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Studio 9 | Beitrag vom 05.01.2016

Martine Zikria - afghanische SchauspielerinDer Film als friedliche Waffe

Von Tina Hüttl

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Muslimischen Opferfest in Kabul (picture alliance / dpa / Foto: S. Sabawoon)
Tauben fliegen in der afghanischen Hauptstadt Kabul in die Luft - Kabul ist Schauplatz des Films Utopia (picture alliance / dpa / Foto: S. Sabawoon)

"Utopia" hat es auf die Longlist als "bester fremdsprachiger Film" bei der Oscarverleihung geschafft. Gedreht und produziert wurde der Film in Afghanistan. Die afghanische Produzentin und Hauptdarstellerin Martine Zikria erzählt von den Widerständen, die ihr begegnet sind.

Fototermin in der Gewölbehalle der Technischen Uni Berlin: Es gilt 100 Jahre deutsch-afghanische Freundschaft zu feiern. Hinter von zwei Polizisten bewachten Türen tagen 40 - 50 Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Medien - Deutsche und Afghanen – ihr Thema: Experiencing Afghanistan in a New Way – wie kann man Afghanistan neu betrachten?

Auch Martine Zikria ist aus Kabul angeflogen, eingeladen vom Auswärtigen Amt – als eine Art Kulturbotschafterin. Die Hauptdarstellerin und Produzentin des Films "Utopia" steht nun lächelnd in der Bildmitte des Gruppenfotos - in Jeans und Pulli, die langen Haare zum Zopf gebunden, die großen Augen noch größer geschminkt.

Ein Kopftuch zu tragen, wie zwei der wenigen afghanischen Frauen, die nach Berlin gekommen sind, passt nicht zu Zikria. Auch sonst entspricht sie nicht dem Bild einer Afghanin: Sie ist Single und mietet in Kabul alleine eine Wohnung – in Afghanistan eigentlich undenkbar:

Martine Zikria: "Junge Mädchen um die 25 haben regelrecht Angst, unverheiratet zu sein. Eine Frau kann nicht als Single in Afghanistan leben. Ich mache es, es ist meine Wahl. Manchmal trage ich aber doch einen Ring, weil es einfacher ist die Leute glauben, ich hätte einen Verlobten. Ich habe Glück, ich komme aus einer Familie, wo ich akzeptiert werde. Aber natürlich würde es auch meine Mutter lieber sehen, wenn ich Mann und Kinder hätte – aber ich sage immer zu ihr: Ich bin mit meinem Job verheiratet."

In Kabul geboren, dann im Exil in Frankreich, kehrt sie 2005 mit Ende 20 in ihr Land zurück. Denn wer - wenn nicht junge, gut ausgebildete Leute wie sie - sollen das Land aufbauen? In Paris hat sie Zahntechnik, dann Business Administration studiert. In Kabul dann aber vor zwei Jahren eine Produktionsfirma für Dokumentarfilme und Radiofeatures gegründet. Sie will Geschichten aus ihrem Land erzählen, besonders die der Frauen.

Als beste Schauspielerin beim Asia-Pacific Film Festival ausgezeichnet

Den Film Utopia hat sie nicht nur mitproduziert, sondern sie spielt auch die Hauptrolle. Eine Frau, deren Mann wegen des Krieges gelähmt und zeugungsunfähig ist, will unbedingt ein Kind. Dafür geht sie viele Risiken ein, reist bis nach Schottland, um sich in einer Klinik künstlich befruchten zu lassen. Ein junger Medizinstudent, dessen Vater in Afghanistan als Offizier viel Unheil angerichtet hat, vertauscht dort absichtlich den Spendersamen mit seinem eigenen. Janan, die Frau, erfährt dies zu ihrem Entsetzen zu spät.

Auf dem Weg zur Unimensa, wo sie mit der deutsch-afghanischen Delegation Mittag isst, erzählt Martine Zikria, wie die Besetzung der Hauptrolle ablief:

"Ich habe drei Hauptdarsteller gesucht – zwei Männer und eine Frau. Männer konnten wir finden, obwohl einer nicht zum Casting auftauchte, ihm war das Thema zu heiß. Aber Frauen - wir haben ohnehin nicht viele Schauspielerinnen in Afghanistan – zwei höchstens drei -waren schwer zu finden. Eine war zu jung, eine andere nicht geeignet, also sagte ich: Ich kann sie spielen – ich fühle sie und so wurde aus mir Janan, eine sehr starke Frau."

Sie, die bis dahin nie vor der Kamera gestanden hatte, ist gerade mit Utopia als beste Schauspielerin beim Asia-Pacific Film Festival ausgezeichnet worden.

"Es ist ein Tabuthema. Als ich das Drehbuch dem afghanischen Filmboard vorlegte, sagten sie: Das akzeptieren wir nicht und weigerten sich, uns eine Drehgenehmigung in Afghanistan zu geben. Erst als ich zum Kulturminister persönlich rannte und bei ihm und seinem Stellvertreter vorsprach – bekamen wir die Genehmigung."

Das war erst der Anfang von vielen Problemen während der Dreharbeiten. In Afghanistan zu filmen, erzählt sie bei einem Teller Spaghetti Bolognese in der Mensa, sei alles andere als einfach. Die Menschen fürchten die Kamera wie Waffen. Jeder Film sei ja auch tatsächlich eine Waffe – nur eine friedliche.

Ein neues Bild von Afghanistan schaffen. Im Symposium wird nach der Mittagspause darüber geredet – wie es aussehen kann. Martine Zikria macht und lebt es. Es ist nicht einfach, aber auch nicht unmöglich.

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