhafte Welt - und sie ist nicht ganz so lustig, wie Mary Roach uns weismachen möchte.

Mary Roach: Die fabelhafte Welt der Leichen
Aus dem Amerikan. von Michaela Grabinger
DVA, München 2005
349 Seiten

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