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Thema / Archiv | Beitrag vom 03.04.2009

Mary C. Joyce: Straßenwahlkampf auch im Internetzeitalter wichtig

Obamas Online-Wahlkampfmanagerin sieht Web 2.0 als Mittel gegen Politikverdrossenheit

Mary C. Joyce im Gespräch mit Joachim Scholl

Screenshot der Webseite "barackobama.com" (barackobama.com)
Screenshot der Webseite "barackobama.com" (barackobama.com)

Barack Obama hat im Wahlkampf für die Präsidentschaft sich auch der modernen Mittel des Internets wie Blogs und soziale Netzwerke bedient. Geholfen hat ihm dabei Mary C. Joyce, die die Online-Kampagne leitete. Durch das Internet habe man mehr Menschen zu aktiver Teilhabe am Wahlkampf begeistern können. Dennoch seien die erprobten Mittel wie Plakate und Klinkenputzen auch heute noch immens wichtig.

Scholl: Als der Wahlsieg von Barack Obama im letzten Herbst feststand, da empfingen auch viele Menschen in Deutschland auf ihren Handys oder Computern diese E-Mail: "Thank you for your support. Barack. - Vielen Dank für die Unterstützung!" Dass dies möglich war, daran hat auch Mary C. Joyce mitgearbeitet. Die inzwischen 28-jährige Amerikanerin gehörte zum Online-Wahlkampfteam von Barack Obama. Willkommen im "Radiofeuilleton" von Deutschlandradio Kultur, Mrs. Joyce.

Mary C. Joyce: Thank you!

Scholl: Früher haben Wahlkampfhelfer Plakate geklebt, sind auf den Straßen paradiert, haben an Haustüren geklingelt und am Telefon gesessen. Bei Ihrem New Media Team stellt man sich unwillkürlich einen Raum vor, vollgestopft mit Computern und vielen jungen Menschen mit Headsets. War das so?

Joyce: Das ist ganz richtig. Man kann allerdings nicht sagen, dass wir alle Headsets tragen, aber es gibt natürlich viele PCs da in diesem Raum. Man kann allerdings auch nicht sagen, dass die alten Methoden komplett überholt sind und nicht mehr benutzt werden. Und alles, das gut funktioniert, wird auch weiterhin benutzt. Zum Beispiel Grafikdesign ist sehr wichtig, nicht nur auf der Website, sondern auch auf Plakaten, Postern. Wir haben auch Straßenteams zusammengestellt von jungen Leuten. Wir gehen auch immer noch von Tür zu Tür, was immer noch wichtig ist, allerdings mit Internetunterstützung. Die Leute können sich dann online eintragen und anmelden und es werden E-Mails verschickt. Wir vergessen die alten Methoden also nicht vollständig.

Scholl: E-Mails, SMS, Blogs, das Netzwerk, "My B.O. - My.BarackObama", das waren die digitalen Mittel und Instrumente, die in Ihrem Team eingesetzt wurden. Haben Sie damals, als Sie zu dem Team stießen, Mrs. Joyce, schon geahnt, was für eine große Energie so ein Online-Wahlkampf entfalten könnte?

Joyce: Also ich würde nicht sagen, dass diese Online-Kampagne selbst so viel Energie produziert hat, sondern dass sich dadurch die Leute mit der Kampagne in Verbindung setzen konnten und daran anknüpfen konnten. Natürlich war Barack Obama jemand, der die Leute sehr inspiriert hat und durch das Internet sind die Leute ihm nun näher gekommen. Und früher war das nur möglich, wenn es vielleicht dann ein Kampagnenbüro in der jeweiligen Stadt gab. Wenn es das nicht gab, dann konnte man eigentlich nicht viel machen. Also das Internet und soziale Netzwerke wie "my.barackobama" haben da viel geholfen, E-Mails, Blogs natürlich, dass sich die Leute auch von der ganzen Welt aus, auch von Deutschland aus, damit in Verbindung setzen können.

