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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.01.2016

Mary McCarthy: "Die Clique"Sittenbild des amerikanischen Mittelstands

Von Gabriele von Arnim

Die amerikanische Schriftstellerin Mary McCarthy (u.a. "Die Clique") wird nach ihrer Ankunft auf dem Münchener Flughafen am 6. Juli 1971 von ihrem deutschen Verleger Willi Droemer begrüßt. Sie wurde am 21. Juni 1912 in Seattle (Washington) geboren und ist am 25. Oktober 1989 in New York gestorben. (dpa / picture alliance / Parschauer)
Die amerikanische Schriftstellerin Mary McCarthy wird 1971 bei ihrer Ankunft auf dem Münchner Flughafen von ihrem deutschen Verleger Willi Droemer begrüßt. Ihr 1963 erschienener Roman "Die Clique" hatte sie berühmt gemacht. (dpa / picture alliance / Parschauer)

Das Buch "Die Clique" hat Mary McCarthy 1963 berühmt gemacht: Es zeigte Frauen zwischen Konvention und Aufbruch. Zugleich war der Roman schon aufgrund seiner ungeschminkten Sexszenen ein Skandal. Nun ist der Roman erneut auf deutsch erschienen. Aktuell ist er allemal.

Als Mary McCarthy's Roman "Die Clique" 1963 in den Vereinigten Staaten erschien, wurde die als scharfzüngige Literatur- und Theaterkritikerin bekannte und gefürchtete Intellektuelle mit einem Schlag berühmt. Die Leser waren begeistert, schockiert und zahlreich.

Zwei Jahre lang stand "The Group" auf der Bestsellerliste der New York Times, wurde von Sidney Lumet verfilmt und in zahlreiche Sprachen übersetzt.

McCarthy begleitet in ihrem dickbändigen Roman acht Mädchen der Jahrgangsklasse 1933 des renommierten Vassar College hinein in ihr Leben.

Sie sind jung, hübsch, neugierig und nicht bereit, die typischen Frauenwege ihrer Mütter zu gehen. Die meisten von ihnen stammen aus gut situierten Familien, wenn manche auch gebeutelt wurden durch die Folgen der Weltwirtschaftskrise.

Sie suchen ihre eigenen Wege, finden eher Männer als Karrieren, sind Snobs oder mitfühlende Wesen, arbeiten trotz College Abschluss als Verkäuferinnen oder Laborantinnen. Eine wird eine bekannte Literaturagentin, eine andere lernen wir in erster Linie durch die Beobachtungen des Butlers der Familie kennen. Die eleganteste von ihnen, eine Kunsthistorikerin,  segelt nach Europa und kommt viele Jahre später mit 32 Koffern und einer französischen Baronin als Geliebte in die Vereinigten Staaten zurück.

Sittenbild der dreißiger Jahre

Das Buch ist ein fulminantes Sittenbild der damaligen Jahre. Als Frauen zwischen Konvention und leisem Aufbruch mäanderten. Und es ist ein Rundumschlag, den McCarthy hier wonnevoll zelebriert, indem sie die Gesellschaft politisch und soziologisch, mit dem ihr eigenen scharfen Blick durchleuchtet.

Es werden so "heilige" Themen wie Geburtenverhütung, Mutterschaft,  Bestattungsrituale oder Psychoanalyse mit fein gespitzter Feder und leicht giftiger Tinte beschrieben. Es werden die Gesellschaftsdamen, die Aufsteigerinnen, die neuen Wissenschaften, die politischen Moden lächerlich gemacht, wenn McCarthy engstirnigen Eifer wittert.

So malträtiert ein Kinderarzt seine Frau mit seinem "modernen" Wissen und zwingt sie, ihr Baby in präzisen Zeitabständen zu füttern, ganz gleich, wie lang und kläglich und hungrig es schreit zwischendrin. Während eine andere aus der Vassar Clique ihren Geliebten an ein Duo Infernale verliert - bestehend aus der Gattin des Liebhabers und dem Psychiater, den McCarthy mit Biss und Witz parodiert.

Von Entjungferung bis Seitensprung - Sex schamlos kühl beschrieben

Vor allem war das Buch aber auch ein Skandal. Denn McCarthy hatte nicht die geringste Scheu, wie es eine Kritikerin schrieb, vor der Physiologie. In anderen Worten: Sex wird so schamlos kühl wie genau beschrieben. Von der Entjungferung bis zum Seitensprung. Und das war auch im Erscheinungsjahr des Buches – 1963 -  noch eine Sensation.

Einiges mag  autobiographisch grundiert sein und natürlich wüteten manche der Vassar Jahrgangskolleginnen, weil sie sich ausgenutzt und ausgestellt fühlten.

Manche Kritiker fanden das Buch eher soziologisch denn literarisch bemerkenswert. Norman Mailer schrieb einen fast denunziatorischen Verriss. Und in der Tat spürt man die herrschsüchtige Kontrolle der Autorin über ihre Figuren, die sich kaum eigenständig entwickeln können und immer wieder zu unklar konturiert bleiben. Als seien McCarthy ihre Themen und deren Analyse wichtiger gewesen als ihre Figuren.

Und doch liest sich "Die Clique" auch jetzt – nach so vielen Jahren – lebendig und amüsant und zeigt zugleich, dass die weibliche Emanzipationsgeschichte noch lange nicht abgeschlossen ist.

Mary McCarthy: "Die Clique"
Aus dem Amerikanischen von Ursula von Zedlitz
Verlag ebersbach & simon,  Berlin 2015
524 Seiten, 22 Euro 

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