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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 07.11.2006

Markieren, kopieren, einfügen

Der Kampf gegen Plagiate wird jetzt auch elektronisch geführt

Von Roland Krüger

Einfaches Kopieren macht die Arbeit zwar leichter, gefährdet aber den Studienplatz (AP)
Einfaches Kopieren macht die Arbeit zwar leichter, gefährdet aber den Studienplatz (AP)

Es ist so einfach, aber eben auch verboten: Wer für seine schriftlichen Arbeiten an der Universität Texte anderer kopiert und nicht als Zitat kennzeichnet, riskiert die Exmatrikulation. Und da in Zeiten des Internets der Diebstahl geistigen Eigentums immer leichter wird, haben sich auch die Universitäten etwas einfallen lassen, um Betrügern besser auf die Spur zu kommen: Mit Hilfe einer speziellen Software werden Texte auf Plagiate hin untersucht.

Die Versuchung ist groß und plagt nicht nur Studenten. Morgen soll die schriftliche Arbeit fertig sein, und der Student X hat eine Menge Bücher zum Thema gelesen und im Internet Dutzende von Texten gefunden. Schöner kann X es auch nicht formulieren, was liegt da eigentlich näher, als mit der Maus zu markieren, was ihm gefällt und das Markierte mit dem Kopierbefehl in die eigene Arbeit, na sagen wir mal: einfließen zu lassen. Allerdings soll es so aussehen, als hätte X selbst diese guten Ideen gehabt. Muss der Professor ja nicht wissen, dass der Text nicht auf dem eigenen Mist gewachsen ist. Außerdem ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass der Professor selbst irgendwann auf diese Quelle stoßen könnte, das Internet ist doch so groß.

Peter Hartig ist Student an der Humboldt-Universität in Berlin. Nein, er ist kein Plagiator wie Student X, aber er weiß, dass es schwarze Schafe gibt. An jeder Uni, und sicher auch in jedem Fachbereich. Das liegt schon allein daran, dass heutige Studenten wirklich sehr viele schriftliche Arbeiten einzureichen haben:

"Die Versuchung ist auf jeden Fall größer, weil die Frage des Ablieferns von Texten, der Druck innerhalb des Studiums, zum Beispiel in einem Bachelor Studiengang wöchentlich ein Exzerpt von zwei oder drei Seiten abliefern zu müssen, baut einen sehr hohen Arbeitsdruck auf die Studierenden auf, der noch keinen Lerneffekt birgt, sondern nur ein Wiederkäuen der besuchten Veranstaltung darstellt, und wenn da keine Ausbildung in wissenschaftlichem Arbeiten vorher geschehen ist, dann ist natürlich die Versuchung sehr groß, bestimmte Sachen wieder zu verwenden, bei anderen Leuten auch abzuschreiben, die ja nicht falsch sind, auch ein Plagiat wird ja vorher gelesen von demjenigen, der es kopiert."

Hinzu kommt, dass Abschreiben technisch deutlich einfacher geworden ist. Markieren, kopieren, und einfügen sind wenige Bewegungen mit der Computer-Maus und nicht mehr als vier Klicks. Bettina Berendt ist Junior-Professorin an der Berliner Humboldt-Universität und hat viel geforscht zu den Themen wissenschaftliches Arbeiten und Urheberrechte. Wird mehr abgeschrieben als früher?

"Es ist mehr sichtbar als früher, es ist mehr messbar als früher und es liegt den Leuten schon wie ein Stein im Magen. Es gibt viele Leute, denen es sehr aufstößt. Wir müssen eine noch bessere Hilfestellung dabei liefern, wie wird wissenschaftlich gearbeitet, warum zitiert man, wie bezieht man sich auf andere Quellen? Wir müssen den Studierenden dabei helfen, es gut zu machen, was die meisten ja auch wollen."

Alle Studenten unter Generalverdacht stellen? – davon hält Bettina Berendt nichts. Denn natürlich schreiben nicht alle ohne Erlaubnis ab. Aber es sind zu viele, hat der Soziologie-Student Sebastian Sattler ermittelt. Für seine Abschlussarbeit befragte er Kommilitonen und 90 Prozent sagten, sie wären bereit, für Hausarbeiten unerlaubt Texte zu kopieren. Das hätten sie nämlich in der Schule auch schon gemacht.

