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Buchkritik | Beitrag vom 07.01.2016

Martin Walser: "Ein sterbender Mann"Warum man die letzte Kurve kratzen will - oder auch nicht

Von Jörg Magenau

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Der Schriftsteller Martin Walser (dpa / picture alliance / Patrick Seeger)
Der Schriftsteller Martin Walser: Das Schreiben an die Romanfigur abgetreten (dpa / picture alliance / Patrick Seeger)

Wegen eines Verrats will Theo Schadt, Hauptperson in Martin Walsers neuem Buch, Selbstmord begehen. Doch dann tritt eine Frau auf, und alles ist anders. In "Ein sterbender Mann" variiert Walser sein großes Thema: Liebe und Leben.

Am Anfang steht ein Verrat. Und dann der Entschluss, nicht länger leben zu wollen in einer Welt, in der so etwas möglich ist. Der Verratene heißt Theo Schadt, trägt also Gläubigkeit und Bedauern schon im Namen. Als Sohn eines Erfinders ist er mit Patenten, medizinischen Produkten, einer Werbefirma ("Der Verschönerer"), vor allem aber als Autor von Ratgebern reich geworden. Jetzt steht er vor dem Nichts und loggt sich in ein Suizid-Forum ein, um von anderen "irreversibel" Sterbeentschlossenen zu erfahren, wie man die letzte Kurve kratzt.

Der Lyriker Kroll schreibt Gedichtbände mit Titeln wie "SeinsRiss"

Verraten hat ihn der Lyriker Carlos Kroll, der Mensch, dem er am meisten vertraute. Kroll, der so genialische wie erfolglose Gedichtbände mit Titeln wie "SeinsRiss" oder "Lichtdicht" schreibt, gab entscheidende Informationen an einen Konkurrenten weiter, was zum sofortigen Ruin der Firma des 72 Jahre alten Helden führte.

Aber das ist nur der Anfang der Geschichte, denn Theo Schadt lernt im Internetforum zunächst eine Todeskandidatin mit dem Decknamen "Aster" kennen, die ihn in ihrer düsteren Entschlossenheit und Unnahbarkeit fasziniert. Im wirklichen Leben, im Tango-Utensilien-Geschäft seiner Frau Iris in der Münchner Innenstadt, erscheint ihm die Frau schlechthin, Sina, ein lichtumglänztes, mittelmeerisches Wesen, das ihn dann doch wieder hineinzieht ins Leben.

Denn was wäre das Leben anderes, besseres, als die Erfindung der Liebe als einer Möglichkeit und des Liebens als bewegender, antreibender Kraft?

Das war schon immer das große Thema Martin Walsers. In den vorigen Romanen variierte er es in der Konstellation des alten, verheirateten Mannes, der sich in eine jüngere Frau verliebt und (vergeblich) versucht, alle widerstreitenden Empfindungen in eine lebbare Balance zu bringen. Das gilt auch für "Ein sterbender Mann" – doch in der zum Tod hin zugespitzten Unausweichlichkeit hat Walser sein Thema weiter radikalisiert. Mit der Todessehnsucht und dem Liebesbegehren wächst auch der Lebenswunsch.

Walser will die Dinge schöner machen als sie eigentlich sind

Die Dinge (und Menschen) schöner zu machen als sie wirklich sind, ist das schriftstellerische Credo Martin Walsers. Das hat nichts mit Schönfälscherei und billigem Trost zu tun. Schmerz, Leid und Vergeblichkeit gehören immer dazu.

Walser lässt seinen Romanhelden geradezu aufbegehren gegen das Schönheitsdogma, beginnt der Roman doch mit dessen Brief an den "Herrn Schriftsteller" und dem Einspruch gegen die gnadenlose Haltung, dass es mehr als schön nicht geben könne. Was sollte einer wie Theo Schadt auch dazu sagen, der mit vorstehenden Zähnen und spitzem Kinn und nicht gerade mit Schönheit geschlagen ist? (Dass er als PR-Experte durchaus auch an der Weltgesamtverschönerung arbeitet, ist eine kleine Pointe nebenbei.)

Es gibt keinen übergeordneten Erzähler, nur Briefe, Emails, Berichte, Einträge

Walsers Antwort ist so einfach wie überzeugend: Er tritt das Schreiben an seine Figur ab. Er macht aus ihm einen Schreibenden, der sich die Welt und damit auch sich selbst schöner macht, als sie ist. "Ein liebender Mann" könnte dieser Roman mit größerem Recht heißen, aber der Titel war in Walsers Oeuvre schon vergeben. Alles in diesem Buch ist "geschrieben". Es gibt keinen übergeordneten Erzähler, nur Briefe, Emails, Einträge ins Internetforum, Berichte. Nicht nur Theo Schadt kommt dabei zu Wort, sondern auch die (mehr oder weniger imaginären) Frauen um ihn herum, die alle mit einem Blumennamen ausgestattet sind.

Thekla Chabbi, der Walser in einer Annotation ausdrücklich für ihre Mitarbeit dankt, hat die von Sina geschriebenen Passagen –unter anderem einen eindrucksvollen Algerien-Reisebricht – beigesteuert. So handelt dieser an überraschenden Einsichten, Schönheiten und Radikalität reiche Roman nicht nur vom Lieben und vom Schreiben, sondern ist zugleich auch ein wirkliches, wagemutiges Schreib-Experiment. Wer wissen will, warum es sich zu leben lohnt, obwohl das schmerzlich und am Ende zweifellos tödlich ist, der sollte dieses Buch lesen.

Martin Walser: Ein sterbender Mann
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2016
288 Seiten, 19,95 Euro

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