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Buchkritik | Beitrag vom 05.02.2016

Martin Mittelmeier: "Dada. Eine Jahrhundertgeschichte"Sinn im Nonsens auflösen

Von Helmut Böttiger

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Die Titelseite der Arbeiter Illustrierten Zeitung (AIZ) mit der Fotomontage "Mimikry" aus dem Jahr 1934 von John Heartfield in einer Kölner Ausstellung. (picture alliance / dpa / Foto: Oliver Berg)
Die Titelseite der Arbeiter Illustrierten Zeitung (AIZ) mit der Fotomontage "Mimikry" aus dem Jahr 1934 von John Heartfield in einer Kölner Ausstellung. (picture alliance / dpa / Foto: Oliver Berg)

Der Auftritt Hugo Balls 1916 im Zürcher Cabaret Voltaire markierte den Beginn von Dada. Sich jeglichem Sinn zu verweigern, das war die radikale Botschaft. Martin Mittelmeier wirft in "Dada. Eine Jahrhundertgeschichte" auch Schlaglichter in die Gegenwart.

Martin Mittelmeiers "Jahrhundertgeschichte" wirkt äußerst aktuell. Dabei war "Dada" einst, mitten im Ersten Weltkrieg, eine radikal neue Botschaft. So etwas wurde damals zum ersten Mal überhaupt gedacht: sich allen Zusammenhängen und Sinnzuweisungen verweigern, alle Vorgaben an die Kunst in vermeintlichen Nonsens aufzulösen, auf das gesellschaftliche Chaos also adäquat zu reagieren. Es gab im Lauf der nächsten Jahrzehnte dann etliche Gelegenheiten, auf das dabei entwickelte Formen- und Begriffsarsenal zurückzugreifen.

Das deutsche Kaiserreich war keineswegs "die gute alte Zeit". Die Lebensbedingungen waren einem radikalen Wandel unterworfen. Die Industrialisierung schritt mit immenser Geschwindigkeit voran, die Architektur der Städte, die beruflichen Tätigkeiten änderten sich gewaltig. Ratlosigkeit, Überforderung und Erschöpfung macht Mittelmeier als wesentliche Momente des damaligen Lebensgefühls aus. Der Vorläufer des heutigen "Burn-out"-Gefühls war die um 1900 heftig grassierende "Neurasthenie". Und eine beunruhigende Unübersichtlichkeit kann umschlagen in Radikalität und Aggressivität, so "dass junge Leute sich fanatisieren und in einen Krieg ziehen" – bei manchen Parallelen wird man durchaus nachdenklich.

Enorme Spannweite zwischen Kurt Schwitters und George Grosz

Mittelmeier stellt den epochemachenden Auftritt Hugo Balls 1916 in seinem kubistischen Kostüm, in dem er sich kaum bewegen und nicht gehen konnte, ins Zentrum. Seine Lautverse karikierten jeglichen Anspruch auf vordergründige Verständlichkeit. Das Buch stellt in assoziativen, schlaglichtartigen Bildern die verschiedenen Erscheinungsformen von Dada und um Dada herum nebeneinander: die Collage-Form in der Kunst, die eine enorme Spannweite zwischen Kurt Schwitters und George Grosz hervorbringen konnte, den sinnlich aufgeladenen oder esoterisch dunklen Tanz der Lotte Pritzel-Puppe über den Monte Verità bis zu den sexuellen Provokationen einer Emmy Hennings.

Dass Dada immer schon aufhörte zu existieren, wenn Dada verkündigt wurde, ist eine bleibende Paradoxie – man lehnte ja feste Strukturen ab. Man zerstritt sich auch ständig und definierte das dann als Öffentlichkeitsarbeit. André Breton machte in Paris den Surrealismus daraus.

Dada stand für Exzesse in der Kunst

Augenzwinkernd streut der Autor kleine Seitenverweise etwa auf Christoph Schlingensief, Thomas Kling oder sogar Peter Handke ein: Vieles, was heute zum Formen-, Provokations- und Zeitgeist-Kanon gehört, wurde damals erprobt, unter oft zweifelhaften und prekären Umständen. Dass der "Oberdada" Johannes Baader, der umtriebig-wichtigtuerische Richard Huelsenbeck oder der durchgeknallte Raoul Hausmann nicht unbedingt sympathisch erscheinen, kommt nicht von ungefähr. Die Moderne hat etwas durch und durch Zwiespältiges. Und dass aus dem ekstatischen, rauschhaften Leben, aus den Exzessen der Kunst heraus plötzlich auch die Figur des Priesters und des Verkünders auftauchen kann, erscheint einem nach der Lektüre dieses Buches ziemlich schlüssig. Wir sind, ob wir wollen oder nicht, alle Dada. Es kommt darauf an, was man daraus macht.

Martin Mittelmeier: Dada. Eine Jahrhundertgeschichte
Siedler Verlag, München 2016
271 Seiten, 22,99 Euro

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