Scholl: Ganz entscheidend war der Übergang in die Web-2.0-Phase, also die Interaktion unter den Wählern, die eigenen Plattformen gründeten und Wahlaktivitäten selbstständig entfalteten. Inwieweit hat man da als Wahlkampfteam eigentlich noch Einfluss, man kann das doch gar nicht mehr so recht kontrollieren dann?

Joyce: Ja, also das ist eine Frage, die mir während meiner Zeit in Deutschland viel gestellt wurde, dass es eben eine Herausforderung sei, nicht die Kontrolle zu verlieren, insbesondere angesichts des Web 2.0. Ja, ich kann sagen, es ist eine Herausforderung, zum Beispiel wenn man eben Blogs von Unterstützern hat, die etwas auf der eigenen Website veröffentlichen, dann könnten die ja etwas Unangenehmes da hineinschreiben. Wir haben allerdings gemerkt, dass wenn wir den Leuten die Möglichkeit geben, teilzuhaben an der Kampagne, dass sie dann viel aktiver sind, dass dann diese Apathie, diese Verdrossenheit verloren geht und es viel mehr Unterstützung gibt. Also es gibt eine Gefahr, aber eher im positiven Sinne.

Scholl: Sie haben einmal geschrieben: Das Internet ist cool, aber verliere nicht den Fokus. Was meinen Sie damit? Dass man sich im Internet leicht verzettelt?

Joyce: Da habe ich gemeint, dass es oft so ist, dass man zunächst in einer Kampagne erst mal die Tools, die Instrumente sich auswählt und danach eine Strategie entwickelt, zum Beispiel dann über Blogs und SMS. Und ich meine aber, man muss erst einmal das Ziel einer Kampagne festlegen, ob das nun Menschenrechtskampagnen sind oder politische Kampagnen, und dann das Instrument wählen. Und das war eigentlich die größte Lehre oder Schlussfolgerung, die ich in meiner Barack-Obama-Kampagne gezogen habe.

Scholl: In Europa wird gerne gesagt, Obama sei der erste Internet-Präsident, er habe die Wahl auch durch das Internet gewonnen. Was glauben Sie, wie groß war der Einfluss des Mediums und Ihre Arbeit für den Erfolg?

Joyce: Ja, ich denke, wir hatten da einen Einfluss in zweierlei Hinsicht. Zum einen konnten wir viel mehr Leute mobilisieren, die sich dann eben engagieren konnten und eben direkt partizipieren konnten. Andererseits war es wichtig, dass wir auch eben Online-Fundraising hatten und wir uns nicht nur auf einige wenige reiche Spender verlassen mussten - das ist traditionellerweise so in den Vereinigten Staaten -, sondern wir konnten eben alle Amerikaner erreichen, da alle eben Zugang zum Internet haben und auch kleine Spenden zur Verfügung stellen konnten. Das bedeutet dann, dass wir viel wettbewerbsfähiger wurden und in allen Medien Werbung machen konnten, also im Radio, im Fernsehen. Und das waren die wichtigsten beiden Punkte.

Scholl: Mary C. Joyce hier im Deutschlandradio Kultur, sie gehörte zum Online-Wahlkampfteam von Barack Obama. Sie arbeiten nun bei der Nichtregierungsorganisation Digi Active, die vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern politische Aktivisten mit den Möglichkeiten digitaler Technik vertraut macht. Wie müssen wir uns diese Arbeit vorstellen?

Joyce: Ja, also "Digi Active" ist eine Organisation, die ich mit begründet habe, und ich habe das bereits vor der Kampagne für Barack Obama getan. Dann war ich eine kurze Zeit weg und bin wieder zurückgekehrt. Und das Ziel ist es, wirklich Leute an der Basis, auf Grassroots-Ebene zu mobilisieren für die digitalen Technologien. Es geht dabei insbesondere um kostenfreie Instrumente, Tools wie soziale Netzwerke, Blogs, SMS, YouTube und wie die Leute das benutzen können, um eben eine Veränderung in Gang zu bringen.