Wer heimlich abschreibt, bekommt aber Ärger. Das gilt für Studenten, Wissenschaftler, Schüler und Journalisten. Und: Es ist mittlerweile sehr leicht geworden, Plagiatoren auf die Schliche zu kommen, denn es gibt Software dafür.

Bettina Berendt fährt ihren Computer hoch und loggt sich im Internet auf der Seite von turn-it-in ein, einem Online-Dienst, der eingereichte Arbeiten von Studenten blitzschnell mit wissenschaftlichen Texten vergleicht, die schon im Internet stehen. Nach kurzer Zeit hat sie eine Zusammenfassung und die Web-Adressen der Seiten, von denen abgeschrieben worden ist. Im eingereichten Dokument sind die kopierten Passagen farbig markiert – nun braucht der Verfasser schon eine gute Ausrede:

"Dieses Tool geht den Text durch, und hat jetzt hier schon leider im zweiten Absatz einen ganzen Satz gefunden, der offensichtlich so schon mal existierte, und ich sehe, wo das halt herkommt, links hab ich es im Kontext der Hausarbeit, rechts hab ich es im Kontext der Originalquelle. Das ist eine Quelle, von der es gefunden wurde, im Internet gibt es viele Verdoppelungen. Was passieren kann, ist, dass derjenige ganz ordentlich eine Internet-Quelle angegeben hat, und die findet jetzt die Suchmaschine nicht, also das muss man schon sehr sorgfältig bewerten."

Turn-it-in und Docoloc, die beiden großen Dienste auf der Suche nach Plagiaten, können nur Übereinstimmungen finden, weiter reichen die Fähigkeiten nicht. Wenn jemand in seiner Arbeit geschickt umformuliert hat, bemerken es die Suchprogramme nicht. Peter Hartig sieht bereits eine "elektronische Aufrüstung" am Horizont:

"In jedem normalen Office-Programm gibt es eine Thesaurus-Lösung, die einem dann natürlich entsprechende Möglichkeiten bietet, Texte soweit zu verändern, dass man irgendwann ein Maß erreicht an Veränderung, welches von einer Plagiats-Erkennungs-Software nicht mehr erkannt wird. Das sind einfache Möglichkeiten, und die Leute werden dabei natürlich auch kreativer, was Formulierungen angeht in wissenschaftlichen Texten."

Ein Plagiat bleibt es aber auch, wenn nicht wörtlich abgeschrieben wurde, sondern geschickt umformuliert. Aus einem Vollplagiat wäre lediglich ein Teilplagiat geworden.
Das Zitieren selbst möchte niemand zur Debatte stellen, denn es ist eine wichtige wissenschaftliche Errungenschaft. Bettina Berendt:

"’Standing on the shoulders of giant’", das ist Galilei, dass eigentlich kein Wissenschaftler bei Null anfängt. Alle Kultur, alles Wissen baut auf vorhandenem Wissen auf und nutzt das und wir haben dadurch im Urheberrecht das Zitatrecht als eines der wichtigen gestatteten Wiederverwendungen von anderer Leute geistigem Eigentum, weil eben anerkannt wird, dass die ganze Maschinerie der Wissenschaft nur so funktioniert, dass man sieht, was ist schon da und was ist nicht da und was kann ich beitragen?"

Es geht also nur um den richtigen Umgang mit bestehendem Recht. Peter Hartig bemängelt, dass Studierende oft gar nicht wissen, wie Wissenschaftler arbeiten sollen. Die Schuld sieht er in Schulen und im Grundstudium:

"Ansetzen muss man für ne Verbesserung des Studiums ganz am Anfang, in den Schulen und in den ersten beiden Semestern des Studiums. Die Abbrecherquoten zeugen davon, dass die Leute relativ wenig Erfahrung beziehungsweise einen Plan davon haben, was in den Studiengängen auf sie zukommt."

Wer in dem Fachbereich gelandet ist, in dem er sich wohl fühlt, kommt weniger in Versuchung, zu schummeln, abzuschreiben oder unerlaubt zu kopieren. Wissenschaft kommt nämlich nur dann voran, wenn man über das Bestehende hinausgeht. Und das ist beim Abschreiben ja gar nicht möglich.

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