Scholl: Ist das Internet ein Medium der politisch Schwachen, ein Werkzeug für mehr Basisdemokratie? Was würden Sie sagen?

Joyce: Ja, also der Wert des Internets für diese Basisebene ist es, dass man eben kein Geld braucht, um eine Nachricht oder eine Botschaft zu verbreiten und um etwas ins Leben zu rufen. Und das ist sehr interessant, denn in der Vergangenheit brauchte man ja für die Kommunikation Kapital, um eben einen Radiosender, einen Fernsehsender oder eine Zeitung einzurichten. Und heute braucht man eigentlich nur eine Website - natürlich auch ein bisschen mehr, aber das ist die Grundlage. Und man kann eben nicht nur etwas in die Welt aussenden, sondern man kann auch mit den Leuten interagieren. Und das Ganze funktioniert auf sozialer Ebene. Daher denke ich, das Internet ist durchaus nützlich.

Scholl: Wird die Zukunft politischer Kommunikation rein digital sein, werden die alten Medien - das Radio, das Fernsehen, die Zeitung - irgendwann doch irrelevant?

Joyce: Ja, also ich bin der Meinung, dass die Medien sich in einer konstanten Entwicklung befinden. Also man kann jetzt keinen Schwarzweiß-Unterschied zwischen alten und neuen Medien machen. Die ganze Medienlandschaft verändert sich natürlich, insbesondere in den Vereinigten Staaten müssen immer mehr Zeitungen dicht machen. Und ja, vielleicht gibt es die dann auch in der Zukunft nicht mehr. Ich kann allerdings nicht sagen, dass alles digital werden wird. In zehn Jahren hat man vielleicht eine ganze andere Medienlandschaft, viel mehr über Internet, über Handys, oder vielleicht wird auch etwas ganz Neues erfunden.

Scholl: Wenn Sie an Ihre Zeit nun im Obama-Online-Team zurückdenken, Mrs. Joyce, was ist Ihnen am meisten in Erinnerung geblieben?

Joyce: Also etwas, an das ich mich erinnern kann, ist, dass wir wirklich sehr, sehr hart gearbeitet haben. Die Leute von außen haben immer gedacht, na ja, das ist ja alles von großer Inspiration getragen, wir haben so ein schönes grafisches Design und die tollen Reden von Barack Obama. Aber ich erinnere mich einfach nur an Arbeit, Arbeit, Arbeit. Und es ging eben sehr viel um Daten, um Ziele, um Ergebnisse. Und eigentlich hatten wir eine große Arbeitsmoral, und deswegen haben wir auch am Ende gewonnen. Ich habe zuvor nie in einem Unternehmen gearbeitet, aber für uns war das wirklich wie Business.

Scholl: Und dann am Tag des Triumphes, how did you feel?

Joyce: Ja, am Tag des Triumphes war es so, dass ich eben draußen war in einem Büro in Pennsylvania, das ist einer der sogenannten Swing-Staaten, die eben in die eine oder andere Richtung gehen könnten. Und da waren wir mit dem Team unterwegs und sind von Tür zu Tür gegangen und haben die Leute gefragt: Haben Sie auch gewählt? Und am Ende des Tages haben wir uns dann alle in einer Gewerkschaftshalle getroffen und haben dort Fernsehen geschaut. Und da haben wir dann plötzlich festgestellt, jetzt ist ja alles vorbei. Und das war eigentlich ein großer Schock für alle, denn früher und üblicherweise auch im Jahr 2000 hat das alles Stunden und Tage gedauert, und jetzt war alles ganz plötzlich vorbei. Und das war wirklich schwer zu glauben für viele, dass er dann wirklich gewonnen hatte.

Scholl: Werden Sie in drei Jahren wieder für die Wiederwahl von Barack Obama online streiten?

Joyce: Definitely!

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